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Physik und Kultur

Sonnenlicht am Abend

Vielleicht eine Illusion, auf falscher Deutung der Tatsache beruhend, daß DER ENGEL sich mir, sich uns entzog, daß diese Energie im All spielte wie auch in der nächsten und nahen Atmosphäre und die Dunkelheit mit engelsfarbenen Strahlen illuminierte. Und diese breiten sich überall aus, zwischen den Bäumen und über die Gebäude, ob sie uns zugewandt standen oder nicht – man wußte es, weil sich das Licht auch an den Ecken zeigte und auf dem Rasen dahinter – verfließende Lichtbahnen, Schatten, Konturen und Flächen in der Dünung – sozusagen – dieses Lichts, am Ufer eines Meeres mit dem Fassungsvermögen des Alls für weiteres Licht; doch es war, als sei DER SERAPH nie dargewesen, aber nun gegenwärtig in dieser Mischung von Sonne und Mondlicht, Strahlenkränzen und blendenden Glanzeruptionen, als könnten Erinnerung und individuelle Ansicht neue Farben erfinden, um die Außenwelt damit zu färben, und als müsse das arme Auge zwischen seinen Lidern und mit seiner Retina versuchen, damit fertig zu werden, glücklich wie ein Kind am Strand, das sich dumm fühlt, wenn es in den Wellen, in der Dünung etwas Wunderbares tanzen sieht, doch nichts davon versteht, weder das Licht noch den Salzgeruch noch sein eigenes G1ück. Erinnerung und Ansicht und die neuen Farben existierten dann flüchtig nach neuen Gesetzen, anderen Gesetzen; und diese Lichterscheinung war zum Teil eine Luftspiegelung, wie sie bei Dämmerung nicht selten ist, aber eben das war eine Halluzination: man sieht in der Abenddämmerung nicht das Morgengrauen, verbindet den Sonnenuntergang nicht hoffnungsvoll mit den Vorstellungen und Empfindungen des frühen Morgens: das eine legt Nachdenken und Ruhe nahe, das andere Taten und Erwachen aus der größenwahnsinnigen Ichbezogenheit der Träume – der Träume und des Irrtums, der Selbstsucht und der Angst. In dieser magischen Dämmerung konnte man sich vorstellen, man versammle sich mit anderen zum abendlichen Essen – als wäre man zu Hause -, aber auch, man wäre soeben erwacht oder stelle sich dem Tag nach einer schlaflos verbrachten Nacht.*


*Harold Brodkey: Drei nahezu klassische Stories. Reinbek 1994.

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