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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie, Strukturbildung, Selbstorganisation & Chaos

Eine ansteigend geordnete, eingerollte Gebärde…

Die meisten Leute kranken daran, daß sie nicht aussagen können, was sie sehen und was sie denken. Man behauptet, es sei nichts schwieriger als eine Spirale in Worten zu definieren: Man muß dazu, sagt man, in der Luft mit der literaturlosen Hand eine ansteigend geordnete, eingerollte Gebärde vollführen, dank welcher sich diese abstrakte Figur der Sprungfedern oder manchen Treppen den Augen darstellt. Doch sobald wir uns daran erinnern, daß reden erneuern heißt, können wir eine Spirale ohne Mühe definieren: es ist ein Kreis, der aufsteigt, ohne je imstand zu sein, sich zu schließen. Die meisten Leute, ich weiß es wohl, würden es nicht wagen, auf diese Weise zu definieren, weil sie annehmen, daß definieren das aussagen heißt, was die anderen hören möchten, und nicht das, was man sagen sollte, um zu definieren. Besser gesagt: eine Spirale ist ein virtueller Kreis, der sich aufsteigend entfaltet, ohne je zu seiner Verwirklichung zu gelangen. Aber nein, diese Definition ist ebenfalls noch abstrakt: Ich werde eine konkrete Formulierung suchen und alles wird klar sein: eine Spirale ist eine Kobra, die sich vertikal nicht einrollt.*


*Fernando Pessoa. Das Buch der Unruhe. Frankfurt 1987

Diskussionen

13 Gedanken zu “Eine ansteigend geordnete, eingerollte Gebärde…

  1. 🙂 In diesem Fall eine plattgefahrene und wieder auseinandergezogene Kobra….. 😉

    Verfasst von gkazakou | 27. März 2019, 00:29
  2. Die Ranken von Zaunrübe oder Passionsblume formen oft wunderbare Spiralen, auf der Suche nach einem Halt, vor allem, wenn sie keinen Halte-Punkt erreichen … Zur Beschreibung von als intellektuell empfundenen Begriffen gehört wohl tatsächlich oft mehr Mut, gegenständliche Beispiele zu benennen, als sie anschaulich zu finden, aus Angst, sie könnten zu einfach wirken und den Ansprüchen eines Gesprächs mit genau diesen Partnern nicht genügen.
    Es geht, wie von Pessoa beschrieben, um weit mehr, als nur beschreibende Begrifflichkeiten zu finden, weil Emotionen wie Sehnsüchte und Bedürfnisse, Hemmungen und Ängste eine Rolle spielen, innerhalb derer sich das nach Worten suchende Denken ganz ähnlich bewegt wie die von mir als Beispiele genannten Ranken auf der Suche nach Halt, in dem Fall Akzeptanz.
    Ein nichtbildliches, aber den meisten Menschen vertrautes Beispiel für solcheHemmung, etwas zu beschreiben, kann hier auch die „Sprachlosigkeit“ sein, die manche Menschen überkommt, wenn sie im Gesräch eine Fremdsprache anwenden sollen, von der sie im Prinzip ausreichende Kenntnisse hätten, um Freundlichkeit zu vermitteln, aber aus diffuser Angst vor Fehlern und Urteil nicht damit aus sich herauskommen – auch dieses Gefühl der Anforderung und des Unwohlseins gleicht nach meinem Empfinden einer solchen Spirale. Die sich erhebende Kobra gibt der Angst ein passendes Gesicht.

    Verfasst von puzzleblume | 27. März 2019, 05:19
  3. Genialer Pessoa:
    Spirale als vertikale Kobra.
    Umwerfende Definition!

    Verfasst von finbarsgift | 27. März 2019, 06:36
  4. Unten darf man sitzen, zu Fuß des Meisterwerks – es kann sein, daß das, was im Haus gezeigt wird, sich dem unterordnen muß, egal wie schmerzlich es sein mag :-).

    Verfasst von kopfundgestalt | 27. März 2019, 12:37

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