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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Sisyphus V – kinetische Kunst im Phaeno

Diese Aufnahme aus dem Science Center Phaeno in Wolfsburg zeigt eine Momentaufnahme eines kinetischen Kunstwerks. Es besteht darin, dass eine Stahlkugel über eine Fläche mit lockerem, trockenen Sand rollt. Sie hinterlässt dabei eine Rollspur, die dadurch zustande kommt, dass der Sand zu den Seiten weggedrückt wird. Der Lauf der Kugel und damit das dreidimensionale Muster der entstehenden Spur wird durch Computerprogramme gesteuert, die vor allem nach ästhetischen Gesichtspunkten erstellt wurden. Das Kunstwerk besteht sowohl im jeweiligen augenblicklichen Abbild wie in der Bewegung, die dieses Abbild kontinuierlichverändert. Die Kugel wird von einem Magneten unterhalb der Sandfläche gezogen. Der Magnet selbst ist an einem Schlitten fixiert und wird von zwei Motoren angetrieben. Die Bewegung erfolgt nach dem Prinzip eines Polarplotters, wobei die Kugel letztlich auf ähnliche Weise über die Sandfläche geführt wird wie der Stift eines Plotters über ein Blatt Papier. Die Muster werden letztlich durch eine durchgehenden Linie hervorgerufen und können im Prinzip beliebig gestaltet werden.
Das von Bruce Shapiro stammende Phänobjekt trägt den sinnigen Namen Sisyphus V. Diese Bezeichnung soll vermutlich daraus verweisen, dass die Kugel in dem Maße, wie sie neue Strukturen schafft, alte zerstört. Dadurch dass die Sisyphosarbeit zwischenzeitlich zur Kunst gerinnt, ist sie nicht sinnlos und „wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen„*.
Das Foto kann natürlich nur einen groben Eindruck von dem bewegten Vorgang der entstehenden und vergehenden Strukturen vermitteln. Die Kugel in action zu verfolgen, kann zu einem meditativen Erlebnis werden.


* Albert Camus. Der Mythos des Sisyphos. Düsseldorf 1956

Diskussionen

5 Gedanken zu “Sisyphus V – kinetische Kunst im Phaeno

  1. Sehr eindruckvoll, da kann man Camus‘ Satz vom glücklichen Sisyphos sogar verstehen.
    (Wenn das die Götter wüssten! sie müssten ihn glatt begnadigen, damit der vor Langeweile umkommt.)

    Verfasst von gkazakou | 25. Juli 2019, 09:44
  2. Ähnlich ist es doch mit Strukturen am Strand, vornehmlich Fußabdrücke. Sie werden sukzessive umgewandelt und verweisen selbst noch in der 10ten „Generation“ ihrer Veränderung auf den Ursprung.

    In Basel waren wir kürzlich, im Jean Tingeluy-Museum. Dort kann man vom Meister Geräte sehen, die randommässig Farbe auf eine Fläche schmieren, etwa mit einem Klapppinsel.

    Ich fände es auch spannend, von dem Prozess, den Du schilderst, die 1001te Aufnahme und dann die 7320te Aufnahme zu sehen. And so on.
    Das erinnert mich auch daran, daß man mittlerweile alle 7-Steiner auf dem Schachbrett ausgewertet hat. Vor Jahren stellte mal jemand eine Frage vor. Es ging um die Lösung eines Siebensteiners, der in etwa 600 Zügen zum Matt führte. Er stellte drei Diagramme zur Verfügung, etwa nach dem 100ten Zug, dem 300ten und 400ten und fragte den Betrachter, ob zwischen dem 300ten Zug und dem 400ten Zug eine Verbesserung der weißen Stellung deutlich zu sehen war. Dem war nicht so. Und dennoch fand in diesen 100 Zügen zwischen 300 und 400 eine Annäherung an das Matt statt. Doch für den Menschen ist die Logik des Vorgehens nicht einsichtig. Da aber definitiv ein Matt nach 600 Zügen zu erzielen ist, MUSS eine inhärente Logik vorhanden sein! Aber formulieren lässt sie sich kaum.
    Aufgrund dieser Findung übrigens hat man auch die Schachregeln modifizieren müssen, die bisher lauteten, daß nach 50 Zügen ohne Schlagen von Material eine Partie Remis ist.

    Verfasst von kopfundgestalt | 25. Juli 2019, 13:46
    • Das sind interessante Überlegungen, die dieses Phänobjekt bei dir ausgelöst hat. Ich finde deinen Vorschlag, Momentaufnahmen zu machen und zu vergleichen sehr kreativ. Wenn man sie dann auch noch mit der Frage verknüpft, ob es Wiederholungen gibt, vielleicht sogar periodisch wiederkehrende, wären vielleicht Rückschlüsse auf die Dynamik des Systems möglich.
      Wenn du Lust und Zeit hast kannst du dir mal das PDF zu „Arnolds Katze im Wunderland“ (https://hjschlichting.wordpress.com/1992/01/11/arnolds-katze-im-wunderland/) anschauen. Dort gibt es ein chaotisches System, das trotz Transformationen, die die ursprüngliche Ansicht völlig verwischen, nach einer bestimmten Anzahl wieder erscheinen lassen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Juli 2019, 14:12
      • Gerade hatte ich auf einem Spaziergang genau diese Idee: Gibt es in einem System, dass sich lange chaotisch verhält, irgendwann eine sprunghafte Entwicklung und wie lässt sich eine solche erklären? Ich denke, dein PDF hat solchen Inhalt. Ich werde es ausdrucken 🙂

        Verfasst von kopfundgestalt | 25. Juli 2019, 14:57

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