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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Der Traum und das tiefschwarze Schild des Klatschmohns

Hat man übrigens beachtet, daß die roten blutenden Mohnblumen immer ein merkwürdiges tiefschwarzes oder blaues Feld tragen, einen Schild, der oft so groß wird, daß die ganze Blüte wie Nacht und Dunkel scheint? Manche Mohnblüten entfalten sich zu breiten, flachen Tellern, darauf die Bienen ihre Speise aufgetragen bekommen, denn ich kenne keine Blume, die so gern von Bienen aufgesucht wird. Andere Mohnblumen wirken genau wie schlanke Flammen, ganz vertikal, in strengen zielfesten Linien. Wieder andere sehen wie Wasserdolden aus oder Kugelköpfe. Es gibt keine Form und keine Farbe, die bei diesen Traumgeschöpfen nicht sichtbar würde.Diese ganze Herrlichkeit aber dauert immer nur wenige Stunden, dann sinken bereits die Blumenblätter. Und darin auch erinnern sie an den Traum. Träume drängen und folgen einander und sind nie wie die wachen Vorstellungen zu zeitlicher, kausaler Kette aneinandergereiht, sondern kriechen gleichsam durcheinander hindurch oder auseinander hervor. Und dann, wenn die Kelche entblättert stehen, kommt ein Nachgebilde von rätselhafter Schönheit: die hellgrüne Kapsel, nach und nach immer mehr dunkelnd und größer werdend, bis sie schließlich aufplatzt und den schwarzen Samen verstreut, den schlafbringenden, Opium, Mohnöl, Morphin tragend und auch zu einem köstlichen Kuchen verwendbar. Diese Kapseln des Morphiums nun sind Kunstgebilde, die kein Meister übertreffen kann. Sie haben die Form von Aschenurnen. Die Urnen werden getragen von schlanken Schäften mit ganz feinen Haaren aus klarem Silber. Oben auf den Urnen ragt ein kleiner Zackenkranz aus Silber und Grün; in der Mitte wie die Kreuzrose, auf der letzten Spitze des Münsters erscheint zuweilen ein geballtes kleines Herz. So phantastisch und rätseltief wie das blühende Mohnfeld ist auch das abgeblühte: ein Urnenhain; ein Kirchhof zierlichster Totenurnen auf hohen Türmen. Dazu kommt nun noch, daß Duft des Mohnes berauschend ist wie kein anderer Duft. Millionen Bienen taumeln durch die Mohnfelder ganz berauscht.
Wenn Gestalten Symbole sind, so gibt es in der Natur keine zweite, darin so unmittelbar und klar zum Ausdruck kommt die Beziehung zu Traum und Tod und zu den Müttern das
Lebens.*

Durch diesen Bericht Lessings fühlte ich mich zu sorgfältigeren Betrachtung von Klatschmohn veranlasst. In meiner Gegend fand ich allerdings keine Blüte mit schwarzem Kreuz, obwohl auch in wissenschaftlichen Beschreibungen von diesen Flecksaftmalen die Rede ist. Erst auf einer Wanderung in der Krummhörn fand ich endlich den Klatschmohn mit dem schwarzem Kreuz (siehe oberes Foto). So als sollte diese Entdeckung sofort wieder aufgehoben werden, tauchten in unmitelbarer Nähe Blüten mit einem weißem Kreuz auf (unteres Foto). Die schwarzen Saftmale entstehen durch subtraktive Farbmischung, indem blaue und rote Farbzellen überlagert werden. Nicht immer sind die Male schwarz, oft changieren sie ins Blaue. Wie die weißen Kreuze entstehen, konnte ich leider nicht herausfinden.


Theodor Lessing. Blumen. Berlin 2004, S. 74f

Diskussionen

21 Gedanken zu “Der Traum und das tiefschwarze Schild des Klatschmohns

  1. Eine wunderbare Beschreibung von Mohnblüten, die auch ich sehr mag. 🙂

    Verfasst von Ariana | 19. Juli 2019, 08:20
  2. Die Klatschmohnblüten, die sich seit Jahren in meinem Garten versäen, sind hinsichtlich ihrer dunklen Male wenig konstant, wie auch die Anzahl der Blütenblätter öfter mal mehr als 4 beträgt. Mal haben sie, mal nicht, und gelegentlich begrenzen weisse Linien das obere, zum Blütenblattrand weisende Ende der schwarzen Flecken, die ich ohne den obenstehenden Text allerdings nie als Kreuz empfunden hätte.
    Es kommt auch hier in der Gegend alle paar Jahre mal vor, dass ein Klatschmohn am Feldrand weisse Male hat, aber ausser, dass die sogenannten Seidenmohnzüchtungen, die meist eine helle Mitte haben, alle Papaver rhoeas-Varianten sind , der anscheinend diese Möglichkeiten in sich trägt, weiss ich keine Erklärung.

