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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Erklär‘ mir, warum der Nachthimmel dunkel ist

Warum ist der Nachthimmel dunkel? (Zur Vergrößerung auf Bild klicken!) Das ist für viele Menschen eine dumme Frage, weil sie tautologisch anmutet. Ist nicht die tiefe Nacht fast ein Synonym für Dunkelheit? Sinnvoll wird die Frage erst aus physikalischer Sicht. Denn sie ist physikalisch voraussetzungsvoll. Die Schriftstellerin Ulrike Draesner hat sich in ihrem Roman Vorliebe mit dieser Frage auseinandergesetzt und ich möchte sie sprechen lassen:
„Erklär‘ mir, warum der Nachthimmel dunkel ist“. Harriet drehte sich zu ihm und schnaubte. Alter Intellektualist! Das wusste der doch. 300 Jahre lang hatte ihr Fach sich die Zähne an der scheinbar harmlosen, ja naiven Frage ausgebissen!
Schon Kepler. Grau, hohlwangig, asketisch, Zirkel in der Hand, Heliozentriker, Magnetiker, revolutionäre Berechnungen zur interdependenten Dynamik der Planetenbewegung  und am Ende diese Frage: warum ist es nachts dunkel? 200 Jahre später der joviale Olbers aus Bremen, fliehender Haaransatz, Treffen mit Napoleon in Paris, Formulierung des Paradoxes 1823: warum ist der Nachthimmel dunkel, wenn das Universum unendlich ist? Ein unendlicher Kosmos enthielte notwendig eine unendliche Menge von Sternen. An jedem Fleckchen des Nachthimmels müsste ein Himmelskörper stehen. Schwimmen müsste die Menschheit im Sternenlicht.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass weitgehend unbeachtet von der Scientific Community wohl ein Schriftsteller die erste, im Prinzip zutreffende Antwort auf die Frage gegeben hat: Ausgerechnet ein Dichter hatte Olbers‘ Paradox enträtselt; das war vergessen und stand doch für alle, lesbar in Eureka. Ein Hobbyastronom! Früher hatte Harriet sich darüber geärgert: die Auflösung war typisch für ihr Fach, nie ließ sich etwas direkt fassen, immer ging es um Folgen von Folgen von Folgen. Heute gefiel es ihr: da kam einer daher, dachte messerscharf und kriminalistisch und implizierte bereits 1848 die endliche Geschwindigkeit von Licht. Nahm den Urknall vorweg, nahm Einstein vorweg. Olbers‘ Paradox: Der Nachthimmel war nicht sternenhell, nicht große silberne schlafraubende Glocke, weil der Kosmos einen Anfang gehabt hatte. Unendlich mochte er sein im Raum, in der Zeit war er es nicht. Das endlich-schnelle Sternenlicht aus den berüchtigten unbegriffenen Tiefen des Alls hatte nicht genug Zeit gehabt, die Erde zu erreichen.
Ein Jahr später war der Dichter unter nie geklärten Umständen gestorben. Erst im Herbst mit Ashley am Wannsee hatte Harriet alles nachgelesen, um es auf die lnstitutswebsite zu stellen. Unendlichkeit, hatte Edgar Allan Poe geschrieben, sei Seelen-Träumerei. Ein ungedanklicher Gedanke über Gedanken.
Das Schlafzimmerfenster teilte die Wölbung über der Stadt in 16 dunkelorangefarbene, exakt gleich große Rechtecke. Harriet zog den Vorhang nur zur Hälfte zu. Einen ungedanklich Gedanken zu denken, schien ihr alle Mühe wert.
Peter lag auf der Seite, sie presste die kalten Füße gegen ihn leise stöhnte er auf im Schlaf.
Langsam kroch seine Wärme über Federn und Laken auf sie zu. Auch das war Physik. Ein Stück klarer, ganz und gar irdischer Physik.

Edgar Allan Poe publizierte im Jahr 1848 in “Eureka: A Prose Poem” folgende Passage: “Were the succession of stars endless, then the background of the sky would present us a uniform luminosity, like that displayed by the Galaxy–since there could be absolutely no point, in all that background, at which would not exist a star. The only mode, therefore, in which, under such a state of affairs, we could comprehend the voids which our telescopes find in innumerable directions, would be by supposing that the distance of the invisible background is so immense that no ray from it has yet been able to reach us at all.”

Diskussionen

6 Gedanken zu “Erklär‘ mir, warum der Nachthimmel dunkel ist

  1. Dieses Rätsel erinnert mich auch an andere Rätsel, bei denen ein grundlegendes Missverständnis zugrunde lag und deshalb längere Zeit keine Lösung gefunden werden konnte.

    Verfasst von kopfundgestalt | 25. November 2018, 00:09
  2. Ein sehr schönes Stück Literatur rund um das Phänomen.

    Verfasst von puzzleblume | 25. November 2018, 02:09
  3. danke für Text, Poem und sich auftuende Gedanken. Die Sterne des Orion hatten zum Glück genug Zeit, uns ihr Licht zuzusenden und auf deinem Foto Stellung zu beziehen, wie es sich für diese Jahreszeit gehört.
    Frage. Ist denn nun tatsächlich bewiesen, dass das Universum einen Anfang hatte? Und: Werden wir uns eines Tages erstaunt die Augen reiben, wenn das Licht längst verglühter Sterne uns schließlich doch noch erreicht und unseren Nacht-Himmel erblühen lässt? Und wenn dann auch das Große anfängliche Bang in unseren Ohren dröhnt, und sein Klang, obwohl deutlich langsamer als das Licht, uns das Trommelfell zerreißt?

    Warum muss ich nur an Kafkas „Ein Landarzt“ denken? „Nackt, dem Froste dieses unglückseligsten Zeitalters ausgesetzt, mit irdischem Wagen, unirdischen Pferden, treibe ich … mich umher.“

    Verfasst von gkazakou | 25. November 2018, 12:10
    • Zu deinen Fragen: Die meisten Physiker sind vom Urknallmodell überzeugt und insofern gilt es als bewiesen, dass die Welt einen Anfang hatte. Aus übergeordneter Sicht muss man jedoch bedenken, dass dieses Modell vom menschlichen Gehirn, also einen winzigen Teil des Weltalls ersonnen wurde. Daran schließt sich die berechtigte Frage an: Kann ein Teil des Ganzen das Ganze „umfassen“?
      Wenn ich ein wenig überlege und mir den in mehrfacher Variation in „Ein Landarzt“ vorkommenden Aspekt vor Augen führe, dass man nicht Herr im eigenen Hause ist, so trifft deine Assoziation einen zutiefst menschlichen Aspekt. Mir fallen dabei Blaise Pascal ein, der sagte: „Le silence éternel de ces espaces infinies m’effraie“ und damit auch folgende Fragen: Was wissen wir eigentlich von unserem „Haus“ = Weltall? Die unvorstellbar schnellen „Pferde“ sind in anderer Hinsicht so langsam, dass wir noch nicht einmal an die Grenzen der eigenen Behausung angelangt sind.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 25. November 2018, 15:16
      • Ganz herzlichen Dank, Joachim, dass du eine so geistreiche Brücke schlägst zwischen meiner unzeitigen Assoziation und den Fragen der Astrophysik.

        Verfasst von gkazakou | 25. November 2018, 15:39

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