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Physik im Alltag und Naturphänomene

Retinaler Hohlspiegel

Beim Flanieren in einer Fußgängerzone wurde in einem Modegeschäft meine Aufmerksamkeit von einer Schaufensterpuppe erregt, die – wie mir durch den Kopf schoss – „ganz Auge“ war. Jedenfalls konnte ich mich selbst davon überzeugen, dass ich von ihr sichtbar „wahrgenommen“ wurde und zwar vom ganzen Gesicht. Kopfstehend wurden ich und die übrige Umgebung reflektiert. Und da Reflexionen oft auch ihre kognitiven Verwandten animieren, schoss mir durch den Kopf, dass das Gesicht der Puppe wie eine überdimensionale Retina das „Gesehene“ kopfstehend abbildet.
Es ist also wie beim richtigen Auge. Erst das Gehirn macht daraus ein aufrechtstehendes Bild. Da die Puppe offenbar kein Gehirn hat, musste ich ein wenig nachhelfen, indem ich das Bild auf den Kopf stellte und damit den „Sehinhalt“ rektifizierte (untere Abbildung).
Wie das Gehirn so etwas zuwege bringt, ist hirnphysiologisch wohl nicht geklärt. Ich hatte jedoch infolge einer Augenoperation die Gelegenheit festzustellen, dass man nur lange genug die Welt auf dem Kopf stehend anschauen muss, bis sie schließlich richtig herum erscheint. Es gibt Umkehrbrillen, mit denen man so etwas trainieren kann, aber das ist äußerst mühselig.
Dass das Bild auf der Retina kein Spiegelbild ist, sondern eher einer Abbildung mit einer Camera Obscura entspricht, wusste man spätestens seit Leonardo da Vinci. Der Anatom Jean Pecquet (1622 – 1674) geht davon aus, dass sich das Bild gewissermaßen auf der Oberfläche der Retina oder (im Falle der Camera Obscura) des Papiers u.ä.  malt, als ob es ein wirkliches Gemälde sei. Damit hat Pecquet bereits 1668 gezeigt, was die Kunsthistorikerin Svetlana Alpers 1983 zur Wesensbestimmung der niederländischen Malerei suchte: ein wirkliches Gemälde, das sich sowohl aufs Papier wie auch auf die Retina des Auges aufzeichnet*. Einmal mehr zeigt sich hier eine Verbindung zwischen Physik und Kunst, die u.a. darin zum Ausdruck kommt, dass manche Maler auch physikalische Hilfsmittel wie Camera Obscura oder Linse benutzten.
Die mit einem Hohlspiegel ausgestattete Schaufensterpuppe sollte vermutlich nur die Aufmerksamkeit potenzieller Käufer*innen auf sich ziehen. Das ist ihr bei mir sogar gelungen, allerdings nicht in der Weise, wie es wohl intendiert war.


* Svetlana Alpers. Kunst als Beschreibung. Köln 1985

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Diskussionen

6 Gedanken zu “Retinaler Hohlspiegel

  1. Ja, man war früher der Auffassung, daß das Drumherum uns Bildchen von sich ins Auge schickt, so ähnlich wie herumschwirrende Samen, nur schneller und direkter.
    Das Auge hat seinen Begin in einem sogenannten Augenfleck, einfach eine Region, die hell-dunkel erfasst. Soweit ich noch weiß, hat man die Anzahl der Generationen errechnet, die vom simplen Augenfleck bis hin zum Auge des Menschen erfolgt sind und daraus geschlossen, daß so etwas Komplexes in der verfügbaren Zeit durch Versuch und Irrtum nie hätte entstehen können. Also muß es doch eine irgendwie gerichtete Evolution geben. Was die Richtung dabei vorgibt, ist auch eine Art Mysterium. Ich hatte von Andreas Wagner ein solches Buch gelesen, vor 2 Jahren.
    Schönen Tag Dir, Joachim.

    Verfasst von kopfundgestalt | 23. September 2018, 09:13
  2. Das erinnert mich an eine frühere Begebenheit, die ich mit meinem damals noch die zweite Klasse der Grundschule besuchenden Sohn hatte.
    Er war in der Schule gestürzt und mit dem Kopf aufgeschlagen und sah alles auf dem Kopf stehend, wie er mir beim Verlassen des Schulgebäudes mitteilte, damit war klar, dass er eine Gehirnerschütterung hatte und wir ins Krankenhaus fahren mussten.
    Ob ihm seine Veranlagung als Legastheniker / Dyslektiker mit der damit verbundenen ständigen und gewohnheitsmässigen „Suche nach weiteren Perspektiven“ von Beginn an behilflich war, werde ich wohl kaum erfahren, aber er hatte binnen einer halben Stunde schon heraus, alles umzudrehen, konnte im Krankenhaus beim Test – medizinisch wenig hilfreich – korrekt die Uhr ablesen und einen Streifen am Boden sauber abgehen.
    Auch später, auf der Station kompensierte er bei Fragen der Ärzte schon alles als „richtig herum“, so z.B. das Kruzifix in Bettnähe, obwohl er genau wusste, dass er es beim ersten Hinsehen eigentlich spontan zuerst „falsch herum“ wahrgenommen hatte.
    Nach der ersten durch die Geräusche auf der Station furchterregeden Nacht hatte er die Ärzte dahingehend überzeugt, dass er nachhause konnte.
    Die Schwester war weniger leichtgläubig, hat aber nicht insistiert, sondern mit mir, der sie offenbar Vernunft zugetraut hat, besprochen, was zu tun war, weil wir das Glück hatten, das Kind allein und in Ruhe zu betreuen, was, wie sie meinte, ihm besser bekäme als die Station.
    Zuhause im Bett verriet mir der kleine Bursche, was ich schon wusste: „Ich wollte da bloss raus, Mama, aber ich sehe immer noch alles verkehrt-herum.“

    Die Auswirkungen der Dyslexia haben zwar die ganze Schulzeit beeinträchtigt, aber mir Gelegenheit gegeben, sehr viel lernen zu müssen und zu dürfen über die Herausforderungen an die Interaktion zwischen Sehen und auswertender Gehirntätigkeit, die sich, vereinfacht, nicht mit einer schnellen Lösung zufrieden geben kann, sondern die gegebenen Modelle immer noch weiter dreht und wendet – nicht gerade ein Vorteil beim Lesen und Schreiben, aber nicht nachteilig für das Vorstellungs- und Lösungsvermögen bei anderen Problemen.

