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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Anamorphose auf einer Tasse

Museumsshops bieten manchmal originelle Designobjekte an, die wie in diesem Fall auch noch praktisch sind. Aus dieser Tasse kann man wirklich trinken. Das besondere daran ist aber, dass die Tasse ein über die gesamte Fläche der Untertasse verzerrtes Gemälde à la Gauguin in eine normale Form transformiert. Sie tut das dank der Verspiegelung der zylindrischen Tasse. Ein solches verzerrtes Bild nennt man Anamorphose (von: altgriechisch ἀναμόρφωσις anamorphosis = die Umformung).

Ein Zylinderspiegel bildet bekanntlich Gegenstände verzerrt ab. Jeder der schon einmal vor einer verspiegelten zylindrischen Säule gestanden hat, erkennt sich in dem stark abgemagerten Spiegelbild kaum wieder. Bietet man einem Zylinderspiegel jedoch einen Gegenstand zum Spiegeln an, der vorher breit ausladend in entgegengesetzter Weise verzerrt wurde, so macht er daraus wieder ein normal aussehendes entzerrtes Bild.
Bei vielen Anamorphosen ist den verzerrten Bildern das darin enthaltene Originalbild nicht anzusehen. Das wurde in früheren Zeiten aus künstlerischen Motiven aber auch dazu genutzt, verbotene Bildinhalte zu verschleiern und nur denjenigen zugänglich zu machen, die den „Schlüssel“ in Form eines passenden zylindrischen oder noch komplexeren Spiegels besaßen. Im Grunde ist jeder wie auch immer geformte Spiegel geeignet. Doch während man bei einem Zylinder- oder Kugelspiegel relativ einfache Verfahren zur Verzerrung hat, wird es bei komplexeren Spiegeln entsprechend schwieriger.

Diskussionen

11 Gedanken zu “Anamorphose auf einer Tasse

  1. Anamorphosen kam man manchmal auch auf den Schlich, wenn man das entspr. Gemälde ganz von der Schräge ansah.
    Diese Technik war eines der ersten künstlerischen Themen segensreicher Dokus auf den dritten Kanälen, die ich in den späten Achtzigern aufzeichnete. Nun ist die gesamte Sammlung dieser Dokus nicht mehr existent. Diese Kassetten nahmen einfach zuviel Raum im Wohnzimmer ein.
    Was ich noch besitze, ist allerdings das Verzeichnis dieser Sendungen 🙂

    Verfasst von kopfundgestalt | 14. Februar 2019, 00:35
    • Die berühmteste Anamorphose dieser Art ist ja wohl der verzerrte Totenkopf auf dem Gemälde: Die Gesandten von Hans Holbein.
      Von den Aufzeichnungen, zu denen es heute nicht mehr die passenden Lesegeräte gibt, kann ich auch ein Lied singen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 14. Februar 2019, 10:08
  2. Das Phänomen kannte ich soo überhaupt noch nicht und finde esbeeindruckend. Bei dir kann man was lernen! Nun überlege ich natürlich, ob es nicht noch viele geheime, aber offen zur Schau gestellte Darstellungen gibt, die nur diejenigen entschlüsseln können, die über den Spiegel verfügen, der das absichtlich Verzerrte ordentlich reflektiert..
    Dieser Gedanke kommt mir zB oft, wenn ich politische „Verlautbarungen“ reflektiere, aber nicht sicher bin, ob mein Hirn mit den in ihm gespeicherten Informationen der angemessene Spiegel ist.

    Auch kam mir ein Bibelzitat in den sinn: Jetzt sehen wir wie in einem Spiegel… Dann aber werden wir sehen von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich’s stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. (1.Korinther 13.12)

    Verfasst von gkazakou | 14. Februar 2019, 10:01
    • Liebe Gerda, das hätte ich mir fast denken können, dass dir auch gleich die metaphorische Ebene der Anamorphosen in den Sinn kommt. Daran hatte ich bisher noch nicht gedacht, finde es aber sofort überzeugend. Die Deutung des von dir zitierten Bibeltextes bekommt dadurch gleich eine weitere Dimension. Vielen Dank für den Hinweis.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 14. Februar 2019, 10:40
      • Man kann, wenn man will, dann ja auch noch Platon und Kant herbeizitieren. Platon, der nur die Ideen für real und der Erkenntnis zugänglich ansieht, und Kant, der, dem entgegengesetzt, das Urbild (Ding an sich) für unerkennbar deklariert, da Wahrnehmung und Denken uns Menschen nur durch den a priori-Spiegel unserer Sinnes-Organisation und Hirnstruktur gegeben sei.
        Das sagt im Grunde auch Paulus seinen Korinthern („wie in einem Spiegel“). Der Unterschied: Paulus hebt gerade auf dieses Urbild ab (Glaube, Hoffnung), dessen Erkennbarkeit seit Kant endgültig als erledigt und als Angelegenehit des Glaubens gilt.

        Verfasst von gkazakou | 14. Februar 2019, 11:15
      • Stimmt, wenn man es so sieht, eröffnen sich weitere Perspektiven mentaler Anamorphosen. Allerdings fehlt einem da der entlarvende Spiegel. Ich denke, dass sowohl Platon als auch Kant davon ausgehen, dass wenn es ihn überhaupt gibt, er den Menschen prinzipiell nicht zugänglich ist.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 14. Februar 2019, 12:33
  3. Zu besagter Sendung gehörten auch illusionistische Arbeiten an Decken.
    Das wurde zu ganz unterschiedlichen zeiten genutzt, etwa bei Edward Hopper, der die Linien eines Raumes und Abstände von den Wänden veränderte, um sogwirkungen oder Beklemmung auf unterschwelliger ebene erzeugte.
    Da es das sicher auch in anderen Künsten geben kann, sollte man nicht vorschnell urteilen: Ich schrieb mal einst ein label an, weil ich einen fehler in einem stück vermutete…doch man beschied mir, dass das absicht war.

    Verfasst von kopfundgestalt | 14. Februar 2019, 11:27
  4. Dieses Set gefällt mir so oder so sehr gut.
    Liebe Grüße von Hanne

    Verfasst von hanneweb | 15. Februar 2019, 18:56

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