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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Die Pracht der kleinsten Dinge

Die meisten Menschen wissen gar nicht,
wie schön die Welt ist und wie viel Pracht
in den kleinsten Dingen,
einer blume,
einem Stein,
einer Baumrinde
oder einem Birkenblatt sich offenbart.

Rainer Maria Rilke

Ich frage mich manchmal, ob wir ein Blatt auch deshalb als schön empfinden, weil in seiner äußeren Beschaffenheit  sehr viel Inneres abgelesen werden kann. Wir lesen in diesem Blatt, wenn auch anders als in den Blättern eines Buches: Das Adersystem, das in seinen systematischen Verzweigungen Transportmechanismen offenbart, die das Strömen von Energie und Stoff visualisieren. Verfärbungen, die die physiologischen Prozesse zum Ausdruck bringen, die auf die Winterruhe vorbereiten. Aber auch an die Ähnlichkeit mit einem natürlich gewachsenen Dorf kann ein Blatt erinnern, in dem Straßen und Wege sich verzweigen oder zur Hauptstraße hin vereinigen. Nicht zu vergessen die Gedanken, die dadurch in uns in Gang gesetzt werden.

Diskussionen

14 Gedanken zu “Die Pracht der kleinsten Dinge

  1. Ich habe vor etwa 7 Jahren einen Biologen gefragt, ob Funktion je aufhört, wenn man tiefer in die Materie hineinleuchtet. Er gab eigentlich keine Antwort darauf. Ich weiß mittlerweile, daß selbst auf Molekülebene Funktion und Mechanik nicht aufhört und eine starke Rolle spielt.

    Verfasst von kopfundgestalt | 27. Oktober 2018, 01:22
    • Diese Frage hat Leibniz schon vor über 300 Jahren bewegt. Er spricht hier der damaligen Diktion nicht von Funktion, sondern von Maschine, wenn er (in seiner Monadologie) sagt: „Aber die Maschinen der Natur, d.h. die lebendigsten Körper, sind noch Maschinen in ihren kleinsten Teilen bis ins Unendliche. Das ist der Unterschied zwischen der Natur und der Technik, d.h. zwischen der Natur und der Technik, d.h. zwischen der göttlichen Kunstfertigkeit und der unsrigen.“
      Heute spricht man auf der Ebene biologischer Zellen bereits wieder von Zellmotoren, wobei man natürlich man natürlich an mechanische Aspekte makroskopischer Motoren denkt.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 27. Oktober 2018, 10:18
      • Man studiert ja auch die mannigfaltige und situationsbedingte Faltung von Proteinen, indem man versucht, sie „optisch“ festzuhalten. Insofern ist ihre Gestalt nicht zufällig, also ein bloßer „Klumpen“ von Molekülen.

        Wissenschaftsgeschichte ist sowieso sehr interessant. Deshalb Danke wegen Leibniz. 🙂

        Verfasst von kopfundgestalt | 28. Oktober 2018, 11:00
  2. So assoziationsreich wie nach deiner Beschreibung würde ich es auch empfinden.
    Aber auch kleine Kinder, die diese Vorstellungen noch nicht haben, lieben einzelne Blätter, Muscheln oder Schneckenhäuschen. Vielleicht ist es zunächst das ruhige Fokussieren auf eine überschaubare Form, die dem Menschen wohltut, bevor dann die Vorstellungskraft, wenn sie es will, wieder „Fahrt aufnimmt“?

    Verfasst von puzzleblume | 27. Oktober 2018, 09:26
    • Vielleicht war es der Blick eines Kindes, durch den ich dieses Kastanienblatt zunächst nur schön fand und mir überlegte, wodurch diese Empfindung ausgelöst wurde. Erst dann kamen die genannten Aspekte ins Spiel, von denen ich meine, dass sie mögliche Rationalisierungen der Schönheit sein könnten. Jedenfalls glaube ich bei mir festgestellt zu haben, dass das eigene Vorwissen bei ästhetischen Urteilen mit von der Partie ist. Das lässt sich wohl nicht vermeiden.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 27. Oktober 2018, 10:02
      • Das glaube ich auch, dass Wissen grundsätzlich auch den emotionalen Horizont beim Betrachten beeinflusst. Wie sonst käme es, dass man einen Regenbogen am Himmel unvoreingenommen „schön“ finden kann, aber einen gleichfarbigen Ölfleck auf der Strasse nur mit bedauernden Einschränkungen?
        Gleichzeitig verursachen die Prozesse des Vergleichens, gerade was die sich verschiedentlich wiederholenden fraktalen Formen angeht, ein angenehmes Gefühl der Geborgenheit in einer dem so verschieden Scheinenden innewohnenden Ordnung, das über Ästhetik noch weit hinausgeht.

        Verfasst von puzzleblume | 27. Oktober 2018, 10:14
      • Das sehe ich genauso. Bei mir kommt hinzu, dass Ästhetik und Naturphänomene eng miteinander verbunden sind. So finde ich es beispielsweise nicht als Entzauberung, wenn ich ein schönes Phänomen versuche AUCH naturwissenschaftlich zu erfassen. Es ist für mich ein Mehrwert, eine zusätzliche Dimension ohne auslöschende Interferenzen.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 27. Oktober 2018, 10:32
      • Das macht noch bewundernswerter. In der Musik gibt es auffallend oft die Verbindung mit der Liebe zur Mathematik und das Resultat ist zum Beispiel die harmonische Wirkung der Musik von Joh. Seb. Bach.

        Verfasst von puzzleblume | 27. Oktober 2018, 12:52
      • Was „schön“ ist und wirken kann, entsteht auch mit dem Wissen. In der Musik etwa wirkt auf den “ befliessenen Kenner“ manche Musik sehr ansprechend, andere empfinden sie vielleicht als atonal. Es hängt davon ab, wie sehr man sich auseinandersetzt.
        In der Kunst weichen die Grenzen zum Schönen immer mehr auf, erweitern sich. Ich finde das gut.
        Aktuelle Kunst kann als schön empfunden werden jetzt, wenn sie stimmig ist.

        Verfasst von kopfundgestalt | 28. Oktober 2018, 11:07
      • Schönheit in Kunst und Musik ist auch meines Erachtens nicht zu trennen von (Vor-) Wissen. Je mehr sich dieses entwickelt, desto komplexer (abstrakter) kann die Kunst/Musik sein. Stimmigkeit ist dabei ein schwer zu umschreibender Aspekt, der so etwas wie „Harmonie“ auf einer höheren Ebene erfasst.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 28. Oktober 2018, 18:17
  3. „die Notwendigkeit bevorzugt Schönheit“ (hab ich mal irgendwo gelesen, vielleicht bei Plato). In der Natur bieten sich die notwendigen Funktionen, sofern sie sichtbar sind, gern in Schönheit dar. Du zeigst es hier in dem wundervollen Rhythmus der Adern, in der Symmetrie, in der glänzenden Oberfläche.
    Die Griechen suchten die Schönheit im Bau der Welt auf und entdeckten so die Naturgesetze (Maß, Zahl, Proportion, Relation, Logos).

    Verfasst von gkazakou | 27. Oktober 2018, 12:28

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