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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Leonardo da Vinci (1) – zwischen Kunst, Naturwissenschaften und Technik

Anlässlich des 500. Todesjahres von Leonardo da Vinci werde ich über das Jahr verteilt typische Phänomene zwischen Kunst, Physik und Alltag darstellen, an denen die besondere Rolle Leonardos an der Schwelle der neuzeitlichen Physik deutlich wird. Das wertvollste Vermächtnis Leonardos sind nicht die 21 Gemälde und auch nicht die etwa 100000 Zeichnungen und Skizzen, sondern die völlig neue Art und Weise wissenschaftlich zu arbeiten und zu denken, die u.a. der neuzeitlichen Physik ihren Weg ebnete.
Leonardo lebte von 1467 bis 1519. Er war damit älter als Kopernikus (1473 bis 1543) und hat noch vor diesem über das heliozentrische Weltbild nachgedacht. So war er beispielsweise der Meinung: „Die Sonne bewegt sich nicht“, womit er gleichzeitig behauptete, dass die Erde sich bewegt.
Sigmund Freud zufolge „glich (Leonardo) einem Menschen, der in der Finsternis zu früh erwacht war, während die anderen noch alle schliefen.
Er sah sich als Moral- und Naturphilosoph (wobei Naturphilosophie auch die Gegenstände umfasste, die wir heute der Physik zurechnen würden) und dokumentierte seine Ideen und Erkenntnisse durch Schrift (Prosa und Dichtung) und Bild (Gemälde, Grafiken und Skizzen).
Leonardo war Universalist, kein Spezialist, wie die heutigen Naturwissenschaftler. So konnte er beispielsweise
– ein Auge sezieren,
– es gleichzeitig malen,
– optische Ideen zum Sehen daran entwickeln,
– diese experimentell überprüfen und
– über sie in anspruchsvoller Prosa schwärmen.
Besonders beeindruckend sind Leonardos zahlreichen Beobachtungen und deren präzisen Beschreibungen von Alltags- und Naturphänomenen, die insbesondere physikalischen Laien einen Weg zum physikalischen Verständnis eröffnen, ohne auf mathematische Formeln zurückgreifen zu müssen.

Foto: Statue vor den Uffizien in Florenz

Diskussionen

8 Gedanken zu “Leonardo da Vinci (1) – zwischen Kunst, Naturwissenschaften und Technik

  1. 1467 bis 1519 ist sehr früh. Man weiß allgemein wohl nicht, wie schnell oder langsam sich Wissenschaft entwickelte.
    Vor 5 Jahren interessierte mich speziell die Entwicklung der Psychoanalyse, die ja so um 1775 „zu rennen begann“. Darüber weiß ich also etwas. Über die Entwicklungen in der Chemie, Geologie, Mathematik ect. weiß ich eher punktuell etwas.
    Über die Physik und Astronomie weiß die Gesellschaft wohl am meisten. Dazu dienten ja auch große Namen wie Kepler, Kopernikus, Galilei und Newton.

    Was konnten also „die Alten“? Eine immer spannende Frage. Vielleicht klärst Du hier etwas auf, das wäre schön.

    Zum „Universalisten“:
    War eigentlich Humboldt der letzte Universalist?
    Für mich ist dieses Streben an sich wunderbar, auch wenn es heutzutage niemand auch nur im Ansatz verwirklichen kann. Universal wäre für mich auch, wenn jemand Boxer, Schriiftsteller, Zen-Lehrer, Künstler, Hausbauer ect in seinem Leben war. An vielem etwas gerochen haben. Direkte Erfahrungen gehabt und nicht stehen geblieben.

