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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Kalte Pfützenkunst

Zuerst lag ein etwa 15 cm langer Kieselstein in einer Wasserpfütze. Bevor das Wasser versickerte, fror die Pfütze zu  und der Stein verschwand unter einer Eisschicht. Man konnte ihn aber weiterhin durch das transparente Eis hindurch sehen. Unter dem Eis versickerte das Wasser und der Stein wurde allmählich trocken gelegt. Dann kamen die sonnigen Tage. Der Stein absorbierte die Sonnenernergie, erwärmte sich und gab die Energie u.A. als Wärmestrahlung wieder ab. Dadurch schmolz ein Loch in die unmittelbar darüber befindliche Eisschicht.
Als die Sonne untergegangen war und die kalte Luft wieder die Oberhand gewann, bildeten sich auf dem noch feuchten Rand des Lochs große Eiskristalle, die von außen nach innen wuchsen, so als wollten sie das Loch wieder schließen.
Da nicht nur der Stein, sondern auch der noch feuchte Pfützenboden Sonnenenergie aufgenommen hatte, verdunstete viel Wasser und trat als Dampfstrom durch das Loch nach außen. Der Dampf schlug sich sogleich auf der kalten Oberfläche der Pfütze in Form von Reifkristallen nieder. In der kühlen Nacht machte sich die Reifbildung auf der gesamten Eisschicht der Pfütze breit, nahm ihr die Transparenz und gab ihr die weiße, Licht streuende, raue Oberfläche, so wie sie auf dem Foto zu sehen ist.

Ganz unabhängig von dieser physikalischen Rekonstruktion, ist die zugefrorene Pfütze einfach ein Hingucker. Zur Ästhetik des Naturkunstwerks – dieses Oxymoron drängt sich geradezu auf – gehört aber nicht nur das fotografierte Endergebnis, sondern der gesamte Prozess der Entstehung.

 

Diskussionen

9 Gedanken zu “Kalte Pfützenkunst

  1. … das finde ich auch.
    Aber wer hätte das so fein rekonstruieren können?

    Verfasst von kopfundgestalt | 22. Januar 2019, 00:29
  2. So ein fantastisches Kunstwerk muss man erstmal finden!!

    Verfasst von Myriade | 22. Januar 2019, 10:45
  3. wie eine Wundheilung.
    Ich stimme dir zu, zur Ästhetik des Natur- (oder jeden anderen) Kunstwerks gehört der gesamte Prozess der Entstehung. Wir schauen zu oft nur auf das Ergebnis und decken den Prozess der Entstehung zu, weil wir das Unperfekte, das noch Werdende als unseren ästhetischen Kriterien nicht gerecht werdend empfinden. Dasselbe würde ich auch für gesellschaftliche Prozesse sagen.
    Auch die Natur kennt freilich das Verbergen der unvollendeten Form. Das Embryo ist nicht für das beobachtende Auge sichtbar, das Innere der Knospe tritt erst durch die Blüte in Erscheinung, die Verpuppung schützt den Werdeprozess des Schmetterlings. .

    Verfasst von gkazakou | 22. Januar 2019, 12:23

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  1. Pingback: Die letzten Kunstwerke des Winters | Die Welt physikalisch gesehen - 30. März 2020

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