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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Alltägliche Spiegelwelt…

Dieses Foto ist nicht manipuliert. Ich habe das Motiv so gesehen und das Foto gibt die Situation erstaunlich realistisch wieder, obwohl der Anblick ziemlich irreal erscheint. Jedenfalls ist es gar nicht so leicht, die Konstellation der gespiegelten und realen Aspekte trennscharf auseinander zu halten. Dabei habe ich nichts weiter getan, als die große Glasfront eines Gebäudes zu fotografieren.
Obwohl die Pflasterung, auf der der Fotograf steht, im Schatten des Gebäudes liegt, ist das von ihr diffus reflektierte Licht des Himmels ausreichend, um eine spiegelnde Reflexion in der Scheibe zu bewirken, die etwa von der gleichen Intensität ist, wie das von den Personen im Gebäude ausgehende Licht. Läge die Pflasterung in der Sonne, so wäre von den Personen und der Treppe wohl kaum etwas zu sehen.
Wir haben es hier mit einer Doppelglasscheibe zu tun. Das sieht man an der doppelten Reflexion, wie sie an den Beinen des Fotografen sichtbar wird. Diese Isolierglasscheiben haben einige interessante physikalische und künstlerische Phänomene hervorgebracht (siehe z.B. hier und hier und hier und hier), die es vorher so nicht gab. Allerdings haben sie auch einen Nachteil. Die Spiegelbilder sehen nicht mehr so schön aus wie bei der Einfachverglasung. Denn da das Licht an beiden Scheiben reflektiert wird, sieht man im Allgemeinen Doppelbilder, die zumindest die Illusion vereiteln, dass es sich um reale Gegenständen handeln könnte. In dieser Verwechslungsmöglichkeit liegt aber ja gerade ein besonderer Reiz von Spiegelungen.
Und noch etwas ist interessant. Vom Spiegelbild des Fotografen sind nur die Beine zu sehen – ist mir auch ganz recht so – weil der obere Teil von einem hellen vergitterten Quadrat überstrahlt wird. Dieses wiederum ist deshalb so deutlich zu sehen, weil durch den Fotografen das vom hellerleuchteten  Vordergrund stammende Licht ausgeblendet wird*. Daher kann das durch die rückwärtige Fensterfront des Gebäudes einfallende Licht – nur von einer Art Gitter unterbrochen – in diesem ausgeblendeten Bereich voll zur Geltung kommen. Dagegen hat die Spiegelung der oberen Hälfte des Fotografen keine Chance. Er ist also selbst Ursache seiner Zweiteilung.


* Dass ein Schatten die Sichtbarkeit in einen dunkleren Raum erhöhen kann, nutzt man manchmal aus, wenn man beispielsweise an einem hellen Tag vor einer Schaufensterscheibe stehend den eigenen Schatten mit den Händen vergrößert, um im Innern etwas mehr erkennen zu können.

Diskussionen

9 Gedanken zu “Alltägliche Spiegelwelt…

  1. Was die Frauen wohl zu besprechen haben, die da treppabwärts gehen?
    Aufs Physikalische mag ich am Tag eingehen. Danke, Joachim 🙂

    Verfasst von kopfundgestalt | 25. Mai 2019, 00:22
    • Ja, das wird man durch Reflexionen kaum herausbekommen. 🙂

      Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Mai 2019, 08:12
      • Fragen über Fragen…
        Wieso ist weiteres Gitter – neben Dir links – zu sehen?
        Wieso erscheinen die Frauen nicht doppelt? Deren Licht-Gestalt geht ja auch durch 2 Glasscheiben hindurch?

        Verfasst von kopfundgestalt | 25. Mai 2019, 10:31
      • Das Gitter am anderen Ende des Raumes, in den man blickt wird durch das von Seiten des Fotografen einfallende Licht überlagert und dadurch „verwässert“. Nur an der Stelle, an der der Fotograf vor dem Fenster stehend einen Teil des von dort einfallenden Lichts abblockt, kann das Gitter „unverwässert“ gesehen werden.
        Die Frauen erscheinen deshalb nicht doppelt, weil das von ihnen ausgehende Licht ungestört durch die Scheiben geht. Anders ist es, wenn das Licht an den beiden Scheiben leicht gegeneinander versetzt reflektiert wird und damit zwei Bilder entstehen (wie beim Fotografen zu sehen).

        Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Mai 2019, 12:09
  2. Ein phantastisch anmutendes Bild und ein weiteres Beispiel dafür, dass Alltagssituationen dem Aufmerksamen sehr viel Wunderbares zu bieten haben können.

    Verfasst von puzzleblume | 25. Mai 2019, 09:08
    • Vielen Dank! Bemerkenswert an solchen Situationen ist für mich immer der erste Moment, in dem ich entdecke, dass die Situation interessant ist. Schaue ich mir später das Foto an, das ja nur einen begrenzten Kontext zeigt, so bemerke ich oft, wie schwierig es ist, die Originalsituation zu rekonstruieren. Dabei helfen aber die Naturgesetze, die nur bestimmte Interpretationen zulassen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Mai 2019, 09:28
  3. Das habe ich schon immer gemocht…jetzt wo ich es wiedersehe 🙂

    Verfasst von kopfundgestalt | 15. April 2020, 20:44

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  1. Pingback: Die Welt als Spiegelkabinett | Die Welt physikalisch gesehen - 15. April 2020

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