//
Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Winterling mit Schwebfliege im Winter

Eine Schwebfliege Mitte Februar auf einem blühenden gelben Winterling! (Fotografie von gestern). Hier kommen mehrere für mich und vielleicht auch für einige andere erstaunliche Dinge zusammen: Ein Insekt, das man normalerweise mit Frühling und Sommer in Verbindung bringt, das eine blühende Blume bestäubt, die kurz vorher noch von Reif geweißelt zu bewundern war (unteres Foto). Aber das scheint noch nicht einmal eine Folge der Klimaerwärmung zu sein, sondern ist offenbar ganz normal. Wie wenig man doch von seiner Umwelt kennt.
Eine Schwebfliege bevorzugt gelbe Blüten. Und ausgerechnet solche findet sie im Winter bei mir im Garten, auf einem Winterling, der sich selbst auf dem ansonsten für andere Blumen vorgesehenen Beet eingenistet hat.
Die Schwebfliege hat auf den ersten Blick gar nicht so viel Fliegenhaftes. Sie erinnert an eine Wespe oder Biene, deren Outfit sie sich aus Gründen des Mimikry  zugelegt, um mögliche Widersacher auf Abstand zu halten. Ich gebe zu, dass ich als Kind großen Respekt vor diesen etwas schlang ausgefallenen Wespen hatte, sodass von mir keine Bedrohung ausging. Die Imitationen sind offenbar so gut, dass sich selbst die ‚Vorbilder‘ täuschen lassen und Schwebfliegen für Ihresgleichen halten und unter sich dulden.
Was ich bis gestern nicht wusste, dass ihre Nahrung aus Nektar und Pollen besteht und sie daher neben den Bienen die wichtigste Bestäubergruppe unter den Insekten ausmachen.
Sowohl der Winterling als auch die Schwebfliege müssen sich gegen den Frost schützen. Da ihre Oberflächen im Vergleich zum Volumen sehr groß sind, nehmen sie sehr schnell die Außentemperatur an und  kommen daher nicht um einen aktiven Frostschuzt umhin.
Der Winterling bevorzugt einen geschützte Standort. Bei mir hat er es sich unter Hortensienbüschen bequem gemacht, die zur Zeit keine Blätter haben und daher Licht durchlassen aber einen gewissen Schutz vor Wind und Frost bieten. Zum anderen legt sich die Pflanze im Bedarfsfalle ein Frostschutzmittel zu, indem sie verstärkt Stärke in Zucker verwandelt, der im Saft der Pflanzenzellen den Gefrierpunkt herabsetzt. Das ist insofern wichtig, als beim Gefrieren von Wasser das Volumen um etwa 10% zunimmt, was für die wässrigen Flüssigkeiten in der Pflanze nicht zu verkraften wäre. Noch schlimmer ist, dass die beim Gefrieren in den Pflanzenzellen wachsenden spitzen Eiskristalle die Zellwände durchstoßen würden und auf diese Weise platzen ließen. Um bedrohliche Temperaturabnahmen registrieren und die Frostschutzproduktion starten zu können, müssen die Winterlinge außerdem über entsprechende Sensoren verfügen.
Von einigen Insekten weiß man, dass sie über ganz besondere Proteine verfügen, die den Gefrierpunkt der Körperflüssigkeit senken können, indem sie Eiskristalle am Wachstum hindern. Ob die Schwebfliege auch dazu gehört, konnte ich in der Schnelle nicht ermitteln. Vielleicht kennt sich ja einer der Leser*innen besser damit aus.

Diskussionen

7 Gedanken zu “Winterling mit Schwebfliege im Winter

  1. Das scheint mir naheliegend. Diese Schwebfliege, die im übrigen für mich recht attraktiv ist, würde sich nie nach draußen trauen, wenn sie physiologisch gefährdet wäre.
    Bzgl. Mimikry habe ich gelernt, dass sich bestimmte mimkkrytaugliche Eigenschaften zeitgleich entwickeln. Die Schwebfliege hat demzufolge rein zufällig davon profitiert, dass es Merkmale gab, die abschreckend wirken. Zumindest sind die Mechanismen der Co-Evolution nicht völlig klar, obwohl es in einigen Fällen deutliche Hinweise gibt wie ein charakteristikum bei zwei unterschiedlichen Arten entstanden ist.

    Verfasst von kopfundgestalt | 16. Februar 2019, 00:23
    • Beim „Zufall“ frage ich mich immer, warum es nur die eine Art betrifft, müssten nicht auch andere auf die „Idee“ kommen, sich so zu tarnen?

      Verfasst von Joachim Schlichting | 16. Februar 2019, 09:29
      • Vielleicht geben ihre Gene solche Modifikation nicht her?!. Meinem bescheidenem Verständnis nach gibt es eine Art Arsenal an Verschleierungsmethoden – ist dann die jeweilig zugängliche Methode erfolgreich oder nicht?
        Das von mir einst vorgestellte mimikry-buch von „wissen verbindet“ weist nur sehr wenige „nachzeichnenbare “ wege auf. Was nicht verwunderlich ist. Zu viele Parameter.

        Verfasst von kopfundgestalt | 16. Februar 2019, 11:02
      • Ich weiß auch nicht. Da ist natürlich viel Spekulation im Spiel.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 16. Februar 2019, 12:08
  2. Die Winterlinge erfreuen auch uns inzwischen, aber für eine Schwebefliege ist es nachts noch zu frostig. Ein sehr schönes Bild.
    Liebe Grüße von Hanne

    Verfasst von hanneweb | 16. Februar 2019, 09:23
    • Deswegen wundere ich mich ja über die Schwebfliege. Keine 2 Stunden vorher war der Winterling noch von Reif bedeckt, die Temperaturen lagen bei -2° C und mit der Sonne war dann auch die Schwebfliege zur Stelle. Herzliche Grüße, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 16. Februar 2019, 09:33
      • Habs gelesen und ist wirklich toll, was die herrliche Sonne im fast schon Vorfrühling alles belebt. 🌞
        Herzliche Grüße auch an dich

        Verfasst von hanneweb | 16. Februar 2019, 09:35

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Photoarchiv

%d Bloggern gefällt das: