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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Der vorgezogene Herbst

In den letzten 6 Wochen kann man vermehrt beobachten, dass Bäume ihre Blätter verlieren. Anders als im Herbst, wenn vorher das wertvolle Blattgrün aus den Blättern abgezogen und eingelagert wird, findet man allerdings keine entgrünten und daher typisch die Rot- und Gelbtöne variierenden Blätter vor, sondern einfach vertrocknete und oft noch grüne Blätter (rechtes Foto). Selbst unter Nadelbäumen, die ihre Blätter normalerweise behalten, breiten an vielen Stellen unter sich einen grüner Teppich aus, so wie ich ihn ansonsten noch nie erlebt habe (linkes Foto).
Das alles geschieht aus Wassermangel und ist der extremen Trockenheit geschuldet, die die Bäume und andere Pflanzen in diesem Sommer über sich ergehen lassen mussten und in vielen Gebieten noch müssen. Die wenigen Regenschauer, die wir in den letzten Tagen erlebt haben, sind nicht der Rede wert. Gräbt man im ausgetrockneten Boden, so stellt man fest, dass die Feuchtigkeit nur wenige Zentimeter an der Oberfläche ausmacht.
Ich bin gespannt, ob und wenn ja, welche Auswirkungen dieser massive Einschnitt in das Leben der Bäume haben wird. Werden sie im nächsten Frühjahr so tun, als ob nichts geschehen ist?
Und was wird aus dem Herbst, wenn die Blätter jetzt schon fallen, die Felder bereits abgeerntet, Blumen verblüht sind, bzw. wegen Trockenheit erst gar nicht dazu kommen?

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Diskussionen

10 Gedanken zu “Der vorgezogene Herbst

  1. Ein dickes Fass.
    Es gibt ja die Klimawandelleugner, die von Sonnenflecken reden ect.

    Die Fauna ist m.E., so habe ich es gelernt in den letzten Jahren, etwas sehr Fragiles. Folglich wird das Auswirkungen haben. Wir können also gespannt sein, was das nächste Frühjahr bringt.

    Verfasst von kopfundgestalt | 20. August 2018, 00:59
  2. Gerade vor wenigen Minuten dachte ich beim Anblick meiner durch die Trockenheit armselig braun gewordenen Birke darüber nach, dass „uns“ die Worte fehlen, die nun im Sprachgebrauch vonnöten sind, um die sommerlichen Mangelerscheinungen der Pflanzenwelt in Denken, Gefühl und Ausdruck mit dem zutreffenden Begriff zu beschreiben, denn „Herbst“ wird zwar automatisch beim Anblick trockener Blätter ausgeworfen, aber ursächlich zutreffend ist es nicht, und ich weigere mich, meine Wortwahl, und sei es sogar innerhalb meines eigenen Kopfes, diesem Sprach-Provisorium anzuschliessen.

    Was es für die Natur bedeutet, mit den Erscheinungen von Dürre zurecht zu kommen, wie Blattfall, noch in der Knospe vertrocknenden Blüten oder viel zu kurzen Blütezeiten, vertrocknete Beerenfrüchte, nichterscheinende Fruchtkörper von Pilzen oder gleich das Vertrocknen des Myzels, die Beeinträchtigungen des Bodenlebens generell und die Insektenarmut, an der ausnahmsweise unter diesen Umständen nicht die Chemie schuld ist und damit das Hungern der von ihnen abhängigen Arten – nichts davon passt zur mitteleuropäischen Auffassung von gedanklich mit Fruchtbarkeit verbundenem Herbst.

    Auch das sogenannte phänologische Jahr, das mit seinen zehn anhand von Zeigerpflanzen definierten Zeitabschnitten noch viel mehr lokal werden muss als die Abweichungen der einfachen vier Jahreszeiten – selbst die nur innerhalb Deutschlands nie ganz gleich – wird neu überdacht werden müssen.

    Andererseits sind die milden Winter der vergangenen Jahre (zumindest in meiner Region in Ostniedersachsen) ein Garant dafür, dass ein mehr Feuchte bringendes Vierteljahr von September bis Dezember Erholung für ausdauernde Pflanzen, ob Stauden oder Bäume, eine zwar sparsame aber mögliche Vegetationszeit und womöglich eine zweite Blüteperiode für andere, sogar nur Einjährige, mit sich bringen könnte.

    Spannend wird es ganz sicher, denn die Regenarationsfähigkeiten von Pflanzen und Tieren zwischen klimatischen Extremen ist man in Norddeutschland zu beobachten wenig gewohnt.
    Ich glaube, ich habe meinen Garten in seiner Gesamtheit noch nie so sehr beobachtet, wie in diesem Jahr, und das schon seit dem Frühjahr, nachdem er schliesslich vorher seit dem Spätsommer nass war wie ein Schwamm und das bis in den März auch geblieben war, so dass alle gewohnten Erwartungen Flora und Fauna sandigen trockenen Bodens weitgehend unerfüllt blieben.

    Die „bürgerlichen“, kommerziell einfach zu handhabenden Jahreszeiten danken ab und der Mensch muss mehr als nur seine Klischees hinterfragen, das scheint als einziges sicher.

