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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie, Physik und Kultur

Leonardo da Vinci (2) – Zur physikalischen Dimension des Malens

Folge 2:
Geht man der Frage nach, was bis in unsere Tage den Gemälden Leonardos da Vincis so faszinierend ist, so kann man den Eindruck gewinnen, dass er nicht nur malte was er sah, sondern darüber hinaus zahlreiche optische Regeln anwandte, um sich auf kalkulierte Weise über das Reale hinwegzusetzen. Dabei gelang es ihm beispielsweise, der Mona Lisa über die bloße realistische Abbildung hinaus eine große Lebendigkeit zu verleihen. Er nutze einerseits einen Aspekt der Farbperspektive aus, der hier im Blauschleier zum Ausdruck kommt, der die fernen Gegenstände im Hintergrund umgibt. Dabei begründete er sein Vorgehen so: „Ein sichtbarer Gegenstand wird seine wirkliche Farbe in dem Maße weniger zeigen, in dem das zwischen ihn und das Auge eingeschobene Mittel an Dicke der Schicht zunimmt. Das Mittel zwischen dem Auge und dem gesehenen Gegenstand wandelt die Farbe dieses Gegenstandes zur seinigen um“ [1] . Andererseits berücksichtigte er das Phänomen, wonach ferne Gegenstände verschwommen erscheinen: „Scheinbild und Substanz der Dinge verlieren mit jedem Grad an Entfernung an Wirkungskraft, das heißt, je weiter der Gegenstand sich vom Auge entfernen wird, um so weniger (und unvollkommener) wird er mit seinem Scheinbild durch die (zwischengeschobene) Luft hindurchdringen können“ (ebd.).
Bei der Person selbst machte er auf einfühlsame Weise von Licht- und Schatteneffekten auf dem Körper und dem Gewand Gebrauch: „Von der Fleischfarbe und von den Gestalten in großer Entfernung vom Auge… Und vergiß ja nicht, die Schatten sollen nie so beschaffen sein, daß durch ihre Dunkelheit die Farbe an dem Ort, wo sie entstehen, ganz verlorengeht, außer der Ort, wo sich die Körper befinden, ist schon von sich aus finster… Mach keine scharfen Umrisse, löse keine Haare heraus, setze keine weißen Lichter, außer auf weiße Gegenstände. Und die Lichter sollen aus den Farben, auf die sie scheinen, die größte Schönheit herausholen“[2].

Leonardo überließ nichts dem Zufall, er hatte alles vorher erforscht und experimentell untersucht, so dass man mit Recht sagen kann: So physikalisch durchdacht und natürlich zugleich, hat vor ihm keiner gemalt. Dieses durch „physikalische“ Erkenntnisse bestimmte Vorgehen unterscheidet insbesondere die Mona Lisa von den Werken seiner zeitgenössischen Kollegen.

Der Kunsthistoriker und Experte für Leonardo da Vincis Werk, Martin Kemp, betont in diesem Zusammenhang, dass Leonardos Technik Ähnlichkeiten mit den Computersimulationen unserer Tage aufweist, mit denen heute natürlich wirkende Landschaften generiert werden. Auch bei ihnen spielt die physikalische Erfassung auch noch der kleinsten Effekte, die zum Eindruck des Bildes führen, eine wichtige Rolle: „Seine Studien von Licht, das ausgehend von einer punktförmigen Quelle die Konturen eines Gesichtes trifft (Abb. 10), veranschaulichen, daß es ihm darum ging, mittels eines Systems, das dem der Strahlenaufzeichnung in der Computergraphik entspricht, modellierte Formen zu erzeugen“ [3]. Doch diese Details bemerkt man erst auf dem zweiten Blick, wenn man sich u.a. klarmacht, dass

  • Mona Lisa auf einer Loggia, also im Gegenlicht, sitzt,
  • aber von links beleuchtet wird, wo sich die Decke befindet,
  • der Hintergrund bläulich und unscharf erscheint,
  • die Rundungen deutlicher hervortreten, als es normalerweise möglich ist.

Wir haben es also mit einer virtuellen, konstruierten Wirklichkeit zu tun, in der der Künstler mit der gezielten Handhabung physikalischer Gesetzmäßigkeiten versucht, das Statische und Eingefrorene eines Gemäldes zu überwinden, das bei einer exakten Kopie der Natur so typisch ist.


[1] da Vinci, Leonardo, zit. nach: von Baeyer, Hans Christian: Regenbogen, Schneeflocken und Quarks. Reinbek: Rowohlt 1996
[2] da Vinci, Leonardo: Sämtliche Gemälde und die Schriften zur Malerei, zit. nach: André Chastel (Hrsg.) München: Schirmer/Mosel 1990
[3] Kemp, Martin: Leonardo. München: C.H. Beck 2004
Quelle Mona Lisa

Diskussionen

10 Gedanken zu “Leonardo da Vinci (2) – Zur physikalischen Dimension des Malens

  1. Das ist super interessant Joachim, es aus Deiner Sicht und mit Deiner Erklärung zu sehen!
    Er war wahrhaftig ein Genie und seiner Zeit so weit voraus!

    Danke für diesen tollen Beitrag!

    Wünsche Dir noch eine angenehme Restwoche!

    Lieber Grüße Babsi

    Verfasst von kunstschaffende | 26. März 2019, 00:56
  2. ganz herzlichen Dank! was für eine großartige „Beleuchtung“ des allseits bekannten Bildes von „innen“, vom Denken und Vorstellen des Malers her!

    Verfasst von gkazakou | 26. März 2019, 10:01
    • Vielen Dank für deinen Kommentar, der mit die Gelegenheit gibt, nochmals auf die Vielseitigkeit Leonardos hinzuweisen und daran zu erinnern/aufmerksam zu machen, dass er sich selbst für einen Moral- und Naturphilosophen hielt.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 26. März 2019, 14:54
  3. Leonardo scheint ja mit einer Art Manie an all seine Werke gegangen zu sein.
    Was trieb ihn dazu an? Der Beste zu sein und zu werden?!
    Verzeih, wenn mich diese Frage beschäftigt.

    Verfasst von kopfundgestalt | 26. März 2019, 15:56
    • Das ist die ewige Frage, woher Ausnahmepersönlichkeiten ihre unerschöpflich scheinende Energie hernehmen. Um äußere Anerkennung scheint es ihm – zumindest in dem Bereich, den ich ein wenig überschaue – nicht gegangen zu sein. Sonst wäre seine zahllosen Texte und Skizzen nicht in der Versenkung verschwunden, sondern Grundlage für das eine oder andere Buch geworden.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 27. März 2019, 15:23
      • Joachim, ich kann auch nicht solche „Ausnahmepersönlichkeiten“ beurteilen, will es im Grunde auch nicht. Die Hybris um die jeweilige Person stimmt mich auch immer nachdenklich, ich mag sie eigentlich nicht..
        In „meinem“ Bereich, des Schach, habe ich einige kennengelernt. In der Malerei habe ich mich ausgiebig mit Picasso beschäftigt.
        Und dennoch fällt es mir schwer, in eine Art „Andachtsstarre“ zu fallen, auch wenn sie Großes geleistet haben.

        Verfasst von kopfundgestalt | 27. März 2019, 18:23
      • Geht mir genauso, lieber Gerhard . Ich habe manchmal Schwierigkeiten, Person und Werk zu trennen, wenn ich die Person (z.B. in einem Interview) als „unangenehm“ erlebt habe.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 27. März 2019, 19:44
  4. Da kann ich mich Gerda nur anschließen !

    Verfasst von Myriade | 26. März 2019, 17:54

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