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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Wo steht der Regenbogen

Für manche Schriftsteller werden Naturphänomene oft zur Beschreibung einer bestimmten Situation erwähnt ohne dabei auf Details des Phänomens einzugehen. Nicht so in der Geschichte „Die Toten vom Watt“ von Klaus Modick. Hier liegen alle Fakten auf der Hand:
Wir bestellten Bratkartoffeln mit Matjesfilet, dazu Bier, und als das Essen auf dem Tisch stand, hört der Regen plötzlich so schlagartig auf, wie er eingesetzt hatte. Aus Südosten verebbendes Grollen, dann brach die Abendsonne durch, fiel lang und sehr gelb über das  vom Regen glitzernde Grün der Wiesen und zog spiegelnde Bahnen auf dem Wasser des Schleusentiefs. Über dem Deich spannte sich im Nordwesten ein Regenbogen, in den Abstufungen der einzelnen Farben so klar gegliedert, wie ich es nie zuvor gesehen hatte*.
Das Problem ist nur, dass an einem Abend die Sonne im Westen, im Sommer sogar im Nordwesten, untergeht. Auch in Ostfriesland, wo die Geschichte spielt ☺. Mit anderen Worten, der Regenbogen, der ja – vereinfacht gesprochen – durch kollektive Brechung und spiegelnde Reflexion des Sonnenlichts in den Wassertröpfchen einer Wolke zustandekommt, kann dann nur „gegenüber“ also im Osten bis Südosten gesehen werden.
Der Schriftstellerkollege Arno Schmidt hätte sich vermutlich sehr über diese Passage aufgeregt. Ich sehe das Ganze etwa lockerer, in diesem Fall auch deshalb, weil ich Klaus Modick (*1951) ansonsten gerade wegen seiner präzisen Beobachtungen und Beschreibungen sehr schätze (siehe z.B. hier und hier). Andererseits wünschte ich mir auch, dass die „scientific literacy“ als kulturelle Kompetenz bei einem Großteil der Menschen etwas ausgeprägter sein könnte. Aber daran arbeiten wir ja.
Der kleine Ausschnitt des Regenbogens auf dem Foto ist übrigens original ostfriesisch. Er tauchte nur ganz kurz in einer Regensträhne auf, die vor mir vorbeizog und mir kaum Zeit ließ, ihn fotografisch festzuhalten. Da die „verantwortlichen“ Regentropfen vor dem Schilf niedergingen, erlebte ich den Bogen in unmittelbarer Nähe.

*In: Modick, Klaus: Krumme Touren. Frankfurt 2009, S. 112

Diskussionen

12 Gedanken zu “Wo steht der Regenbogen

  1. ich bin ja nicht gern Beckmesser, aber dieser Fehler von Modick ist schon krass. Gabs denn keinen Lektor – Lektorin, ihn anzustreichen?
    Mir fällt immer wieder auf, wie ungenau wir Menschen beim Hinschauen sind. Was den Regenbogen betrifft, erhielt ich einmal eine Lehre, die ich nie vergessen werde. Ich saß im Zug von Alexandroupolis nach Saloniki. ungefähr Ost-West-Richtung. Draußen regnete es stark, und ich las in Goethes Farbenlehre, bis ich an eine Stelle kam, an der er über das Spektrum des Regenbogens sprach. Ich fragte mich: Steht eigentlich das Rot oder das Violett im inneren Kreisbogen? Und wie ich so dachte, blickte ich aus dem Fenster. Da stand – die Gleise hatten grad eine scharfe Kurve Richtung Süden gemacht – plötzlich ein Regenbogen in der Ebene. Ich war total verblüfft und begeistert und vergaß meine Frage. Da hörte ich eine innere Stimme (oder war es der Regenbogen selbst, der sprach?): „nun präsentiere ich mich dir extra in voller Größe, damit du deine Aporie lösen kannst, und wieder schaust du nicht hin“. Da erst schaute ich mit sachlichem Interesse, und seither weiß ich, wie die Reihenfolge der Farben ist. 🙂

    Verfasst von gkazakou | 17. Juli 2018, 00:24
    • Die Lektoren kannst du heutzutage vergessen. In diesem Fall würde es ja geradezu voraussetzen, dass sie sich in die konkrete Situation hineinversetzen. Dazu haben sie keine Zeit.
      Dein Erlebnis mit dem im rechten Moment erscheinenden Regenbogen ist schon toll. Ich kenne auch solche Erfahrungen. Man wagt sie gar nicht anderen zu erzählen, weil sie so unwahrscheinlich sind, dass sie einem sowieso nicht abgenommen werden.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 17. Juli 2018, 08:23
      • So unwahrscheinlich sind solche Momente m.E. gar nicht. Unser Leben ist übervoll. Unser Gehirn selektiert ständig zig unbewusste Wahrnehmungen aus, die es nicht ins Bewusstsein schaffen (sollen). Das Gelesene von Gerda hat es ermöglicht, etwas Augenfälliges doch ins Bewusstsein zu heben. Wenn man statistisch die Anwesenheit von Regenbögen in einem Menschenleben zählen würde, käme man wahrscheinlich auf 1 % bewusst gesehene.
        Meine ich.

