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Marginalia

Ein Hauch wie Klatschmohn

Die Blumen im „hohen Gras, die kaum berührt, schon ihre Blüte verlieren, nachgebend dem leisesten Hauch: wie der Klatschmohn auf langen Stengeln, Gipfel der Zerbrechlichkeit, kleine Pavillons, kurzlebig, vergänglich, für ein Volksfest, einen Dorfschmuck. Doch es ist jedenfalls immer ein Fest, eine Feier, eine Art Zustimmung: niemals Verweigerung, niemals Weinen“*.

Die Kurzlebigkeit und Vergänglichkeit der Blüten des Klatschmohns wird durch die Unermüdlichkeit der Pflanze aufgehoben immer wieder neue Blüten nachzuliefern bis spät in den Herbst. Beeindruckend ist nicht nur das charakteristische Rot der Blütenblätter, sondern auch der Eindruck, dass sie aus sich heraus leuchten würden. Die Ursache dafür ist in der Eigenschaft der dünnen Blätter zu sehen, das aus dem Spektrum des Sonnenlichts „gefilterte“ rote Licht nicht nur  auf der der Sonne zugewandten Seite auszusenden, sondern es auch passieren zu lassen.
Die erstaunliche Stabilität der hauchfeinen Blütenblätter verdankt sich hauptsächlich dem Druck in den feinen Zellen, der durch die physiologischen Vorgänge in der Pflanze aufrechterhalten wird. Viel Materie ist nicht dran an einem solchen Blütenblatt. Zerdrückt man es zwischen den Fingern, so bleiben ein wenig rote Flüssigkeit und ein wenig Biomasse. Die entfalteten Blätter sind also viel mehr als die Summe ihrer materiellen Bestandteile, sie sind nur Mittel zum Zweck. Und was ist der Zweck?
Zu weiteren Aspekten dieser beeindruckenden Blume habe ich mich schon früher geäußert, zum Beispiel: hier und hier und hier und hier und hier und hier.

Ab heute bin ich eine gute Woche offline und kann daher auf evtl. Kommentare erst später antworten und auch mir liebgewonnene Seiten erst danach besuchen. Für einige Beiträge habe ich aber trotzdem vorgesorgt.


*aus: Philippe Jaccottet Sonnenflecken Schattenflecken. Gerettete Aufzeichnungen 1952-2005

 

 

 

Diskussionen

6 Gedanken zu “Ein Hauch wie Klatschmohn

  1. … Viel mehr als die summe…das gilt auch für andere Phänomen wie etwa dem „ich“, das eine neuronale basis hat, aber darauf nicht zu reduzieren ist.

    Verfasst von kopfundgestalt | 7. Juni 2019, 00:28
  2. Ich wünsche dir eine schöne blogfreie Zeit. In der Toskana blüht der Mohn gerade und reckt sich bezaubernd in den blauen Himmel!

    Verfasst von Susanne Haun | 7. Juni 2019, 17:19
  3. Ich mag Fotos vom Klatschmohn. Vielleicht erinnerst du dich an meinen Kakteenhügel. Der ist im Moment vom Mohn erobert worden. Am Vormittag blühen die Mohnblumen in vollster Schönheit, um dann am Nachmitteg, wenn die Hitze den Hügel voll erreicht hat, die Blütenblätter fallen zu lassen. Das geht schon ein paar Wochen so.

    Verfasst von seescho | 8. Juni 2019, 19:20

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