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Physik im Alltag und Naturphänomene

Leonardo da Vinci (4) – Komplexe Spiegelschatten

Ich stehe mit der tiefstehenden Sonne im Rücken vor einer Glastür. Die Sonne wirft von mir einen Schatten, der sich wie ein Teppich vor mir ausbreitet. Gleichzeitig werde ich samt dem Szenario hinter mir in der Glasscheibe der Tür reflektiert, sodass auch ein Schatten von meinem Spiegelbild nunmehr aber in umgekehrter Richtung und damit mir entgegen geworfen wird.
Es kommt zur Überlagerung der beiden Schatten und damit zu einer merkwürdigen Doppelfigur. Diese ist ihrerseits strukturiert durch Reflexe der Sonne an der Scheibe, die zu einer Aufhellung des realen Bodens davor und des gespiegelten Bodens dahinter führt. Diese Aufhellung macht es jedoch sinnigerweise – so als müsste es so sein – überhaupt erst möglich, dass die beiden Schattenköpfe der primäre und der reflektierte überhaupt sichtbar werden. Denn anderenfalls wäre von den Schattenköpfen nichts zu sehen – es würden sich einfach zwei langweilige Rümpfe überlagern ohne innere Strukturierung. Ist das nicht clever – von der Natur – inszeniert? Der Laie würde sagen: reiner Zufall. Der Physiker würde antworten: bloße Notwendigkeit.

Und was sagt Leonardo zum Schatten im Allgemeinen?

Der Schatten ist Verringerung von Licht und Dunkel und liegt zwischen diesem Licht und Dunkel.
Der Schatten ist von unendlich verschiedener Dunkelheit und kann an Dunkel unendlich verringert werden.
Die Anfänge und Enden der Schatten erstrecken sich zwischen Licht und Dunkel und können unendlich verringert und verstärkt werden.
Der Schatten bedeutet Ausprägung der Körper und ihrer Gestalten.
Ohne Schatten werden die Gestalten der Körper keine Kenntnis von ihren Eigenschaften geben.
Der Schatten hat immer etwas von der Farbe seines Gegenübers.

(Von den Umrissen der Schatten.) Manche sind verschwommen, von nicht wahrnehmbarer Begrenzung; andre sind deutlich begrenzt.

(Wann Körper ohne Licht und Schatten sind.) Kein undurchsichtiger Körper ist ohne Licht und Schatten, außer wenn er im Nebel auf schneebedecktem Erdboden ist. Ebenso ist es, wenn es in der Landschaft schneit; denn dann ist sie ohne Licht und in Dunkel gehüllt.
Aber das geschieht nur bei den kugelförmigen Körpern; denn bei den andern Körpern, die eine Gliederung haben, färben die Teile der Glieder, die einander gegenüberliegen, sich gegenseitig in dem zufälligen ton ihrer Oberfläche.

 

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Diskussionen

7 Gedanken zu “Leonardo da Vinci (4) – Komplexe Spiegelschatten

  1. Ein geniales Bild, lieber Joachim! Und wieder so viel zu lernen …
    liebe Grüße
    Ulli

    Verfasst von Ulli | 29. April 2019, 08:38
  2. Liebe Ulli, das Bild hat die Natur „gemalt“. Ich habe nur auf den Auslöser gedrückt. Trotzdem vielen Dank und
    liebe Grüße, Joachim.

    Verfasst von Joachim Schlichting | 29. April 2019, 08:45
  3. Der Mathematiker würde sagen: Das ist trivial 🙂

    „Ohne Schatten werden die Gestalten der Körper keine Kenntnis von ihren Eigenschaften geben.“
    Mit Kenntnis ist Zeugnis gemeint?!
    Leonardos Sprache ist in heutiger Zeit nicht leicht zu lesen. So auch der letzte Satz:
    „Aber das geschieht nur bei den kugelförmigen Körpern; denn bei den andern Körpern, die eine Gliederung haben, färben die Teile der Glieder, die einander gegenüberliegen, sich gegenseitig in dem zufälligen ton ihrer Oberfläche.“

    Mir fiel auch gestern ein anderer Gedanke zu: Durch das vermehrte Lesen und Hören philosophischer Inhalte dünkt sich der Mensch mittlerweile gerne, garnicht weit weg von diesen Leuten zu sein und kräftig mitreden zu können. Man kann dann so über manchen Philosoph urteilen, ihn gering schätzen ect.
    Diese Hybris könnte von Unzufriedenheit herrühren – man möchte in allem nicht zurückstehen wollen und wenn man es dennoch täte, wäre psychisch viel verloren. Alle Fäden müssen in der Hand bleiben.

    Verfasst von kopfundgestalt | 29. April 2019, 10:01
    • Kenntnis: Durch Schatten (und Schattierung) lernt man einen Körper kennen: z.B. den Umriss, die Körperlichkeit (ohne Schattierung ist ein Apfel flach)…
      „…bei anderen Körpern…“: Gemeint ist, dass die Teile eines in sich strukturierten Gegenstands sich gegenseitig beleuchten und ihm daher ein charakteristisches Aussehen geben, das wir als seine Struktur wahrnehmen.
      Du hast Recht in dem was die Sprache der Philosophen betrifft. Die Tatsache, dass sie weitgehend der Alltagssprache entspricht und wir daher die Worte verstehen, heißt noch lange nicht, dass wir die so zum Ausdruck gebrachte „Philosophie“ verstehen. Vor solchen Missverständnissen sind die Hard-Core-Mathematiker und -Physiker weitgehend geschützt, weil sie Symbole in Formeln benutzen, die man erst einmal verstanden haben muss, um die Formeln zu verstehen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 29. April 2019, 10:34
      • Oh, danke zu der Erklärung des 2ten Satzes von Leonardo.

        Was für die Philosophie zutrifft, gilt etwa auch für Schach. Auf Youtube gibt es ja seit wenigen Jahren Besprechungen von Partien mit Topgroßmeistern wie Carlsen. Alles klingt klar, aber 95% des Wissens ist nicht ausgesprochen (oder vermittelbar).
        Oder andersrum: Man kann nicht wissen, wie es ist, den Kilimandscharo zu besteigen ausser man tut es.

        Verfasst von kopfundgestalt | 29. April 2019, 10:45
      • Das sehe ich genauso.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 29. April 2019, 10:47

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  1. Pingback: Die Welt als Spiegelkabinett | Die Welt physikalisch gesehen - 15. April 2020

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