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Energie und Entropie, Physik im Alltag und Naturphänomene

Wenn Schnecken Straßen überqueren…

… dann sind sie bei vielbefahrenen Straßen meist dem Tode geweiht. Aber auch verkehrsarme Straßen sind alles andere als ungefährlich. Als ich an einem sehr sonnigen Tag eine Schnecke eine trockene Straße überqueren und eine deutliche Schleimspur hinter sich lassen sah, wunderte ich mich allein schon über den materiellen Aufwand, der hier getrieben wurde und über die Gemächlichkeit, mit der sie unter den für sie widrigen Bedingungen eine solche Herausforderung angenommen hatte.

Schnecken sind nicht nur langsam, sie bewegen sich auf eine sehr ungewöhnliche Weise fort, indem sie auf einem Schleimteppich voran gleiten. Der normalerweise dickflüssige Schleim wird dabei geschert. Das heißt: Durch die Fortbewegung der Schnecke wird der an ihrem Fuß anhaftende Schleim gegen den am Boden anhaftenden Schleim verschoben. Dadurch werden zwei parallel zueinander in entgegengesetzte Richtung wirkende Kräfte auf die Schleimschicht ausgeübt. Diese hat nun die besondere Eigenschaft, durch dies Scherung dünnflüssiger und damit gleitfähiger zu werden*.
Das erleichtert die Fortbewegung der Schnecke enorm, denn wie man an der Spur der Schnecke auf dem Foto erkennen kann; ist die Fortbewegung ohnehin sehr material- und energieaufwändig. Die scherverdünnende Eigenschaft des Schneckenschleims hat außerdem den Vorteil, dass die Schnecke durch entsprechende Bewegungen die Viskosität des Schleims so einrichten kann, dass sie auch auf glattem Untergrund empor kriechen kann**.
Für den Vortrieb haben verschiedene Schnecken ganz unterschiedliche Mechanismen entwickelt. Am bekanntesten ist wohl die wellenförmige Sohlenbewegung der Landlungenschnecken.
Als ich einige Zeit später auf derselben Straße zurückkam, sah ich schon von weitem, dass die Schnecke die Situation offenbar völlig falsch eingeschätzt hatte. Sie war nur noch ein kleines Stück weitergekommen und dann weit entfernt vom Nachschub an Feuchtigkeit verendet. (Foto durch Klicken vergrößern)
Weitere Beiträge zu den schönen und interessanten Seiten des Schneckenschleims findet man hier und  hier und hier und hier und hier.


*Solche Flüssigkeiten, die Ihre Viskosität (Zähflüssigkeit) durch Scherung verringern, nennt man auch scherverdünnend oder strukturviskos.

**Solche scherverdünnenden Eigenschaften werden übrigens in viskosen Flüssigkeiten wie beispielsweise in Farben, Shampoo oder Zahnpasta ausgenutzt. So bleibt z.B. Farbe am Pinsel haften (dickflüssig = stark viskos), sie lässt sich aber leicht streichen verstreichen (dünnflüssig = schwach viskos) und bleibt in Ruhe an der Wand haften.

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Diskussionen

10 Gedanken zu “Wenn Schnecken Straßen überqueren…

  1. Ich muss mal schreiben, dass ich das immer total interessant finde, was Du schreibst. Man kann echt viel und das unterhaltsam und unauffällig lernen. Danke!

    Verfasst von noch1glaswein | 25. April 2019, 07:56
  2. Als ich das gestern Nacht las, kam ich überhaupt nicht zurecht. „Scherung“ war mir ein solch fremdartiger Begriff, daß ich wie abprallte am Text. Jetzt möchte ich das Ganze nochmal neu lesen…

    Verfasst von kopfundgestalt | 25. April 2019, 11:01
  3. sah eben ein anderes schönes Foto mit einer Schneckenspur. Scheint grad aktuell zu sein. https://atdoru.wordpress.com/

    Verfasst von gkazakou | 25. April 2019, 14:26

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