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Marginalia

Schmetterlinge (5) – fliegende lebendige Blumen

Wer wird der Farben Meng´ und ihre Schönheit nennen,
Erzehlen und beschreiben können,
Mit welcher die Natur die kleinen Thierchen schmückt?
Wie mancherley hab ich mit innigem Vergnügen,
Nur bloß an Fliegen einst erblickt!
Woran die Farben sich recht wunderbarlich fügen,
Braun, gelblich, röthlich, schwartz und grau,
Grün, roth, gelb, hell- und dunckel-blau,
Bald Gold mit grün, bald Gold mit roth, gemenget;
Bald ist der Flügel künstlichs Paar
Wie ein Crystall so weiß, so klar;
Bald sind auch die gefärbt und bunt gesprenget.
Bald scheinet sich in ihrer Flügel Glantz
Der bunten Iris halber Crantz
In schön gemischten Schmuck zu bilden.
Bey diesem ist der Leib, bey dem die Flügel, gülden.
Durchsichtig sind sie bald, bald wiederscheinend bunt;
Bald haben rothe blau-, bald grüne rothe Köpfe;
Bald sind die Köpfchen platt, bald sind sie lang, bald rund:
Es zieren selbige bald kleine schwartze Zöpfe,
Bald Hörnerchen, die eingkerbt und bunt.

Wie lieblich sieht es aus, wann schlancke Grase-Metzen,
Die blauer noch, als ein Türckis, gemahlet,
Auf Blättern, die Smaragd an grünem Glantze gleich,
Auf Blättern, welche hier beschattet, dort bestrahlet,
Bald sanfte schweben, bald sich setzen!
Kein schöner Schmeltz ist in der Welt,
Als den der blaue Glantz, vom schwartzen noch erhoben,
An diesem Thierchen uns vor Augen stellt.
Hier glühen, auf dem holden Grünen,
Die Sonnen-Kinderchen, wie lebende Rubinen.
Dort blitzt, auf weisser Bluhmen Zier,
Ein gleichfalls lebender Sapphir,
Ein Würmchen, dessen Blau fast wie der Himmel scheinet.

Wie manche Art von Wespen und von Bienen
Erblicket man in dem beblühmten Grünen!
Die Hummel fliegt mit brummen hin und her;
Ihr Cörper scheinet in sich schwer,
Als wenn er in der Luft ein kleiner Bär
Mit Flügeln wär.

Noch mehr: Man siehet offt an einer Rosen hangen
Fast aller Edelsteine prangen,
Im Mayen-Käferchen vereint.
Sprecht, ob die spielenden Opalen
Veränderlicher strahlen.
Wer muß sich nicht recht inniglich ergetzen,
Und in der Lust sich nicht zugleich entsetzen,
Wann er das Heer der bunten Schmetterlinge
Besieht, und ihren Putz erweget?
Es sind wahrhaftig Wunder-Dinge
Den bunten Flügeln eingepräget.
Man wird mit grossem Rechte können
Sie fliegende lebendge Bluhmen nennen.
Man theilet sein, nicht unrecht, insgmein
In Nacht- und Tage-Eulchen ein,
Die alle wunderlich formiret,
Die alle wunderlich gezieret:
Damit so gar des Nachts die Luft nicht leer
Von Göttlichen Geschöpfen wär.
Man kann der Farben Unterscheid,
Man kann der Bildung Nettigkeit,
Aus welcher sie bestehn,
So wenig, als die Zäser, zehlen.

Barthold Hinrich Brockes (1680 – 1747). Im grünen Feuer glüht das Laub. Weimar o.J., S. 75-76

Brockes spricht

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Diskussionen

6 Gedanken zu “Schmetterlinge (5) – fliegende lebendige Blumen

  1. Ein erstaunlich detailreiches Bildungsgedicht. Diese Form der belehrenden Literatur hat sich mehr und mehr in den Bereich der Bilderbücher für Kinder verschoben, aber umgekehrt produziert es auch hier beim Lesen die Vorstellung, dass es eigentlich von kolorierten Illustrationen begleitet sein müsste.

    Verfasst von puzzleblume | 30. August 2018, 08:59
    • Das ist ein Aspekt, den ich bisher noch gar nicht gesehen habe; er leuchtet mir ein. Was mir ansonsten an Brockes gefällt, ist die schon einige Jahrzehnte nach seinem Tod nicht mehr geschätzte Verbindung von präziser und analytischer Betrachtung und poetischer Beschreibung. Man kann ja seine noch dem Barock geschuldeten Huldigungen der Natur und der Schöpfung überlesen. Sein Hauptwert: Irdisches Vergnügen in Gott, bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten ist eine wahre Quelle von schönen Beschreibungen auch der ganz kleinen Dinge (Pflanzen und Tiere), die uns heute unter dem Aspekt des Insektensterbens besonders angehen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 30. August 2018, 14:40
  2. Wie schön gesehen und beschrieben! Und alles ohne Macro-Foto 😉

    Verfasst von gkazakou | 30. August 2018, 12:44
    • Genau. Obwohl ich die Macro-Fotografie schätze und selbst praktiziere verführt sie doch leicht dazu, vor Ort nicht mehr gründlich genug zu beobachten. Ich habe mich selbst dabei erwischt, als ich mal keine Camera dabei hatte, mich zu ärgern. Ich habe dann aus der Not eine Tugend gemacht und intensiv beobachtet. Das ist dann zwar nicht so leicht kommunizierbar, aber dafür ein echtes Erlebnis.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 30. August 2018, 14:55
      • DAS kann ich nicht nachvollziehen. Mein Macro-Objektiv ERLAUBT mir eine nähere und tiefere Sicht.
        Es ist eine Mär, daß ein technisches Instrument die Näheerfahrung verunmöglicht.
        Nicht wahr?

        Verfasst von kopfundgestalt | 31. August 2018, 00:18
      • Das ist unbestritten. Ich mache und schätze selbst Macro-Aufnahmen. Aber die Aufnahme ist nur ein Aspekt eines Gesamteindrucks eines größeren Zusammenhangs, zu dem die Umgebung, Bewegungen, Gerüche, Töne gehören, die durch einen auf rein optische Details zugespitzten Zugang übersehen werden könnten.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 31. August 2018, 09:01

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