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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Erlebte Perspektive grotesker Schatten

Wenn man am Morgen kurz nach Sonnenaufgang bei Sonnenschein in den Sanddünen wandert, wird man nicht nur durch die Strukturen belohnt, die der Wind in der Nacht aus der Mischung der hellen und dunklen Sandkörnchen gebildet hat, sondern auch durch die vielfältigen Schatten, die von einer Düne auf die folgenden geworfen wird und dadurch ein ganz anderer Eindruck erweckt wird als bei bedecktem Himmel oder hochstehender Sonne.
In einer solchen Situation wird man nicht selten vom eigenen Schatten überrascht, insbesondere dann, wenn er ungewöhnliche Formen annimmt. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn er sich über mehrere Dünen erstreckt und  auf diese Weise geknickt und zerschnitten wird, wenn er auf eine Schräge fällt, die gerade dem Einfallswinkel des Sonnenlichts entspricht oder sogar gespensterhaft auf dem Treibsand zu sehen ist.
Im vorliegenden Fall hatte ich im heftigen Wind beim Fotografieren durch Breitbeinigkeit versucht, festeren Stand zu erlangen und nahm plötzlich der sonnenabgewandten Seite zugewandt das im Foto abgebildete Ungetüm wahr: Ein spitzes Dreieck, das mich an die wie ein großes „A“ aussehenden Telegrafenmasten aus Kindheitstagen erinnert, wie sie an gewissen Stellen zur Stabilisierung der Leitungsanlage verwendet wurden.
Hier erlebte ich die perspektivische Verkürzung gewissermaßen am eigenen Leibe. Ich hatte eine dreiviertel lange Hose an. Am Schatten des linken Hosenbeins sieht man, auf welche Länge der Schatten dieses kurzen Stücks gedehnt erscheint, bzw. wie der Körperschatten umso stärker geschrumpft wird, je näher man zu seinem wichtigsten Teil kommt.
Und noch etwas ist interessant. Das in seiner Struktur ziemlich gleichbleibende Rippelfeld wird zum Horizont hin immer heller. Dass dieser Effekt nichts mit der Struktur zu tun hat, konnte ich feststellen, indem ich das Feld abschritt und in etwa demselben Winkel auf den Boden blickend im Durchschnitt dasselbe Verhältnis von Licht und Schatten, dem Licht ausgesetzten und im Schatten liegenden Sand vorfand. Man macht sich jedoch leicht klar, dass man in nächster Nähe neben von der tiefstehenden Sonne erhellten Abschnitten auch solche einsieht, die durch die Erhöhungen abgeschattet werden und daher dunkel sind. Je weiter man jedoch seinen Blick in die Ferne richtet, desto flacher blickt man auf das Sandfeld. Infolgedessen nimmt der Einblick in Schattenbereiche ab und das Gesichtsfeld wird anteilmäßig von mehr helleren Partien als von dunkleren erfüllt. Im am weitesten entfernten Feldabschnitt mit ansteigender Dünenwand fällt die Sonne auch in die vertieften Partien der Rippel, sodass so gut wie keine Schatten mehr auftauchen und maximale Helligkeit erreicht wird.

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Diskussionen

4 Gedanken zu “Erlebte Perspektive grotesker Schatten

  1. Jetzt verstehe ich auch den Ausdruck „langes Gestell“ für einen Menschen…

    Verfasst von gkazakou | 12. November 2018, 00:51
  2. Womit aber nicht gesagt sei, dass diese Menschen einen Schatten haben bzw. sogar ein solcher sind.

    Verfasst von Joachim Schlichting | 12. November 2018, 10:45
  3. Das mit dem geringeren Einsehen der dunklen Anteile leuchtet ein.

    Verfasst von kopfundgestalt | 13. November 2018, 00:03

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  1. Pingback: Schattenperformance im Wüstensand | Die Welt physikalisch gesehen - 13. November 2018

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