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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie, Marginalia

Die B-Seite des Admirals

Als ich vor ein paar Tagen den Admiral unter den Schmetterlingen an der Glaswand unseres Gewächshauses entdeckte, wurde ich an frühere Zeiten erinnert, in denen mir manchmal die B-Seite der Songs auf den Schallplatten genauso gut oder gar besser gefielen als die Favoriten auf der A-Seite. Denn die Flügelunterseite dieses schönen Insekts ist anders als bei vielen Artgenossen von vergleichbarer Schönheit wie die Oberseite, die wir normalerweise zu sehen bekommen. Die Glaswand machte es möglich die B-Seite in aller Ruhe zu betrachten. Ist sie in ihren feinen Ziselierungen und ausgesuchten Mustern und kleinen Symmetriebrüchen nicht faszinierend?
Übrigens gefällt mir wieder einmal der wissenschaftliche Name, weil Vanessa atalanta an die Jägerin Atalante der griechischen Mythologie erinnert. Diese amazonenhafte Gestalt erlebt schon damals wie schwierig es ist, sich in der Männerwelt Respekt zu verschaffen – nicht anders als es leider auch heute noch oft der Fall ist.
Zum Vergleich zwischen Flügelober- und -unterseite ist im unteren Bild der Admiral noch einmal in seiner ganzen „oberflächlichen“ Pracht dargestellt, wie er gerade die eine Flügelhälfte teilweise unter ein grünes Blatt schiebt. Das wird bestimmt irgendeine mythologische Bedeutung haben. 🙂
Betrachtet man die Flügelmusterung verschiedener Admirale, so wird man feststellen, dass sie nicht identisch sind, sondern in Details voneinander abweichen. Ein identisches Genom kann unterschiedliche Erscheinungsformen (Phänotypen) hervorbringen. Dabei sind Musterbildungsvorgänge wirksam, wie sie bei zahlreichen Tieren auftreten. So vermutet man beispielsweise, dass bei der Musterbildung der Streifen eins Zebras Turing-Mechanismen im Spiel sind, wie man sie mit einem einfachen Programm auf dem Rechner simulieren kann. Und die Musterung des in einem früheren Beitrag beschriebenen Weberkegels kann mit Hilfe eine zellulären Automaten nachgestellt werden.

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Diskussionen

11 Gedanken zu “Die B-Seite des Admirals

  1. Die Musterbildungsvorgänge lassen mich erinnern an ein Buch von Enrico Coen „Die Formel des Lebens“.
    Ich hatte es nur bis Seite 130 gelesen, es war vor 5, 6 Jahren vielleicht zu schwierig für mich.

    Gefällt 2 Personen

    Verfasst von kopfundgestalt | 11. Oktober 2019, 01:48
    • Ich habe mich damals beim Querlesen des Buchs im Buchladen gegen einen Kauf entschieden, weil ich die zahlreichen Aspekte, die angeblich zu einer Theorie des Lebens führen, zu divergierend fand.

      Gefällt 1 Person

      Verfasst von Joachim Schlichting | 11. Oktober 2019, 09:48
      • Schade, ich hatte gerade gedacht, es nochmal neu anzufangen.

        Gefällt 1 Person

        Verfasst von kopfundgestalt | 11. Oktober 2019, 10:21
      • Die PCs sind heute so gut, dass man Projekte die damals nur auf einem Großrechner möglich waren, am heimischen Schreibtisch bearbeiten kann. Neu anzufangen ist insofern etwas aufwändig, weil man eine Programmiersprache braucht, die durch den Rechner unterstützt wird. Die waren damals einfach (z.B. Pascal, Visual Basic…) sind heute aber als eierlegende Wollmilchsäue schon etwas aufwändiger und erfordern eine entsprechenden Einlernzeit. Da man heute im Netz für viele der damals neuen Probleme entsprechende Programme im Netz finden kann, bei denen man nur die Parameter ändern muss, ist aber der Reiz des Neuen weitgehend verschwunden…:(

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        Verfasst von Joachim Schlichting | 11. Oktober 2019, 10:31
      • Es ging mir eigentlich ums Buch. Und ich war früher Programmierer 😉
        Das Buch von Coen soll recht schlecht übersetzt worden sein, das schreckt ab, es nochmal in die Hand zu nehmen.

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        Verfasst von kopfundgestalt | 11. Oktober 2019, 10:49
  2. Der Bläunling hat oft eine sehr schöne Unterseite. Es ist also oft nicht schlimm, wenn man nur diese fotografieren kann.

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    Verfasst von kopfundgestalt | 11. Oktober 2019, 01:49
  3. Daß sich der Admiral teilweise verdeckt, ist wohl dem großflächigen Wesen zu verdanken. Auf dem Rainfarn hatte ich die letzten trüben Tage eine Schlußfwespe weiblicher Art mit einem langen Ovipositor beobachten können. Das aufgeregt wirkende Tier channgierte zwischen dem Blätterwerk hastend hin und her, wobei es ja mindestens 20, 30 x dünner als lang ist.

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    Verfasst von kopfundgestalt | 11. Oktober 2019, 01:53
  4. Bei der Bestimmung von Schmetterlingen wird man ja immer mit den Phänotypen konfrontiert. Man erwartet immer das gleiche Erscheinungsbild, aber kleinere Abweichungen sind immer mit im Spiel.

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    Verfasst von kopfundgestalt | 11. Oktober 2019, 01:55
    • Ja und genau das weist auf einen „Algorithmus“ hin, der nach den genetischen Vorgaben das Muster erzeugt, das zwar eindeutig als solches erkennbar ist, aber immer kleine zufallsbedingte Abweichungen von einer wie auch immer gedachten Idealgestalt aufweist. Jeder Schmetterling der selben Art ist ein Individuum und damit auch nur ein Mensch.

      Gefällt 1 Person

      Verfasst von Joachim Schlichting | 11. Oktober 2019, 10:00

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