    Verfasst von puzzleblume | 20. August 2018, 08:34
    • Vielen Dank für deinen ausführlichen und einleuchtenden Kommentar. Auch wenn man nach einem so extrem ausgefallenen Einzelfall noch keine Verallgemeinerungen treffen kann, muss man sich ernsthaft Gedanken machen – auch wenn dadurch natürlich nichts geändert werden kann. Ich bin auch schon sehr gespannt, wie es weitergehen wird. Im Moment hält bei uns (Osnabrücker Land) die Trockenheit unvermindert an und es fragt sich, ob die völlig vertrockneten Büsche (Forsythien, Rhododendren u.ä.) wieder zu neuem Leben erwachen werden. Vermutlich wird man das erst im nächsten Frühjahr wissen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 20. August 2018, 10:49
      • Ja, da stimme ich zu, wenn die Pendelausschläge immer breiter werden, wird es schwierig mit den gewohnten Prognose-Schemata und agrarische und Gartenplanungen müssen anders ausgerichtet werden als traditionell in unseren Breiten.
        Die Verlage, die von Ratgeber-Literatur leben, wären gut beraten, sich nach Übersetzer- Autoren umzusehen, die Literatur aus südlicheren Breiten durchforsten.
        Für mich war mein zwölfjähriger Aufenthalt (mit Garten) am Neusiedler See schon „revolutionierend“ nicht nur, was Pflanzenauswahl und Aussaat-Zeitpunkte betrifft, sondern was unter den Einflüssen von längeren und intensiveren Hitzesommern als machbar anzunehmen ist. Damals habe ich alle meine deutschen Gartenbücher ins Altpapier gegeben und keine Gartenzeitschriften mehr gekauft – im pannonischen Gebiet hat nichts davon Sinn gemacht, weder Saat-, Pflanz- noch Schnittzeitpunkte waren mehr zutreffend.

        Verfasst von puzzleblume | 20. August 2018, 11:30
      • Dass es im Europa nördlich der Alpen schon derartige Unterschiede gibt, habe ich mir bislang noch nicht klargemacht. Falls dieser Sommer keine Ausnahme ist, wird man wohl auch hier demnächst seine Gartenbücher wegwerfen müssen und die Bauern kommen nicht umhin, sich ebenfalls umzuorientieren. Die einzige Pflanze, die sich wohl gefühlt hat, ist der Wein, der diesmal in einem solchen Übermaß gedeiht und von einer solchen Süße ist, dass man meinen könnte, in Südfrankreich zu sein. Ich kann und will es im Moment noch nicht glauben, dass es zu einer Klimaverschiebung kommt.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 20. August 2018, 15:04
      • Selbst wenn es sich nur um Phasen handelt, wie es sie in früheren Jahrhunderten und der
        überlieferten Menschheitsgeschichte bereits gegeben hat, ist Anpassung in Land-und Forstwirtschaft sicherlich notwendig, angefangen bei der Flug-erosion des trockenen Bodens auf den viel zu grossen ungeschützten Ackerflächen, wie es derzeit schon ausa grosser Entfernung in der Luft beobachtet werden kann, weil man ihnen während der zurückliegenden Jahrzehnmte die schützenden Knicks und Baumreihen genommen hat.

        Verfasst von puzzleblume | 20. August 2018, 15:38
      • Da gebe ich dir unbedingt Recht. Die immer größer werdenden landwirtschaftlichen Flächen und der Anbau z.B. von Mais über viele Jahre hinweg auf demselben Acker sind natürlich sehr dumm. Wenn man beispielsweise die A31 durch das Emsland nach Leer fährt, trifft man Warnschilder mit der Aufschrift „Staub“. Am Anfang hatte ich darin „Stau“ gelesen, bis eines Tages an einem an sich sonnigen Tag wüstensturmartig Ackerstaubfahnen über die Autobahn stieben. Da wusste ich, dass es das kleine „b“ in sich hat.
        Knicks waren in meiner Kindheit wahre Ökosysteme. Hier habe ich zum Beispiel zum ersten Mal die Nachtigall gehört. Jetzt sind Knicks eine Rarität und werden demnächst wohl nur noch in einem Museumsdorf zu sehen sein.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 20. August 2018, 16:32
      • So ähnlich kenne ich es auch. Vergangenes Wochenende war ich bei Wismar an der Ostsee und auch auf dem Wasser unterwegs, von wo aus der Staub der abgeerneten bzw, in Bearbeitung befindlichen Felder sehr auffallend die Luft bis hoch zur unteren Wolkenschicht verfärbte, wenn nicht stellenweise sogar grosse „Staubhexen“ zu beobachten waren.
        Landwirte tendieren eigentlich generell dazu, das Ihre mit Argusaugen zu bewahren, aber sich auf die einfachen Methoden zu besinnen, ihren Mutterboden auf dem Feld zu schützen und zu behalten, scheint ihnen schwerer zu fallen, als immer neue Hecken und Raine unterzupflügen.

        Verfasst von puzzleblume | 20. August 2018, 17:40
      • Das was du über die Landwirte sagst, kann ich voll bestätigen. Die vermeindliche Wirtschaftlichkeit übertrifft bei vielen alles Andere. Zum Glück habe ich aber auch (leider nur vereinzelte) Erfahrungen mit dem Gegenteil.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 20. August 2018, 21:28

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