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Marginalia

Der Dezember

Das Jahr ward alt. Hat dünne Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.
Ruht beides unterm Schnee.
Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.

Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.
Nichts bleibt. Und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, daß man’s versteht.

Und wieder stapft der Nikolaus
durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.

Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,
wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
„Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.“

Erich Kästner (1899 -1974)

 

Diskussionen

5 Gedanken zu “Der Dezember

  1. ein sehr sinnreiches Gedicht wieder, vielen Dank! und das Foto ein musikalischer Traum.

    Verfasst von gkazakou | 4. Dezember 2018, 00:18
  2. Abrupter Schluss des Gedichts, wie ein Schlag von irgendher.

    Eine Zeile fiel mir auf:
    „Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.“

    Ein Klagen, was wohl jeder kennt!

    Verfasst von kopfundgestalt | 4. Dezember 2018, 00:34
  3. Wie schön, Gedicht und Foto!

    Verfasst von ann christina | 6. Dezember 2018, 11:40

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