    Verfasst von puzzleblume | 19. Juli 2019, 09:16
    • Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Deine Beobachtungen scheinen darauf hinzudeuten, dass die schwarzen Male individuell variieren. Ich habe eher den Eindruck gewonnen, dass die schwarzen oder weißen Kreuze (also nicht nur undefinierbare Flecken) bereits in der Erbsubstanz festgelegt sich. Jedes Mal wenn ich eine Gruppe Klatschmohn fand, hatte sie entweder keine (meistens), oder schwarze oder weiße (selten)Kreuze. Es war also nicht so, dass in einer Gruppe von Pflanze zu Pflanze die Merkmale variierten. Wegen der Lage (Feldränder) an denen ich den Mohn fand, gehe ich mal davon aus, dass keine Züchtungen im Spiel waren. Ich habe bislang im Netz keinen Hinweis auf diese Varianten und mögliche Ursachen dafür gefunden. Ich werde aber am Ball bleiben, weil die Blume es mir angetan hat.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 19. Juli 2019, 09:36
  3. Toll dieser Lessingtext 🙂
    Dankeschön fürs präsentieren!
    LG Lu

    Verfasst von finbarsgift | 19. Juli 2019, 10:20
  4. Wieder habe ich etwas gelernt, den Ausdruck „subtraktiv“!

    Unser Kunstlehrer fragte uns mal, was der grösste Farbgegensatz sei. Fast natürlich war ich der erste, der „schwarz und gelb“ zur Antwort gab.
    Ich hatte einen Hunger, mich hervorzuheben.
    Auch war ich ein guter Kurzromanschreiber: Unser Klassenlehrer las meine kleine Novelle, die ich im Deutschunterricht schrieb, sogar vor der Klasse vor.
    Kontrastierend zu alledem hatte ich tief verwurzelt eine ganz schlechte Meinung von mir, hielt mich für hilflos und unfähig.

    Verfasst von kopfundgestalt | 19. Juli 2019, 18:41
  5. Hallo Joachim, Gerda machte mich gestern auf deinen Beitrag aufmerksam, da auch ich Klatschmohn zeigte. Der Text von Lessing ist wunderbar. Nun aber überlege ich (ich habe die anderen Kommentare nicht gelesen), ob das Schwarze Kreuz beim türkischen Schlafmohn zu sehen ist, während der Klatschmohn das weiße Kreuz trägt? Ich komme deswegen darauf, weil der Schlafmohn ja Träger des Opium ist, der Klastchmohn aber nicht. Noch wunder ich mich über den von Lessing beschriebenen Duft, ich habe einen solchen noch nicht wahrgenommen, ist es nicht eher die Farbe, die die Insekten und Bienen anlocken? So Überlegungen am Samstagmorgen beim ersten Kaffee –
    herzliche Grüße
    Ulli

    Verfasst von Ulli | 20. Juli 2019, 10:56
    • Hallo Ulli, ich habe im Anschluss an den Text von Lessing auch sofort an den Pflanzen geschnuppert, weil mir der Mohn vorher duftmäßig nicht aufgefallen war. Ich bin gerade mal eben in den Garten gegangen, um das zu überprüfen. Dabei habe ich keinen charakteristischen Duft feststellen können. Anders ist es beim weiß-lila farbigen Mohn (ich denke es handelt sich um den berüchtigten Schlafmohn) bei dem der Duft in der Tat sehr intensiv uns süßlich ist. Vielleicht war Lessing das beim Verfassen seines Textes in Erinnerung.
      Was das Kreuz (schwarz oder weiß) betrifft, so sieht es in der Tat wie beim Schlafmohn aus.
      Inzwischen habe ich weitere Varianten entdeckt: Klatschmohn mit halben Kreuzen, mit schwarzen Kreuzen, die weiß umrandet sind …
      Bienen sind rotblind und nehmen die Blüten wegen deren starken Reflexion von UV-Licht wahrscheinlich blauviolett wahr.
      Liebe Grüße, Joachim

      Verfasst von Joachim Schlichting | 20. Juli 2019, 12:06
  6. Nun habe ich auch endlich einen Klatschmohn mit weissen Basalflecken im Garten entdeckt, ganz ähnlich deinem Foto, ebenfalls mit „blondem“ Kranz aus Staubgefässen.

    https://puzzleblume.wordpress.com/2020/06/01/heute-ist-mohntag/

    Verfasst von puzzleblume | 1. Juni 2020, 15:23

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