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Marginalia

Einhörner unter uns

Der Stier

Ein jeder Stier hat oben vorn
auf jeder Seite je ein Horn;
doch ist es ihm nicht zuzumuten
auf so ’nem Horn auch noch zu tuten.
Nicht drum, weil er nicht tuten kann,
nein, er kommt mit seinem Maul nicht `ran.

Heinz Erhardt (1909 – 1979)

Zur Zeit Heinz Erhardts (1909 – 1979) mag das so gewesen sein. Schaut man sich heute auf den Weiden um, so wird man meist feststellen, dass die Kühe im Allgemeinen und die Stiere im Besonderen überhaupt keine Hörner mehr haben. Als kleine Kälber werden sie in einer schmerzhaften Prozedur, also ohne Betäubung, hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen (mehr Platz im Stall) enthornt.
Kürzlich begegnete ich einer Gruppe von Kühen, und traute meinen Augen nicht. Da war doch die berühmte Ausnahme von der Regel. Ein Stier mit nur einem Horn. Ob das vielleicht das sagenumwobene Einhorn war, das sich hier unter die Hornlosen gemischt hatte? Der einzige Schönheitsfehler, das Horn sitzt nicht symmetrisch in der Mitte. Aber Symmetriebrüche werden nicht nur in der Physik und Kunst geschätzt, sondern machen auch dieses Einhorn zu etwas Einmaligem :-).

Diskussionen

9 Gedanken zu “Einhörner unter uns

  1. Gefallen kann das nicht.
    In Wikipedia steht sinngemäß: „Respekt vor der Integrität des Tieres“ verbietet solche Maßnahmen.

    Verfasst von kopfundgestalt | 5. April 2019, 00:54
  2. Heinz Erhardt war ein echtes Original, einfach liebenswert und bleibt unvergessen.
    Aber was da mit den Hörnern der Rinder passiert kann ich fast nicht glauben und verdient nur Verachtung, finde ich.
    Liebe Grüße von Hanne

    Verfasst von hanneweb | 5. April 2019, 09:51
  3. Dieser Einhörnige blickt ziemlich traurig in die Welt. Ein Missgriff der Natur oder menschengemacht? Dass auch Rinder auf der Weide heute hornlos sind, wusste ich nicht. Anstatt dem Einhalt zu gebieten, flüchten wir uns in Träume von heilen Welten mit weißen Einhörnern. Es ist zum Weinen. Wieder einmal denke ich an Kafka („Auf der Galerie“): „da es aber nicht so ist….“

    Verfasst von gkazakou | 5. April 2019, 12:58
    • Du sagst es. Zum Weinen, ohne dass man es so richtig merkt.
      Zur Hornlosigkeit: In Spanien und Südfrankreich habe ich noch intakte Kühe angetroffen. Und ich denke, dass es in Griechenland ähnlich sein wird. Bei uns nimmt die Agrarindustrie unerträgliche Ausmaße an.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 5. April 2019, 17:54
  4. Dieser Stier hat zudem noch eine äusserst künstlerische Musterung …
    und dann seufze ich wieder über die Art und Weise wie wir Menschen aus irgendwelchen Kosten- Raum- und Sonstwasfürkosten mit den Tieren (und Pflanzen, Wäldern, Böden, Meeren, Flüssen) umgehen. Da wird der traurige Blick von dem Einhornstier be-greifbar.
    liebe Grüße
    Ulli

    Verfasst von Ulli | 5. April 2019, 18:54
    • Du sagst es, liebe Ulli. Man ist hin- und hergerissen zwischen künstlerischer Betrachtung und mit(menschlicher)tierischer Betroffenheit. Der Stier wird zum Fabeltier, weil er zwischen seiner Natur und dem was der Mensch aus ihm aus wirtschaftlichen Interessen gemacht hat stecken geblieben ist.
      Sei herzlich gegrüßt, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 5. April 2019, 20:36

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