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Physik im Alltag und Naturphänomene

Doppelabbildung im Greenwicher Octogon

Bei meinen Entdeckungen und Beobachtungen von Alltagsphänomenen ist mir aufgefallen, dass besondere Zeiten und besondere Orte die Sensibilität dafür maßgeblich zu erhöhen scheinen. Dazu gehören Reisen, Exkursionen und andere nicht alltägliche Aktivitäten.
Das im Folgenden dargestellte Beispiel bezieht sich auf einen Besuch im altehrwürdigen Royal Greenwich Observatory, das heute ein Museum ist. In dem dortigen Oktogon, einem auffälligen achteckigen Gebäude, schien die Sonne durch eines der Fenster und hinterließ auf dem Boden eine entsprechende Aufhellung von der Form des Fensters. Soweit also nichts Besonderes – bis ich ein zweites „Lichtbild“ auf dem Boden entdeckte, das zumindest auf den nunmehr zweiten Blick überhaupt nicht in mein physikalisch geprägtes Interpretationsschema passte: Wir haben eine Lichtquelle, die Sonne, also können wir auch nur eine Abbildung erwarten. Aber hier sind trotzdem zwei, die sich allerdings deutlich im Aussehen und „Verhalten“ unterscheiden: Von der hellen Sonnenprojektion wird das auftreffende Licht diffus in alle Richtungen reflektiert und es ist stationär. Die quadratische Aufhellung bleibt – von der langsamen Bewegung der Sonne abgesehen – an der Stelle, auch wenn ich meinen Standort und Blickwinkel ändere.
Das andere Abbild des Fensters unterscheidet sich nicht nur in der unterschiedlichen Position, sondern auch in der Helligkeit und Färbung. Und – es ist nicht stationär. Es bewegt sich mit dem Beobachter mit und scheint außerdem aus dem virtuellen Raum unterhalb des Bodens heraus zu scheinen. Ich kann es durch mein Hin- und Herbewegen im Raum fast nach Belieben über den Boden wandern lassen.
Es handelt sich hier um eine spiegelnde Reflexion. Normalerweise bleibt das in einem Spiegel betrachtete Bild wie der gespiegelte reale Gegenstand dort wo er ist. Und wenn ich mich fortbewege, sehe ich das Spiegelbild nicht mehr. Im vorliegenden Fall scheint es anders zu sein. Ich erblicke einen gespiegelten Ausschnitt aus dem Himmel und wenn ich mich fortbewege, gerät auch dieser Ausschnitt pflichtgemäß aus dem Blick. Davon merke ich allerdings meist nichts, weil stattdessen andere gespiegelte Himmelsausschnitte in den Blick geraten, die sich kaum voneinander unterscheiden – daher der Eindruck des mitwandernden Spiegelbilds. Und wenn ich mich dahin bewege, wo sich der gespiegelte Himmelsausschnitt mit der Sonne befindet, werde ich geblendet. Denn nunmehr gerät das Sonnenlicht auch noch durch spiegelnde Reflexion in meine Augen. Wäre der Fußboden ein perfekter Spiegel, würde ich hier gar kein Bild wahrnehmen.
Wie kann der glatte Fußboden gleichzeitig als diffus reflektierende Leinwand und als Spiegel fungieren. Was hier auf den ersten Blick als Problem erscheint, ist jedoch Ausdruck des allgemeinen Falls einer alltäglichen Reflexion. Jeder nicht perfekte Spiegel ist auch eine notdürftige Leinwand. Er reflektiert das Licht teilweise diffus und spiegelnd.
Klingt kompliziert, ist aber nur komplex.

 

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Diskussionen

2 Gedanken zu “Doppelabbildung im Greenwicher Octogon

  1. Du hattest die nicht-STATIONÄRE Reflexion schon mehrmals behandelt…durch das Schwert der Sonne etwa und auch einem welligen strassenboden.
    Immer schön wenn neue Beispiele auftauchen. 🙂

    Verfasst von kopfundgestalt | 17. September 2019, 21:23

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