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Marginalia, Physik und Kultur

…wie Spiegelbilder im Bach

Man sollte meinen, dass der Alltag und die Natur als Quelle für Analogien und Metaphern reichhaltig genug wären, um das Bedürfnis einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers zu befriedigen, die Unsagbarkeiten des inneren Erlebens möglichst genau zu erfassen. Verlockend sind aber auch Anleihen an Beschreibungen, die Schriftstellerkolleginnen und -kollegen bereits lange vor ihnen vorgelegt haben.
Ich nenne nur eine eindrucksvolle Passage aus Robert Musils (1880 – 1942) „Die Versuchung der stillen Veronika“ aus dem Jahre 1910/11. Dort heißt es: „Was er meinte, (…) waren kleine Melodien mitten in Geräuschen, Gefühle in Menschen, ja es gab in ihm Gefühle, die, wenn seine Worte sie suchten, noch gar keine Gefühle waren, sondern nur als hätte sich etwas in ihm verlängert, mit den Spitzen sich schon hineintauchend, benetzend, seine Furcht, seine Stille, seine Schweigsamkeit, wie die Dinge manchmal sich verlängern, an fieberhellen Frühlingstagen, wenn ihre Schatten über sie hinauskriechen und so still und nach einer Richtung bewegt stehen wie Spiegelbilder im Bach“*.
Ich war nicht wenig erstaunt, als ich eine ähnliche Stelle, teilweise mit denselben Worten formuliert in dem Roman „Mitgift“ von Ulrike Draesner aus dem Jahre 2002 fand, die in einem ganz anderen Kontext offenbar eine ähnlich komplexe Situation zu erfassen versuchte: „Was Aloe in sich suchte, glich einer kleinen Melodie inmitten von Geräusch, einem Gefühl, das sich nicht greifen ließ, wenn sie mit Worten danach tastete. Manchmal war ihr, als habe sich etwas in ihr verlängert und treibe nun mit den Spitzen aus, wie sich an schwalbendurchpflügten Sommertagen Dinge verlängern, wenn ihre Schatten über sie hinauskriechen, vorsichtig, bis sie stehenbleiben auf einem spiegelheißen, gleißenden Asphalt“**. Nur die Spiegelbilder auf dem Bach wurden ganz zeitgemäß unausgesprochen als Luftspiegelungen auf dem gleißenden Asphalt verlagert.
Für mich zeigen solche Zitate, dass es offenbar Umschreibungen vom Nichtbeschreibbaren gibt, die eine gewisse Begrifflichkeit erlangen, auch wenn diese nicht gerade mit wenigen Worten zu erfassen ist. Die Passage zeigt einmal mehr, wie genau Robert Musil die Natur bis in ihre unscheinbaren Verästelungen beobachtet hat und daraus für seine poetische Arbeit profitierte.


* Robert Musil. Vereinigungen. München 1966
** Ulrike Draesner. Mitgift. München 2002

 

Diskussionen

5 Gedanken zu “…wie Spiegelbilder im Bach

  1. In der Kunst gibt es nichts was es nicht gibt. Oder so ähnlich 🙂

    Verfasst von kopfundgestalt | 31. August 2019, 01:02
  2. Ich hab mir erst das Foto angesehen, das wieder mal wunderbare Strukturen zeigt. Dann den Musiltext gelesen, dies Tastende, Verstehen- und Beschreibenwollende in höchster Präzision. Das zweite Zitat ist mit Sicherheit ein Plagiat, eine vierschrötig übersetzte Variante des filigranen Originals. Ich glaube niemals, dass sie es selbst gefunden hat, dafür ist es in seiner Sprachführung zu vergröbert und künstlich verwirrt. Ich kann zB keine Verbindung zwischen dem, was diese Aloe in sich suchte, den „schwalbendurchpflügten Sommertagen“ und dem Asphalt herstellen, wohl aber zwischen den noch unklaren, kaum als solche erkennbaren Gefühlen, „fieberhellen Frühlingstagen“ und dem Bach, auf dem sich die Spiegelbilder in eine Richtung bewegen.
    Dass du dieses Plagiat aufgedeckt hast, zeigt, wie genau du liest..

    Verfasst von gkazakou | 31. August 2019, 10:51
    • Vielen Dank, liebe Gerda, für deine Expertise, der ich völlig zustimmen kann. Dass Ulrike Draesner, (von der ich übrigens vieles mit Gewinn gelesen habe), dies nicht unabhängig von Musil formuliert hat, war mir auch irgendwie klar, nachdem ich die Stelle bei Musil gefunden hatte. Als ich die Passage las, kam sie mir irgendwie bekannt vor. Ich ging einige Zeit damit schwanger, bis ich auf Musil kam. Natürlich blätterte ich zunächst die beiden Bände des „Mann ohne Eigenschaften“ durch und sah mir die von mir früher angestrichenen Stellen an. Das dauerte ziemlich lange, da ich mich an der einen oder anderen Stelle festlas. Schließlich fiel mir das alte kleine Piper-Bändchen von 1966 in die Hände, in dem ich früher u.a. diese Stelle angestrichen hatte. Natürlich war ich begeistert, auch davon dass Frau Draesner von derselben Stelle beeindruckt gewesen sein muss.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 31. August 2019, 12:18

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