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Marginalia

Nikolaus von Myra und die Nanologie

Die Nanophysik befasst sich mit einem Gegenstandsbereich, dessen typische Größenordnung vom Einzelatom bis zu einer Strukturgröße von 100 Nanometern (1 Nanometer ist ein Milliardstel Meter) befasst. Nano ist vom Altgriechischen νᾶνος nános = Zwerg‘ abgeleitet. Daran musste ich denken, als ich kürzlich in einem zum Teutoburger Wald gehörenden Waldstück auf mehrere Gartenzwerge stieß, die hier auf Baumstumpen stehend oder eine kleine Brücke über den Bach bewachend mir ungeniert in die Augen sahen (siehe Foto).
Ein wenig Recherche ergab dann, dass es sogar eine Wissenschaft von den Zwergen gibt, die Nanologie (klingt wesentlich besser als Zwergologie). Im Lexikon der Psychologie von Spektrum der Wissenschaft liest man unter Nanologie: „Lehre von den Gartenzwergen, die als Ausdruck bzw. Symbol einer spezifischen Kultur gelten; in deutschen Gärten gibt es vier bis fünf Millionen, weltweit etwa 100 Millionen Gartenzwerge“.
Überrascht war ich, als ich in einem Zeitungsartikel der gestrigen Ausgabe der Frankfurter Rundschau lesen konnte, dass der Gartenzwerg sogar „verwandtschaftliche“ Beziehungen zum Nikolaus hat, der euch hoffentlich alle reichlich bedacht hat. Dort heißt es: „Der verzwergte und vervielfältigte Weihnachtsmann aus Steingut ist eine Erfindung von Philipp Griebel aus dem thüringischen Gräfenrode. Im September 1883 formte er den ersten Gartenzwerg aus Terrakotta und erweckt damit eine ganze Industrie zum Leben. Als „kleine Helfer“ des amerkanischen „Father Christmas“ tauchten die bärtigen Miniaturklone schon früh in amerkanischen Weihnachtsmann-Zeichnungen auf. Die Ableitung des Gartenzwerges vom heiligen Nikolaus (3. Jh) ist noch an zwei Elementen zu erkennen: dem langen Bart und vor allem an der spitzen und natürlich (bischofs-)roten „Zipfelmütze“, die beim klassischen Gartenzwerg nach vorn geneigt ist und so exakt die typische zentralasiatische Mütze wiedergibt“.
Wenn dem so ist, muss man sich allerdings wundern, dass die Nanos zumindest in unserer Umgebung eiskalt im Wald und anderswo ausgesetzt werden. Drückt sich darin eine Abkehr vom Nikolaus, vom Gartenzwerg oder sogar von beiden aus? Oder hat die Gartenzwergkultur in Deutschland ihren Zenit überschritten und die ehemaligen Besitzer bringen es nur nicht übers Herz, die bislang verehrten Bewacher ihres Kleingartens einfach in die Tonne zu kloppen? Den Zwergen scheint es auch im Wald zu gefallen, sie blicken wie eh und je fröhlich jeden an, der sie anblickt.

Diskussionen

14 Gedanken zu “Nikolaus von Myra und die Nanologie

  1. Der Begriff „Nano“ wird etwas irreführend gebraucht.
    Auf der Suche nach Fotografien im nicht sichtbaren undauch sichtbaren Bereich stösst man oft auf diesen nivellierenden Begriff.

    Wie dem auch sei: An Biologie wurde ich interessiert, als ich im optischen Museum in Jena vor etwa 7 Jahren durchs Mikroskop guckte. Ich beschaffte mir danach alles, was der Büchermarkt an Aufnahmen aus dem Unsichtbaren bot.
    Damit begann sozusagen meine „populär-wissenschaftliche“ Reise.

    Gartenzwerge besitzt mein Bruder nicht. Ich schenke ihm zweimal im Jahr etwas für seinen Garten. Alles Originale, nichts gepresstes oder vorgeformtes.

    Verfasst von kopfundgestalt | 6. Dezember 2018, 01:02
  2. Solche ausgewilderten Gesellen habe ich auch schon gefunden. Ich vermute ebenfalls, die Zwerge wurden ererbt, aber nicht gewollt, nur war die Hemmung, sie in den Müll zu werfen, zu gross.
    Der österreichische Schriftsteller Jörg Mauthe hat die sagenhaften Zwerge auch in mindestens zwei seiner politsatirischen Romane auftreten lassen. In Österreich käme aber niemand auf die Idee, Zwerge und Nikolaus in ein sinngemäss verwandtschaftliches Verhältnis zu rücken, denn dort tritt letzterer im Bischofsgewand auf, mit Mitra und Krummstab.

    Verfasst von puzzleblume | 6. Dezember 2018, 01:02
  3. In weiten Kreisen sind Gartenzwerge heute ja tatsächlich eher verpönt. Ich finde sie, wenn ich sie in Gärten sehe, auch oft grenzwertig, aber es kommt für mich vor allem auf Art und Kombination der Zwerge und auf den Garten an sich an. Häufig stehen „lustige“ Gartenzwerge (saufend, kotzend oder sonst einen Blödsinn machend) in Kombination mit allerhand anderem „Zierrat“ wie Bambis oder Metallblumen in gartenarchitektonisch eher fragwürdigen Gärten – was dann zu einer eher abwehrenden Haltung des Betrachters führt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ein oder zwei hübsche Zwerge, halb versteckt in einem schön angelegten Garten, durchaus ihren Reiz hätten. Wie so oft kommt es eher auf das Wie als auf das Was an…

    Verfasst von ann christina | 6. Dezember 2018, 09:39
  4. Bärtige Miniaturklone – ich lache! Übrigens kommt der Nikolaus, obgleich ein griechischer Bischof des 3. Jahrhunderts und Heiliger, nicht zu uns in Griechenland, da kann ich meine Socken solange raushängen, wie ich will. Nein, zu uns kommt der Heilige Vassilios (Αγ. Βασίλειος) am 1. Januar zum Behufe des Beschenkens armer Kinder. Der wurde in Kaisaria, im Kaysari der heutigen Türkei geboren und starb in Caesarea im heutigen Israel. Er lebte im 4. Jahrhundert. Beide Heilige trugen natürlich Bärte, doch eine Zipfelmütze trugen sie nicht. Aber der römische Gott Mithras, der trug sie (wie zuvor schon Orpheus) – und wenn es auch nicht offiziell ist, so nehme ich doch an, dass die Mitra der römischen Bischöfe sich von diesem populären Gott der römischen Soldateska ableitet, der auch in vielem anderen bei der römischen Kirche Pate stand. Wieder populär wurde die phrygische Mütze dann in der französischen Revolution – nicht als gelbe Weste sondern als Jakobinermütze,
    Wer mehr wissen will, findet einiges schön bebildert bei mir unter: https://gerdakazakou.com/2016/01/06/rotkaeppchen/.

    Verfasst von gkazakou | 6. Dezember 2018, 11:10
  5. Vielen Dank für die Aufklärung und schöne Ergänzung. Du kennst dich wirklich gut aus! Wer hätte gedacht, dass die Nanos zu derart interessanten kulturhistorischen Exkursen führen?

    Verfasst von Joachim Schlichting | 6. Dezember 2018, 13:02

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