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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Aus Tau geformte Kugellinsen

Dieses Foto ist auf einem Spaziergang am frühen Morgen entstanden, als das Gras noch mit leuchtenden Wassertröpfchen übersät war. Diese sind das Ergebnis von Kondensationsvorgängen in der vergangenen kühlen Nacht, in der sich überschüssiger Wasserdampf in der Atmosphäre besonders an feingliedrigen Gräsern niedergeschlagen hat und nun dem Vernichtungswerk der aufsteigenden Sonne überlassen wird. Keine zwei Stunden später waren kaum noch Tropfen zu finden: Mit zunehmenden Temperaturen verdunstet die prachtvolle Glitzerwelt wieder zu unsichtbarem Wasserdampf. Physikalisch gesehen ändert sich allerdings nur der Aggregatzustand.
Die beiden zentralen, nur ca. 1 und 2 mm großen Wasserkugeln, die hier im gleißenden Sonnenlicht vor einem in der Unschärfe sich auflösenden Hintergrund als sphärische Sammellinsen wenigstens einige Grashalme kopfüber in den Fokus rücken, hängen an winzigen Härchen der Grashalme. Diese Härchen sind wie die übrigen Blattoberflächen wasserliebend (hydrophil). Die Liebe ist so groß, dass die dadurch hervorgebrachte Adhäsionskraft trotz der verhältnismäßig kleinen Fläche mit der sie in den Tropfen eintauchen, ausreicht, die Schwerkraft des Tropfens zu kompensieren. Faktisch wirken die Härchen jedoch wasserabweisend (hydrophob), indem es zu keiner flächenhaften Benetzung kommt, sondern zu zahlreichen, einzelnen Tropfen, die wie winzige (Bruchteile eines Millimeters) Perlen an den Blättern aufgereiht erscheinen.
Wegen der geringen Schärfentiefe der Kamera erscheinen weiter entfernte Tropfen immer unschärfer, um schließlich in eine Art konzentrischer Ringsysteme überzugehen. Diese fotografische Qualitätseinbuße wird unter künstlerischer Perspektive zuweilen als bewusste Abweichung von einer realistischen Darstellung eines Gegenstandes eingesetzt und ist unter dem aus dem Japanischen kommenden Begriff „Bokeh“ (von jap. 暈け boke = unscharf, verschwommen) bekannt.

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Diskussionen

4 Gedanken zu “Aus Tau geformte Kugellinsen

  1. Was es alles gibt: „Bokeh“
    Im Japanischen gibt es auch ein Wort für Bücherkauflust, bei der die Käufer eigentlich garnicht vorhaben, die Bücher zu lesen.
    Sie fühlen sich einfach wohl, sie (die besonderen Exemplare) zu besitzen.
    Sowas kennen wir doch auch, oder?!

    Verfasst von kopfundgestalt | 25. Juni 2019, 00:38
    • Unter einem künstlerischen Aspekt können solche Unschärfeeffekte manchmal auch von besonderer Wirkung sein. Das Phänomen mit den Büchern kenne ich auch. Wenn ich beispielsweise einen sehr schönen Text in einer ansprechenderen Ausgabe finde, kaufe ich mir das zuweilen auch. Aber dann lese ich den Text meistens auch noch mal zumindest an bestimmten Stellen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 4. Juli 2019, 21:17
  2. Diese Wasserkugeln sind wirklich formschön! Gerade der verschwimmende Effekt, den Du schilderst ist wirklich wichtig in der Fotografie, denke ich und natürlich eine Menge Physik.

    Verfasst von Jörg Kruth | 26. Juni 2019, 10:27

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