    Verfasst von kopfundgestalt | 13. März 2019, 00:37
    • Die heutigen naturwissenschaftlichen Disziplinen und darüber hinaus haben sich aus der Naturphilosophie heraus entwickelt. Zur Zeit von Leonardo gehörte noch alles zusammen. Selbst die Dokumentation der Forschung durch Zeichnungen und Gemälde war Bestandteil dieser noch universellen Forschung. In dem Maße wie die Forschung unterstützt durch technische Geräte wie Fernrohr, Mikroskop, Waage und vieles andere mehr den Gegenstandsbereich enorm erweiterte, setzte eine Spezialisierung ein, die zu neuen Disziplinen führte. Damit wurde es für einzelne Wissenschaftler immer schwieriger den Überblick zu behalten. Diejenigen von denen man den Eindruck hatte, dass sie ihn hatten, nannte man Universalgelehrte. Das war meines Erachtens insbesondere ab dem 19. Jahrhundert oft mehr geschmeichelt als es den Tatsachen entsprach.
      Wenn du von Universalisten sprichst und damit auch noch die qualifizierte Ausübung einzelner Berufe hinzunimmst, wüsste ich keine Persönlichkeit zu nennen, die dieses Prädikat verdienen würde. Im Gegenteil, manchmal gehörte es geradezu zum Ausweis der Qualifikation der Gelehrten, dass diese in „niederen“ Tätigkeiten hilflos waren. Über Thales von Milet, einem der größten Gelehrten der griechischen Antike, gibt es die berühmte Anekdote der Thrakischen Magd, in der dieser Aspekt problematisiert wird.
      In meinen folgenden Beiträgen zu Leonardo möchte ich diese Dinge jedoch nicht thematisieren, sondern auf einzelne Phänomene eingehen, die er bereits damals sehr verständlich beschrieben hat und die auch heute noch bei einem großen Teil der Menschen (trotz des naturwissenschaftlichen Unterrichts in der Schule) nicht verstanden werden.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 13. März 2019, 18:54
      • Du kannst Dir vorstellen, daß ich nicht interessiert bin, mehr eigens über Unzulänglichkeiten der Gelehrten zu erfahren. Es gab und gibt ja reichlich Bücher darüber. Solche Schnurren besagen letztlich nicht viel mehr, daß zur Ausbildung eines einzigartigen Vermögens Defizite im Alltagsleben fast unabdingbar sind.

        Ich weiß auch vom Schach, daß Emanuel Lasker sowohl wissenschaftlich tätig war als auch lange Schachweltmeister. Er korrespondierte mit Einstein mehrfach. Das ist so etwas in der Schachgemeinde, das man gerne erwähnt. Aber ich denke, man kann schwer mehr als 1 oder 2 Herren dienen. Wie sollte das auch gehen?!
        Smyslov war auch Schachweltmeister und widmete sich in späteren Jahren völlig seiner 2. Leidenschaft, dem klassischen Klavierspiel. Dieses hatte er aber schon in jungen Jahren sehr kultiviert.

        Danke, Jochim, ich bin gespannt auf weitere Beiträge zu Da Vinci.

        Verfasst von kopfundgestalt | 13. März 2019, 19:11
      • Danke für deine interessanten Ergänzungen 🙂

        Verfasst von Joachim Schlichting | 13. März 2019, 19:22
  2. Ich freue mich auf weitere Beiträge!
    Zwar wusste ich, dass Leonardo aus wissenschaftlich forschte, aber nicht in welcher Intensität.
    herzliche Grüße
    Ulli

    Verfasst von Ulli | 13. März 2019, 11:40
    • Leonardo verstand sich nicht in erster Linie als Künstler, obwohl er heute fast nur noch als solcher gesehen wird. Aber solche Fehleinschätzungen kamen öfter vor, etwa bei Goethe, den viele für den größten deutschen Dichter halten. Er selbst sah das ganz anders, wenn er sagt: „Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir nichts ein. Es haben trefflichere Dichter mit mir gelebt, es lebten noch trefflichere vor mir, und es werden ihrer nach mir sein. Daß ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute, und ich habe daher ein Bewußtsein der Superiorität über viele“. Die im ersten Satz geäußerte Bescheidenheit ist rhetorisch perfekt gewält, steigert sie doch ganz erheblich die im zweiten Satz geäußerte Unbescheidenheit.
      Liebe Grüße, Joachim

      Verfasst von Joachim Schlichting | 13. März 2019, 19:10
      • Es verwundert doch sehr, wie Goethe diese zwei Gesichtspunkte beurteilte.Aber Eitelkeit steht nun mal Menschen zu. Ich meine Leute zu kennen, die völlig uneitel sind, aber das wäre auf der anderen Seite ziemlich unrealistisch.

        Verfasst von kopfundgestalt | 13. März 2019, 19:15
      • Ich würde Goethe auch nicht wegen der Eitelkeit tadeln, zumal seine alternative Farbenlehren viel Beachtenswertes und Faszinierendes enthält. Man darf es nur nicht in Konkurrenz mit der Newtonschen Physik sehen, und das tat er leider.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 13. März 2019, 19:26

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