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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Dahinten liegt Afrika…

Das letzte Kapitel, das ich geschrieben habe, hieß: Sonnenuntergänge. Wissen Sie, die Tatsache, daß die Tage enden, ist einfach genial. Ein geniales System. Erst Tage und dann Nächte. Und wieder Tage. Das hört sich banal an, hat aber etwas Geniales. Dort wo die Natur beschließt, sich selbst Grenzen zu setzen, entlädt sich eine Sensation. Sonnenuntergänge. Wochenlang habe ich sie erforscht. Es ist nicht so leicht, einen Sonnenuntergang zu erfassen. Er hat seine Zeiten, seine Ausmaße, seine Farben. Und da nicht ein Sonnenuntergang – nicht ein einziger, sage ich – dem anderen gleich ist, muß man als Wissenschaftler die jeweiligen Besonderheiten zu unterscheiden wissen und das Wesentliche herausarbeiten bis man in der Lage ist zu sagen, dieses ist ein Sonnenuntergang, der Sonnenuntergang schlechthin. Langweile ich Sie?“*

Die Farben eines Sonnenuntergangs sind die Kehrseite des Himmelsblaus. Da das Licht der Sonne beim Untergang einen sehr langen Weg durch die untersten und daher dichtesten Schichten der Atmosphäre zurücklegen muss, wird sehr viel Licht, vorwiegend kurzwelliges (violetes und blaues) Licht gestreut (Rayleighstreuung). Es bleibt also vorwiegend langwelliges (gelbes und rotes) Licht übrig.


*Alessandro Baricco. Oceano Mare – Das Märchen vom Wesen des Meeres. München 2001.

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Diskussionen

10 Gedanken zu “Dahinten liegt Afrika…

  1. Ich glaube, dass ist der einzige Versuch, an den ich mich aus dem Physikunterricht erinnere (war es überhaupt Physik? Oder Chemie? Hm, Naturwissenschaften waren als Kind leider nicht so mein Ding, was glaube ich auch an der meist trockenen Vermittlung lag…): Eine Lampe, und dann ein Butterbrotpapier davor, und noch ein Butterbrotpapier, und noch eines usw. Erst schien das Licht weiss durch das Papier, dann wurde es schnell gelb, dann rötlich und rot. Und damit wurde uns der Sonnenuntergang erklärt. Das war guter Unterricht, da habe auch ich es verstanden 🙂

    Verfasst von ann christina | 30. Oktober 2018, 08:02
    • Da sieht man mal wieder, wie wichtig beim Lernen und Behalten von Physik einfache Experimente und der Bezug zu alltäglichen Dingen sind, um bleibende Eindrücke bei den Lernenden zu hinterlassen. Die Lehrer*innen-Persönlichkeit spielt dabei ebenfalls eine sehr wichtige Rolle. Deine Erinnerung bestätigt das einmal mehr.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 30. Oktober 2018, 09:20
  2. So wie sich das Licht an den Sauerstoff- und Stickstoffatomen „reibt“ , so reibst Du uns mit flugser Hand immer wieder Erfahrenswertes unter die unerfahrenen Lider. 🙂
    Also: Blau und Violett wird abgelenkt, gelb und rot dringt durch.- das ist doch schon mal was.

    Verfasst von kopfundgestalt | 30. Oktober 2018, 16:37
    • Danke, lieber Gerhard, schön gesagt. Näherungsweise kann man das so sagen: Je kurzwelliger das Licht ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es bei einer Wechselwirkung mit einem Luftmolekül aus der Richtung abgelenkt (gestreut) wird. Also für violett und blau ist die Ablenkung wesentlich wahrscheinlicher als für rot und gelb.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 30. Oktober 2018, 20:43
      • „Näherungsweise“ gefällt mir.
        Gibt es eigentlich einfache Sachverhalte in der Physik? Also: Man schaut auf ein Phänomen und macht genau eine Ursache dingfest?!
        Wir hatten das Thema ja schon mal kürzlich berührt. Das mit dem idealen, isolierten Sachverhalt.

        Verfasst von kopfundgestalt | 30. Oktober 2018, 22:43
      • Aus physikalischer Sicht ist wohl das Trägheitsprinzip ein einfacher Sachverhalt: Ein Körper bleibt in Ruhe oder in gleichförmiger geradliniger Bewegung, wenn er durch keine Kraft daran gehindert wird. Viele mechanische Sachverhalte beruhen letztlich auf diesem Prinzip. Aus lebensweltlicher Sicht ist dieses Prinzip durchaus kompliziert, weil man erst einmal die Idealgestalt einer kräftefreien Umgebung begreifen muss.
        Letztlich hängt alles davon ab, ob ich mich in die physikalische Sehweise begebe oder nicht. Denn die Welt physikalisch beschreiben heißt, sie „so zu beschreiben, wie wir sie nicht erfahren“ (C. F. von Weizsäcker).

        Verfasst von Joachim Schlichting | 31. Oktober 2018, 09:19
  3. Ich habe mal gehört, dass die Sonne bei einem Sonnenuntergang eigentlich schon hinter dem Horizont, Erdkrümmung ist, diese aber wegen der (langwelligen) Lichtbrechung für unsere Augen „scheinbar“ noch über dem Horizont, für uns als gelb-rote Kugel, sichtbar erscheint….!?

    Verfasst von Malabar | 31. Oktober 2018, 10:26
  4. Danke. Auch für mich, mehr als erstaunlich.“Es ist also nicht so, dass eine größere Genauigkeit bei der Beobachtung, das Staunen über das Phänomen verringert, sondern eher ist das Gegenteil der Fall.“

    „Es „scheint“ oft nicht das zu sein, als dass es uns erscheint“

    Verfasst von Malabar | 31. Oktober 2018, 16:16

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