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Marginalia

Oktoberlied

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Und geht es draußen noch so toll,
Unchristlich oder christlich,
Ist doch die Welt, die schöne Welt,
So gänzlich unverwüstlich!

Und wimmert auch einmal das Herz –
Stoß an und laß es klingen!
Wir wissen’s doch, ein rechtes Herz
Ist gar nicht umzubringen.

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
Doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
Es steht die Welt in Veilchen.

Die blauen Tage brechen an,
Und ehe sie verfließen,
Wir wollen sie, mein wackrer Freund,
Genießen, ja genießen!*


*Theodor Storm (1817 -1888)

 

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Diskussionen

14 Gedanken zu “Oktoberlied

  1. Wein darf sein 🙂

    Verfasst von kopfundgestalt | 25. Oktober 2019, 00:03
  2. Wunderbar!
    Jedoch: Ist die schöne Welt wirklich unverwüstlich? Doch daran wollen wir ob dieser Oktoberwonne grad mal nicht denken…

    Verfasst von wildgans | 25. Oktober 2019, 00:06
    • In der Tat, dieses verdammte „jedoch“ hat sich inzwischen als bitterer Nachgeschmack im Wein eingenistet.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Oktober 2019, 08:48
      • Das konnte Storm nicht wissen, daß unsere Welt verwüstlich ist.

        Selbst nicht wenige Wissenschaftler tönen, daß es garnicht möglich sei, die Erde zu verwüsten, daß das nur Alarmismus sei, was so an Schreckensszenarien ständig vor uns entfaltet wird.
        Wie kann man immer wieder, egal um was es sich handelt, total gegensätzlicher Auffassung sein?

        Verfasst von kopfundgestalt | 25. Oktober 2019, 09:03
      • Ich denke auch, dass Storm noch die unverletzliche Welt vor Augen hatte.
        Dass Wissenschaft nicht immer frei von bestimmten Interessen ist, wissen wir durch viele Beispiele. Im Falle der Umweltproblematik kann man zumindest festhalten, dass die überwiegende Zahl der Wissenschaftler die Probleme erkannt haben.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Oktober 2019, 10:34
      • So mancher sagt, daß man überhaupt nicht mehr gegensteuern könne.
        Wenn man aber den sauren Regen nimmt, der vor Jahrzehnten den Wald geschädigt hat und wenn man das erfolgreiche Vermindern des Ozonlochs nimmt, dann hat der Mensch doch scheinbar Möglichkeiten, Dinge umzukehren?!

        Verfasst von kopfundgestalt | 25. Oktober 2019, 11:00
      • Das Thema hatten wir, glaube ich, schon mal. Die CO2-Problematik und die damit zusammenhängenden Probleme sind insofern fundamentaler, als die Menschheit es nicht einmal schafft, den Anstieg des CO2 zu bremsen, geschweige denn sogar wieder zu vermindern. Beim regional begrenzten sauren Regen genügte es, die Abgase zu reinigen.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Oktober 2019, 11:45
  3. Schön, Joachim. Dieser Tage geht mir ein anderes Storm-Gedicht (als Lied),dessen erste Strophe ich sehr liebe, nicht aus dem Kopf. Auch bei deinem ist es die erste Strophe, die ich so mag. Und sogleich schenke ich mir noch ein Glas holden Wein ein und trinke auf den Herbst, ob nun hell wie bei uns in Hellas oder neblig, wie in meiner alten Heimat Schleswig-Holstein, die ja auch Storms Heimat war.
    Die Strophe: „Schon ins Land der Pyramiden flohn die Störche übers Meer, Schwalbenflug ist längst geschieden, auch die Lerche singt nicht mehr.“

    Verfasst von gkazakou | 25. Oktober 2019, 00:16
    • Die Stormschen Gedichte rühren auch bei, der ich auf der anderen Seite der Elbe an der Nordseeküste aufgewachsen bin, immer ein schwer zu benennendes Gefühl der Heimatverbundenheit an. Das von dir angesprochene Herbst- Lied von Storm kenne ich auch noch aus der Schulzeit.
      Indessen muss man man feststellen, dass die Tage hier zwar kürzer aber nicht kühler werden. Wir sitzen oft noch draußen in der Sonne.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Oktober 2019, 08:59
  4. Zu Storms Zeiten war der Mensch als Individuum selbst der rauen Umwelt ausgeliefert und musste ums Überleben bangen, man denke nur an die hohe Kinder- und Müttersterblichkeit. Die Natur erschien dem Menschen als stark und unveränderbar. Niemand hätte daran gedacht, dass die Menschheit die klimatischen Bedingungen so verändern kann, dass es eines Tages Feuer regnet, wie gerade in Californien.

    Verfasst von Lisa Maria Müller | 25. Oktober 2019, 14:42
    • Das ist richtig: die Verhältnisse haben sich gewissermaßen umgekehrt und zwar relativ schnell, sodas ein entsprechendes Bewusstsein dafür noch nicht allenthalben „nachgewachsen“ ist. Leider reicht das Bewusstsein dessen nicht aus.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Oktober 2019, 16:41
  5. Ein tolles Bild!

    ..grüßt Syntaxia

    Verfasst von o)~mm | 25. Oktober 2019, 22:12

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