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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Optische Täuschungen 1: Täuschungen gehören zum Alltag

Doch sich täuschen zu lassen, gilt nach landläufiger Auffassung als elend.
Ich behaupte dagegen, daß es das größte Unglück ist,
über alle Täuschungen erhaben zu sein. . .
Der Geist des Menschen ist nun einmal so angelegt,
daß der Schein ihn mehr fesselt als die Wahrheit.
Erasmus von Rotterdam

 Der Menschen Sinne sind trügerisch und täuschbar. Das wussten schon die Philosophen der Antike, denen jedoch die physikalischen und physiologischen Ursachen im heutigen wissenschaftlichen Verständnis fremd waren. Aber auch in der heutigen aufgeklärten Zeit trifft man nicht selten auf Phänomene, bei denen man den eigenen Augen nicht trauen kann.
Physik hat normalerweise mit den Vorgängen in der unabhängig vom Subjekt gedachten Außenwelt zu tun. Dennoch erfahren wir von dieser Außenwelt nur über unsere subjektiven Sinne, und die lassen sich nun einmal täuschen. Die Täuschung als solche zu entlarven setzt daher ein solides Wissen darüber voraus, was denn realiter zu erwarten wäre. Dazu sind unabhängig von der täuschenden Wahrnehmung weitere Wahrnehmungen und Schlussweisen nötig, deren Abgleich schließlich zu einem konsistenten Bild über die Welt führt.
Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Man denke nur daran, dass die Drehung des Himmelsgewölbes und die Drehung der Sonne um die Erde zivilisationsgeschichtlich erst sehr spät als Täuschung entlarvt werden konnten. Ausschlaggebend dafür waren weniger wahrnehmungsbedingte Hinweise als vielmehr physikalische Prinzipien, mit denen die naive Sicht in Konflikt geriet. Heute weiß zwar ein jedes Kind, dass sich die Erde um sich selbst und um die Sonne dreht. Aber dieses Wissen ist in vielen Fällen angelernt und beruht meist nicht auf echter Überzeugung. Dabei können bereits einfache Erfahrungen helfen, eine kritische Distanz zur eigenen Wahrnehmung einzunehmen. Man denke etwa an das bekannte Beispiel, dass man auf dem Bahnhof im Zug sitzend vermeint, der Nachbarzug setze sich in Bewegung ehe man bemerkt, dass es der eigene ist. Oder wenn man des Nachts den Mond durch die Wolken segeln sieht, muss man sich schon etwas anstrengen, um den Mond ruhend zu sehen. Aus solchen Erfahrungen kann man u.a. folgern, dass die durch die Sinne empfangenen Informationen teilweise unabhängig von anderen geistigen Vorgängen verarbeitet werden.
Die Frage, wie wir über unsere Wahrnehmungen getäuscht werden und wie man feststellen kann, dass wir getäuscht werden, ist daher nicht nur eine interessante Frage des Physikunterrichts. Sie trägt darüber hinaus dazu bei, eigene Beobachtungen – und seien sie noch so überzeugend – zu hinterfragen und zu lernen sie gegebenenfalls mit widersprechenden Beobachtungen zu konfrontieren.
Zu bedenken ist dabei aber auch, dass Täuschungen nicht per se als negativ zu beurteilen sind. Etwas überspitzt formuliert kann man sogar sagen: Ohne Täuschung wäre das Leben nur halb so schön, wenn nicht gar in der Form, wie wir es führen, unmöglich. Man denke nur an die „realistische“ Malerei, die sich bemüht, die dreidimensionale Welt auf einer zweidimensionalen Leinwand darzustellen.
Schon im berühmten Malerwettstreit der Antike zwischen Parrhasios (etwa 440 – 390 v. Chr.) und Zeuxis (435 – 390 v. Chr.) ging es darum herauszufinden, wer das naturgetreueste Abbild schaffen könnte. Bei Plinius liest man dazu: „Zeuxis habe … Weintrauben so treffend gemalt, dass die Vögel der Schaubühne zugeflogen wären, Parrhasius aber einen so natürlich gemalten leinenen Vorhang aufgestellt, dass Zeuxis durch das Urtheil der Vögel stolz gemacht, endlich darauf gedrungen sei, den Vorhang zu entfernen und das Gemälde zu zeigen; als er nun seinen Irrthum eingesehen, soll er aus aufrichtiger Schaam sich für besiegt gehalten und gesagt haben, er habe Vögel, Parrhasius aber ihn, den Künstler, getäuscht“*
Der spätestens mit diesem Wettstreit begonnene Prozess einer immer perfekteren Nachahmung der Natur (Mimesis) hält bis heute an. Die Entdeckung der Perspektive in der Renaissance, die Erfindung der Camera Obscura und die darauf beruhende Fotografie bis hin zu Film und Fernsehen haben die zweidimensionale Täuschung zu einem unverzichtbaren Element täuschend echter Repräsentationen der realen Welt werden lassen. In unseren Tagen geht man noch einen Schritt weiter.
Mit Hilfe von immer ausgefeilteren computergrafischen Methoden und Mitteln geht es inzwischen nicht mehr nur um Mimesis, sondern um die Schaffung völlig neuer, aber täuschend echt wirkender, Welten.
Indem wir dabei beispielsweise in Kauf nehmen, dass nachweisbar parallele Linien im Raum auf der Fläche nachweisbar nicht mehr parallel sind, können wir uns der Illusion hingeben, wahre Wirklichkeitsräume vor uns zu haben. Kinder, die noch nicht in diese Scheinwelten hineinsozialisiert worden sind, haben bekanntlich zunächst Schwierigkeiten damit, auffällig fluchtende Linien auf Gemälden und Fotos als realistisch zu akzeptieren. Aber schließlich gewöhnen auch sie sich daran. Viele derartiger positiver Täuschungen erscheinen uns so selbstverständlich, dass wir sie gar nicht mehr als solche wahrnehmen. Erst wenn diese Täuschungen mit konkurrierenden Ansichten der Wirklichkeit in Konflikt geraten, nehmen wir sie mehr oder weniger amüsiert oder irritiert zur Kenntnis.
Vor Täuschungen ist keiner unserer Sinne sicher. Daher gibt es einen kaum noch zu überblickenden Reichtum an dokumentierten und in der Wahrnehmungspsychologie untersuchten Täuschungen. Ich werde in diesem Blog in lockerer Folge einige bekannte und weniger bekannte optische Täuschungen darstellen. Dabei geht es mir weniger um besonders raffinierte Möglichkeiten, das menschliche Sehen zu foppen, sondern um einfache Beispiele aus dem Alltag, die leicht zu entdecken oder mit einfachen Mitteln experimentell nachzustellen und in den meisten Fällen leicht zu durchschauen sind.