        Verfasst von kopfundgestalt | 17. Juli 2018, 10:18
      • Wenn man sich nicht gerade auf ein bestimmtes Ereignis bezieht, wie: ich denke gerade an einen Regenbogen und in dem Moment taucht er auf, sondern auf unwahrscheinliche Momente insgesamt, so gebe ich dir Recht. Das summiert sich. Hinzu kommt, dass wir viele Phänomene, von denen unsere Netzhäute belichtet werden, gar nicht sehen, weil wir sie nicht erwarten oder in dem Moment mit ganz anderem beschäftigt sind.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 17. Juli 2018, 11:25
      • Ja, das war genau mein Punkt.
        Ist etwas im Bewusstsein, kann ein zweites nicht gleichzeitig rein. Darüber schreibt Dehaene, den ich gerade lese. Ein ganzes inneres Gremium entscheidet in Bruchteilen einer Sekunde, was dem Bewusstsein vorgelegt wird.

        „Weil weil wir sie nicht erwarten…“ – das ist das berühmte Video mit dem Gorilla auf dem Spielfeld, den man nicht bemerkt, weil man die Ballkontakte der Spielerinnen zählen soll.

        Verfasst von kopfundgestalt | 17. Juli 2018, 12:38
  2. Das was Du als mangelnde Kompetenz in Sachen Physik wahrnimmst, nehme ich manchmal wahr, wenn etwa jemand über Schach schreibt. Man kann da viel Falsches oder Unzulängliches schreiben.
    Dasselbe kann man wohl auch bei geschichtlichen Fragen konstatieren.
    Es kann halt nicht jeder so tief in eine Materie einsteigen, daß er ohne Fehl und Tadel ist. Zumindest kann man aber verlangen, daß derjenige, der eine Sache „gerne“ zu vereinfacht darstellt, wissen sollte, daß die Dinge meist nicht so einfach beschaffen sind.

    Das nur als kurze, profane Anmerkung zur Nacht 🙂

    Verfasst von kopfundgestalt | 17. Juli 2018, 01:23
    • In diesem Fall ist das Problem nicht so sehr, dass ein beiläufig erwähntes Phänomen so beschrieben wird, wie es nicht sein kann, sondern dass durch die exakte Angaben von Himmelsrichtungen u.ä. geradezu so etwas wie Präzision beabsichtigt war und suggeriert wurde, es werde etwas genauso beschrieben wie es erlebt wurde. Erst dadurch wurde ich als Leser zum genauen Nachvollzug veranlasst. Ansonsten hätte ich mich wohl gar nicht in die Situation hineinversetzt.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 17. Juli 2018, 07:55
  3. Ich möchte bitte das Foto loben – ich finde es überaus gelungen und hätte es gern selbst gemacht.
    Was Lektoren angeht, so darf ich versichern, dass es auch extrem viele beratungsresistente Autoren gibt (und ja, ganz oft ein Zeitproblem). Was ich allerdings Herrn Modick, dessen Bücher ich ebenfalls schätze, keinesfalls unterstelle.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Verfasst von Christiane | 17. Juli 2018, 08:52
    • Liebe Christiane, das Foto ist ein Glücksfall. Man hätte es kaum „stellen“ können. Daher gilt der Lob eher der Glücksfee, die eine begrenzte von der Sonne angeleuchtete Tropfenwand durchs Gesichtsfeld trieb. Was deine Aussagen zu Lektoren und beratungsresistenten Autoren betrifft, so kann ich das voll bestätigen, insbesondere letzteres. Manche Verlage – insbesondere im fachwissenschaftlichen und Sachbuchbereich – ersparen sich Lektoren und überlassen (fast) alles (vor allem die Verantwortung) den Autoren. Was Modick betrifft, so ist dieser Fehler überhaupt nicht typisch für ihn. Vielleicht hat er zu später Stunde vor seinem geistigen Auge überhaupt nur Südosten und Nordwesten „velwechsert“ (Ernst Jandl). Liebe Grüße, Joachim

      Verfasst von Joachim Schlichting | 17. Juli 2018, 09:18

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