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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Wandelpilz – vom Kreis zum Stern

Dieser Herbst scheint ein Pilzherbst zu sein. In einem Maße, wie ich es selten erlebt habe, kommen diese weder zu den Pflanzen noch zu den Tieren gehörenden Wesen aus ihrer Deckung hervor und erfreuen viele Menschen entweder in ästhetischer oder kulinarischer Hinsicht. Im Zuge dieser Aufmerksamkeit beobachte ich einen Pilz, der im Laufe der Zeit eine merkwürdige Struktur annimmt, die zu Beginn nicht zu erwarten war. Daher habe ich kein Foto vom Anfangsstadium, in dem der Pilz einen ziemlich normalen Hut entwickelte. Doch aus diesem relativ flachen, kreisrunden Schirm ging eine fünfzählige dreidimensionale Struktur hervor (Foto links oben aus der Aufsicht und rechts oben von der Seite). Offenbar wachsen die Randbereiche des Pilzes schneller als die übrigen und das mit einer Stetigkeit, die mit topologischer Zwangsläufigkeit zu dieser wellenförmigen Randlinie führt.
Mit einem kleinen Experiment kann man dieses Längenwachstum des Randes nachvollziehen. Ein Blatt Papier wird am Rand reichlich befeuchtet. Dadurch quellen die Fasern auf, das Volumen und damit die Oberfläche werden größer und der befeuchtete Bereich wellt sich auf. Weil der sich anschließende trockene Bereich das Wachstum nicht mitmacht, bleibt nur noch der Ausweg in die Dreidimensionalität, um die größere Randlänge zu realisieren.
Der Aufwellungsprozess des Pilzes hat sich kontinuierlich fortgesetzt. Eine Woche später sieht er schon so aus, wie im unteren Foto dargestellt. Unter Beibehaltung der fünfzähligen Symmetrie (die vermutlich rein zufällig ist (?)) hat sich die aufgewellte Hutkrempe nun auch noch nach innen gelegt, sodass Teile der hellen Pilzunterseite sichtbar werden. So kann etwas topologisch Einfaches, das schnellere Wachstum des Außenbereichs der Hutkrempe des Pilzes, zu etwas sehr komplex Aussehenden werden – eine Art fünfzähliger Stern ist entstanden.
Weitere Besonderheiten im Leben von Pilzen finden man in früheren Beiträgen (z.B. hier und hier und hier und hier und hier).

Diskussionen

12 Gedanken zu “Wandelpilz – vom Kreis zum Stern

  1. ein deutsches Pilzjahr, so sieht es aus. Ich sehe in vielen Bloggerbeiträgen Riesenmengen von Pilzen. Warum wohl? Dieser Pilz ist wirklich ein sehr besonderer Hutträger! (Mein Hut, der hat fünf Ecken….)

    Verfasst von gkazakou | 18. Oktober 2019, 00:14
  2. In der Keramik hat man des öfteren solche Welleneffekte, natürlich eher unfreiwillig 😉

    Verfasst von kopfundgestalt | 18. Oktober 2019, 00:37
    • Das ist interessant. Hat das was damit zu tun, dass der Ton an den Enden einen anderen Feuchtigkeitsgehalt hat?

      Verfasst von Joachim Schlichting | 18. Oktober 2019, 10:11
      • Nein, eigentlich nicht. Mein Vergleich war im Grunde nicht statthaft. Teile ziehen sich unterschiedlich zusammen, weil sie unterschiedlich feucht zusammenmontiert wurden. Dünnere Teile werden eher trocken als dickere.

        Was ich sagen wollte, war, daß man sich nicht wundern sollte, wenn gelegentlich kleine Abweichungen vom gedachten entsstehen können.

        Verfasst von kopfundgestalt | 18. Oktober 2019, 10:46
      • Das leuchtet mir für die Keramik ein. Was den Pilz betrifft, so frage mich mich, ob dieser Prozess normal ist, ob die Zahl der Wellenberge zufällig ist. Ich weiß noch nicht einmal um was für einen Pilz es sich handelte. (Inzwischen ist er bereits zerfallen bevor er mir seinen Namen sagen konnte 😉

        Verfasst von Joachim Schlichting | 18. Oktober 2019, 10:53
      • Die Zahl der Wellenberge würde ich als unzufällig ansehen. Aber vielleicht könnte man dem Pilz „helfen“, sieben statt fünf Wellen auszubilden? 😉

        Unlängst brachten uns Freunde spontan Pilze mit, die schmeckten lecker und waren in einem Schwups weg. Aber ich war nie ein Pilzfan und -kenner.

        Verfasst von kopfundgestalt | 18. Oktober 2019, 13:44
      • Bevor wir nicht wissen, wie der Pilz heißt und seinen Steckbrief haben, können wir nur spekulieren. Mir geht es wie dir. Ich esse gerne Pilze aber ich habe außer Pfifferlingen noch keine gesammelt.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 18. Oktober 2019, 14:12
      • In „Bing“ hatte ich gerade gesucht, ist oft hilfreich, aber in diesem Fall ergebnislos gewesen.

        Verfasst von kopfundgestalt | 18. Oktober 2019, 16:18
      • Danke für deine Mühe; ich hatte auch schon fast eine Stunde in die Recherche investiert. Daher auch meine Vermutung, dass der Pilz normalerweise anders aussieht. Hier müsste vielleicht eine/ein Biolog*in her.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 18. Oktober 2019, 16:54
  3. Das ist wahrhaftig ein ganz besonderes Schwammerl 🙂

    Verfasst von Myriade | 18. Oktober 2019, 10:54

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