* Lenelotte Möller, Manuel Vogel (Hrsg.): Die Naturgeschichte des Caius Plinius Secundus. Wiesbaden 2007, Bd.2, S. 487

Diskussionen

20 Gedanken zu “Optische Täuschungen 1: Täuschungen gehören zum Alltag

  1. Zu täuschen ist das Metier des Künstlers. Doch durch die Täuschung will er gerade auf die dahinter liegende Wahrheit aufmerksam machen: nämlich auf die Wahrheit, dass wir aufgrund der Beschaffenheit unserer Sinnesorgane der Täuschung nicht entfliehen können. (So jedenfalls sehe ich die aufklärende Funktion der Kunst)

    Verfasst von gkazakou | 24. Oktober 2019, 00:26
  2. Es wird sicher so sein, dass das Gehirn öfters einen Sehinhalt vorbereitet und kurz vor seiner „Veröffentlichung“ korrigiert, weil es merkt, dass er so nicht stimmen kann. Diese Instanz wird verhindern, dass wir etwas völlig Abstruses wahrnehmen.

    Wir können ja auch nur etwas wahrnehmen, was es als Bild gibt. Stimmt es, dass die Ureinwohner Amerikas ein Schiff am Horizont nicht wahrnehmen konnten oder ist das ein Mythos?

    Verfasst von kopfundgestalt | 24. Oktober 2019, 00:56
    • Ein Schiff am Horizont ist oft seinen Unterbaus beraubt – wegen der Erdkrümmung. Dies könnte ein Problem sein, um ein Schiff als solches zu erkennen.
      Ansonsten weiß man von Studien mit Volksstämmen, die kaum Kontakt mit der übrigen Welt hatten (gibt es vermutlich heute kaum noch), dass Fotografien mit perspektivischen Verkürzungen als unrealistisch angesehen wurden.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 24. Oktober 2019, 09:11
      • Dasselbe gilt ja für kleine Kinder. Auch sie lernen erst allmählich, die Fluchtlinien auf einem Bild als realistisch anzuerkennen. Die mittelalterlichen Menschen waren insofern kindlich, als sie die perspektivische Darstellung,die die Alten schon gut beherrschten, erst mühsam wieder lernen mussten – was erst in der Renaissance („Jugendliche“) zur Faszination durch diese „neue“ Entdeckung führte. Wir haben uns nun, in der Postmoderne „Greise“), müde von derlei Fragen abgewandt und tun, was wir wollen: Perspektiven jeder Art, auch Perspektivlosigkeit – alles ist erlaubt. Und das gilt nicht nur für die Kunst….

        Verfasst von gkazakou | 24. Oktober 2019, 11:36
      • Dieses „anything goes“ birgt allerdings auch Gefahren. Es gibt Menschen, die wollen, dass man ihnen sagt wo es lang geht. Sie laufen Gefahr Rattenfängern zu folgen…

        Verfasst von Joachim Schlichting | 24. Oktober 2019, 12:21
      • Freilich. Wir in den sog. entwickelten Ländern leben in einer Art Greisenzustand, und Greise befinden sich oft in geistiger Verwirrung … Unserem Zeitalter fehlt ein Antrieb, der dem Renaissancestreben nach Perspektive gliche.

        Verfasst von gkazakou | 24. Oktober 2019, 12:33
      • Das ist zwar sehr deutlich ausgedrückt, aber so muss man es wohl sehen. Nach der Entgötterung der Welt fehlen vielen Menschen Perspektiven.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 24. Oktober 2019, 12:54
  3. Ich liebe OT. Bin gespannt, welche du uns auftischen wirst 🙂
    LG vom Lu

    Verfasst von finbarsgift | 24. Oktober 2019, 09:40

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  1. Pingback: Optische Täuschungen 3: Perspektivische Täuschung | Die Welt physikalisch gesehen - 21. November 2019

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