//
Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur, Strukturbildung, Selbstorganisation & Chaos

Zur Alltagskunst

Und es gibt kein naturwissenschaftliches Arbeitsgebiet, von der Medizin bis zur Physik, von der Entomologie bis zur Plasmaforschung, dem nicht neben dem Erkenntnisdrang auch noch ein vages ästhetisches Motiv unterlegt würde. Daß es auf ewig vage bleiben müsse, daß der Untersuchung des sogenannten Schönen im System unserer Natur-Erkenntnis kein Platz zukomme, gehört zu den aprioristischen Annahmen der Wissenschaft. Diese Annahme ist falsch. Das Werk des Weltenbaumeisters – wer immer er auch gewesen sein mag und noch ist, ob ein Gott oder ein vom Nichts ins Nichts führender physikalischer Prozeß – darf in gleicher Weise Gegenstand formaler Betrachtung sein wie ein vom Menschen geschaffenes Kunstwerk. Ein Gebirgszug, der Verlauf einer Küstenlinie, die Gestalt eines Vogels, die Verteilung und Färbung einer Flechte auf einem Felsen sind ebenso das Ergebnis von Form-Prozessen wie die Kathedrale von Chartres oder ein Bild von Cézanne, und diese wie jene lösen die gleichen psychischen wie mythischen Erfahrungen aus*.


*Alfred Andersch. Hohe Breitengrade. Zürich 1984

Diskussionen

10 Gedanken zu “Zur Alltagskunst

  1. nicht die gleichen, aber vergleichbare….. Ansonsten: ja. Beste Pfingstgrüße! Möge Geist über die Menschheit kommen.

    Verfasst von gkazakou | 9. Juni 2019, 08:23
    • Naja, trotzdem hat Andersch ers sehr schön auf den Punkt gebracht. Jetzt wo ich deinen Kommentar lese, liegt Pfingsten bereits hinter uns. Trotzdem scheinen die Grüße angekommen zu sein – vielen Dank dafür. Es war sehr schön an der Nordsee und absolut offline…

      Verfasst von Joachim Schlichting | 13. Juni 2019, 09:15
  2. Wie treffend von Andersch formuliert!

    Verfasst von Susanne Haun | 9. Juni 2019, 10:34
  3. „Ein Gebirgszug, der Verlauf einer Küstenlinie, die Gestalt eines Vogels, die Verteilung und Färbung einer Flechte auf einem Felsen sind ebenso das Ergebnis von Form-Prozessen wie die Kathedrale von Chartres oder ein Bild von Cézanne, und diese wie jene lösen die gleichen psychischen wie mythischen Erfahrungen aus“.
    Erstere sind zufälliger Natur und in ihrer Ästhetik dem geschulten menschlichen Auge unterworfen. Der Künstler versucht das zu verdichten, zu verstärken oder auch nur sichtbar zu machen , neu zu verknüpfen, was vorhanden ist.

    Verfasst von kopfundgestalt | 9. Juni 2019, 11:55
  4. Ja, ja und nochmals ja, genau so ist es. Schließlich ist aber auch unser Schönheitsempfinden ein Produkt der Evolution

    Verfasst von Myriade | 9. Juni 2019, 15:08
  5. Ich kenne Menschen, die an der Evolution des Schönheitsempfindens offenbar nicht teilgenommen haben.

    Verfasst von Joachim Schlichting | 13. Juni 2019, 09:06
  6. Eine gewundene Küste entsteht durch selbstorganisation. Der mensch entdeckt diese form, gewichtet sie gemäß einer vorliebe fur geordnetes oder er erschafft solche formen.krude formen liebt er aber auch, weil psychisches, geistiges damit sichtbar werden kann.

    Verfasst von kopfundgestalt | 13. Juni 2019, 10:57

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Photoarchiv

%d Bloggern gefällt das: