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Energie und Entropie, Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Eine windige Sache…

Der Mont Ventoux hat einen Mondgebirgsgipfel. Sturm will das Auto gleich in den Abgrund schmeißen, und wenn die Menschen die Aussicht bis ans Meer genießen, frieren sie sehr. Auf dem Nachbarplateau Stacheldraht Wüste etliche Bunker, da fuhren wir weiter. Die nackte Erde ergrünte, winzige Kiefern schwärmten aus, vorn ein paar Einzelne Mutige die auch allein etwas wagen.
Die Zedern versammeln sich an einer anderen Stelle. Einigen fehlten die vorwitzigen ewig winkenden Schöpfe, und unser Auto furzte sich fröhlich die zehnprozentige Steigung hinab
.“

Diese Passage fand ich in „La Pagerie“* von Sarah Kirsch (1935 – 2013) und war erstaunt, wie ähnlich meine Jahrzehnte zurück liegenden eigenen Erfahrungen mit dem „windigen“ Berg gewesen waren. Der damalige Aufstieg mit einem VW-Käfer war nicht nur windig, sodass man zumindest in der bewaldeten Zone des Berges Angst vor umstürzenden Bäumen haben musste, auch die Serpentinen mit denen die Straße sich den Berg hinauf windete schienen nicht enden zu wollen.
Bei der sehr langen Abfahrt musste ich einen Halt einlegen, weil durch das Bremsen die Bremsflüssigkeit so heiß geworden war, dass sich Gasblasen gebildet hatten, die die Bremswirkung praktisch zunichte machten. Denn Gase sind ziemlich elastisch und leicht zusammendrückbar. Ehe der Bremskolben etwas von der Bremskraft spürte, die durch das bis zum Anschlag durchgetretene Bremspedal ausgeübt wurde, nahm der Wagen so richtig Fahrt auf, die ich nur durch ein Ausrollen auf einer Grasfläche mäßigen konnte. Und jetzt hieß es warten, bis der Phasenübergang von flüssig nach gasförmig wieder in umgekehrter Richtung abgelaufen war. Bei der Weiterfahrt bremste ich vorsichtshalber vor allem mit der Kupplung – was natürlich auf Dauer auch nicht gut ist.
Jahre später sollte ich den Mont Ventoux noch einmal erleben. Diesmal fuhr ich mit dem Fahrrad hinauf. Dabei erfuhr ich die Endlosigkeit der Serpentinen auch noch einmal auf eine unmittelbar körperlich spürbare Weise. Auch diese Erfahrung war nachhaltig, sodass ich später keinen zweiten Aufstieg unternahm.


* Sarah Kirsch. La Pagerie. München 1986

Diskussionen

4 Gedanken zu “Eine windige Sache…

  1. Da bist Du auch massiv sportlich gewesen? Und bist es vermutlich auch noch.
    Da kommt mir auch ein Gedanke an den Autor Tim Krabbé: Ein blendender Romanautor, ehemaliger Nationalschachspieler und bekennender Cyclist.

    Serpentinnen können bei mir erheblich den Magen durcheinanderbringen. Einmal musste ich doch fast 10 x brechen, bevor ich die Talsohle erreichte.
    Eine weiterere eher kuriose Erfahrung hatte ich, als ich nach einer Fährenüberfahrt mit dem Leihauto einen Berg hochfuhr und dann an einem Aussichtspunkt stoppen musste und verdeckt von den parkenden Autos herzerweichend und laut brechen musste. Das vertrieb einen Einheimischen in Windeseile.

    Verfasst von kopfundgestalt | 17. August 2019, 01:16
    • Fahrradfahren war in der Tat meine Lieblingsfortbewegung und ist es auch heute noch wenn auch weitgehend beschränkt auf die häusliche Umgebung. Ich habe es allerdings nie mit sportlichem Ehrgeiz betrieben, sondern eher als Möglichkeit, zugleich naturnah und doch schnell genug voranzukommen. Allerdings war es wohl nie so schnell, dass der Magen Grund zur Revolte hatte.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 17. August 2019, 10:35
  2. Das Bild gefällt mir gut. Die Straße ist fast wie ein Loop. 🙂

    Verfasst von rabirius | 18. August 2019, 18:11

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