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Marginalia

Zum Welttag des Buches – Kunst am Wegesrand (2)

Zum heutigen Welttag des Buches, der – wenn man ihn ernst nimmt – ja auch der Welttag des Lesens ist, möchte ich zum einen die Skulptur eines Zeitungslesers vorstellen, der mir beim Flanieren in Neustadt an der Weinstraße begegnet ist, und zum anderen einen Text, der daran erinnert, dass die Lektüre die Verheißung einer von den Fesseln der Identität befreiten Existenz darstellt.
Zumindest pflegt der stehend Lesende sich im Allgemeinen nach einer Weile zu setzen. Der Körper fordert dies. Alles Lesen unterliegt der Schwerkraft. Denn wer hat noch nicht erlebt, wie man nach einer halben Stunde des Lesens im Sitzen unmerklich anfängt, immer tiefer im Sessel zu versinken? Zu guter Letzt übt man sich in dem einigermaßen waghalsigen Kunststück, den Körper auf einer Fläche zu verteilen, die weniger als die Hälfte seiner Länge entspricht. Das Lesen: an homage to vertebrae (Brodsky). Endlich: die unbewegliche Zeit.*


* aus: Aris Fioretos. Das Maß eines Fußes. München 2008

Diskussionen

19 Gedanken zu “Zum Welttag des Buches – Kunst am Wegesrand (2)

  1. Heute passierte es mir, dass meine Augen bei einem durchaus verständlichen, gut geschriebenen und interessanten Text von Freud (über den Moses von Michelangelo) von der Schwerkraft befallen wurden. sie wollten sich immerfort schließen. 😉

    Verfasst von gkazakou | 23. April 2019, 00:52
    • Die Schwerkraft der Augenlider ist bekanntlich umgekehrt proportional zum Interessantheitsgrad des Gelesenen und zum Wachheitsgrad der lesenden Person 😉 . Da Freud in den mir bekannten Texten flüssig und spannend schreibt, würde ich es noch mal in ausgeschlafenem Zustand versuchen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 23. April 2019, 09:20
      • Ganz recht. Freud schreibt sehr lesbar. Aber es gibt Momente, wo es mir schwer fällt, mich auf die Denkungsart eines anderen Menschen einzulassen. Im vorliegenden Text bringt er Zitate vieler Kunstkritiker, die er bewertet, und ich versuchte sowohl deren als auch seine Art der Kunstbetrachtung zu begreifen. Da fielen mir die Augen zu.

        Verfasst von gkazakou | 23. April 2019, 11:40
      • Ja, das kenne ich auch zur Genüge. 🙂

        Verfasst von Joachim Schlichting | 23. April 2019, 11:51
      • Es gibt unter Garantie bei „gleichfesselndem“ Inhalt, soweit man so etwas überhaupt herstellen könnte, unterschiedliche Kondition. Meine schätze ich als gering hier, schätze aber , dass ich mich nicht ewig darüber krämen muss.
        Ein Freund von mir muss seine Wohnung räumen, die eine einzige Bibliothek ist. Das sind schwerwiegende Probleme, wenn man 40 jahre Lesestoff“zusammenschieben“ muss.

        Verfasst von kopfundgestalt | 23. April 2019, 11:56
      • Ein weiteres Problem für mich wäre, dass ich dabei ein interessantes Buch in die Hand bekäme und so den Umzug verzögern würde.;-)

        Verfasst von Joachim Schlichting | 23. April 2019, 11:59
      • Genau das passiert gerade 🙂

        Verfasst von kopfundgestalt | 23. April 2019, 17:27
  2. Ich muß meistens aufrecht sitzen, bei geneigter Sitzlage drohe ich einzuschlafen.
    Überhaupt lese ich nie lange am Stück.

    Verfasst von kopfundgestalt | 23. April 2019, 07:49
    • Dann fehlt dir offenbar mitreißende und spannende Lektüre ;-). Ich gebe aber zu, dass das Lesen in eher horizontaler Lage nur dann effektiv ist, wenn ich hellwach bin.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 23. April 2019, 09:05
      • Mitreissend und spannend sind meistens Sachbücher für mich (Geschichte, Philosophie, Biologie, Astronomie, Physik ect). Das ändert daran aber nichts, daß ich schnell müde werde.
        Meine Partnerin versteht das auch nicht, ich auch nicht, übrigens 🙂

        Verfasst von kopfundgestalt | 23. April 2019, 10:46
      • War auch eher ironisch gemeint. Müde heißt nicht unbedingt uninteressiert. 🙂

        Verfasst von Joachim Schlichting | 23. April 2019, 11:31
  3. Faszinierend finde ich, dass du von den Fesseln der Identität sprichst. Deer Begriff ist ja in aller Munde und wird – besonders gern von sehr konservativen Denkern – als überaus positiv gesehen.

    Verfasst von Myriade | 23. April 2019, 10:50
    • Unabhängig von einer Einordnung „konservativ vs. progressiv“ scheint mir dieser Ausdruck im ursprünglichen Verständnis sehr schön auszudrücken, wie man sich von diesen individuellen Denkvoraussetzungen lösen könnte. Lesen scheint mir dabei sehr hilfreich. Mir ist jedenfalls nicht bewusst, dass der Ausdruck auch von sehr konservativen Denkern verwendet wird. Damit würde ich mich keinesfalls identifizieren können.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 23. April 2019, 11:28
      • Oh ja, mir gefällt der Gedanke sehr gut, dass Lesen ein mögliches Mittel zum „leben verschiedener Leben“ bzw zur Erweiterung und Durchschüttelung der eigenen eingefahrenen Denkmuster ist.
        Bei den konservativen Denkern dachte ich vor allem an Francis Fukuyama, dessen neues Buch „Identität“ ja Furore macht. Allerdings muss man dabei auch bedenken, dass nicht alle, die das Buch loben, es auch gelesen haben 🙂

        Verfasst von Myriade | 23. April 2019, 14:02
      • Das freut mich. An das Buch von Fukuyama habe ich nicht gedacht. Ich will es auch nicht loben. Allerdings haben sich darin seine politischen Präferenzen ein Stück weit nach links verschoben.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 23. April 2019, 14:25
      • Das ist interessant, ich kann gar nichts dazu sagen, weil ich es nicht gelesen habe. In Österreich ist die Innenpolitik derzeit so …… hm sagen wir „bewegt“, dass mein Bedarf an weiterer politischer Diskussion gerade gering ist * lustloses Lächeln *

        Verfasst von Myriade | 23. April 2019, 16:21
      • Das geht mir ähnlich. Und wenn ich zwischendurch nicht das eine oder andere erhellende oder aufmunternde Buch als Ausgleich hätte, wären solche Bücher kaum zu ertragen.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 23. April 2019, 20:42

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