    Ja, und einen schönen Herbstbeginn wünsche ich auch, denn ich bin genauso auf diesen astronomischen Herbst-Start fixiert und habe mich vorher einfach unwohl damit gefühlt.

    Verfasst von puzzleblume | 23. September 2018, 12:14
    • Vielen Dank für den interessanten und ausführlichen Bericht über die „Gesichtsfelddrehung“ bei deinem Sohn. Ich selbst habe damit auch einige Bekanntschaft gemacht, wenn auch in anderer Weise. Dabei habe ich die Bestätigung meiner Überzeugung gefunden, dass es dem Gehirn letztlich egal ist, wie herum und in welchem Winkel er das Netzhautbild angeboten bekommt; nach einer gewissen Eingewöhnungszeit wird es „richtig“ herum gesehen, will sagen: so dass man keine Anomalie oder Besonderheit bei der Wahrnehmung der Welt empfindet.
      Die Fähigkeit, etwas wider besseres Wissen also durch eigenes Wollen überkopf zu sehen, ist davon wohl zu unterscheiden, wenngleich Beziehungen dazwischen bestehen mögen. Bei so viel Cleverness deines Sohnes gehe ich mal davon aus, dass er trotz der Dyslexia einen guten Schulabschluss hat machen können oder machen wird. Denn unser Schulsystem ist eigentlich ziemlich durchschaubar und damit „hintergehbar“ – ähnlich wie es die Ärzte im Krankenhaus waren.
      Bei meiner eigenen Geschichte war es so, dass die Sehachse des einen Auges aufgrund einer Augen-OP für 36 Stunden quer stand. Wenn ich den Verband abmachte und das andere Auge abdeckte, sah ich die Welt zunächst quer, was die Orientierung und das Gehen sehr schwierig machten. Nach kurzem Training richtete sich die Welt aber wieder in der gewohnten Weise auf. Zunächst dachte ich, dass damit die operationsbedingte Querstellung vorzeitig vorbei sei. Als ich dann aber das intakte Auge abdeckte, was das alte Problem wieder da. Selbst wenn ich den Verband wieder über das kranke Auge schob, hatte ich genau dieselben Schwierigkeiten wie beim schrägsehenden Auge. Es dauerte allerdings nur kurze Zeit, bis es die Welt wieder normal sah.
      Der Augenarzt war allerdings wenig interessiert an dieser Geschichte, was mich wunderte. Denn in solchen Geschichten liegt doch eigentlich ein Schlüssel zum Verständnis der Abhängigkeit des Normalsehens von der Orientierung des Netzhautbildes.
      Ja, erst heute kann man bei uns von Herbst reden, obwohl die Temperaturen noch sehr angenehm sind. Aber es regnet erstmalig seit Monaten etwas anhaltender. Ich bin schon gespannt, was der Jahreszeitwechsel in deinem Blog bringen wird. LG, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 23. September 2018, 14:47
      • Quer zu sehen stelle ich mir noch komplizerter vor als auf dem Kopf Stehendes. und nur mit einem Auge noch erschwerender.
        Das Augenärzte sich damit nicht befassen, liegt vermutlich am Facharzt-Wesen, so dass der solche Phänomene eher dem Neurologen zuweisen würde.
        Ein ausgeprägtes Spezialistenwesen stellt ein gut funktionierendes Geschäftsmodell sicher. Sonstige Interessen wären darin höchstens Privatvergügen, fürchte ich.

        Die guten Zeiten des schulischen Entgegenkommens in Sachen Legasthenie waren leider schon vorbei, es bedeutete eine Menge Interventionen bei fast jedem neuen Lehrer, um bei denjenigen wenigstens einige Informationen zu streuen, die nach wie vor nicht zur Ausbildung gehörten.
        Selbst in der aktuellen Lehrerausbildung spielt der Themenbereich keine Rolle, wie mir mein anderer Sohn bestätigte.
        Sein Bruder ist inzwischen nach der Mittleren Reife im 2. Ausbildungsjahr zum IT-Kaufmann, die ideale Vebindung zweier seiner Talente. Probleme zu lösen sportlich zu nehmen hat er jedenfalls gründlich gelernt.

        Auf die Beobachtungen der kommenden Wochen und Monate bin ich auch sehr gespannt, denn bisher fehlen die Vergleiche.

        Verfasst von puzzleblume | 23. September 2018, 15:34
      • Ja, den Menschen als Ganzen sehen nur wenige Ärzte. Hier mangelt es massiv in der Ausbildung. Was die Lehrerausbildung betrifft, so wird versucht, im Rahmen der Inklusion einiges zu verbessern. Aber die Sache wird m.E. zu halbherzig angegangen. Schön dass dein Sohn mit den Problemen fertig geworden ist und einen zeitgemäßen Beruf ergriffen hat.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 23. September 2018, 17:43

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