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Physik im Alltag und Naturphänomene

Optische Täuschungen 2: Spiegeltäuschung

Eine der bekanntesten Täuschungen besteht darin gespiegelte Gegenstände für real zu halten. Bei einem perfekten Spiegel gibt es rein optisch-visuell kaum eine Möglichkeit die Spiegelwelt von der realen Welt zu unterscheiden. Es sei denn, man vermag beide vergleichend in den Blick zu nehmen. Erst wenn man versucht, in die Spiegelwelt einzutreten, kommt es im doppelten Wortsinn zur Kollision mit anderen Aspekten der Beschaffenheit der Welt. Wer schon einmal gegen eine verspiegelte Wand beispielsweise in Form einer Glastür gelaufen ist, kann dies nur allzu gut bestätigen. Selbst Vögel, die gegen Fensterscheiben fliegen und sich dabei oft schwer verletzen oder gar zu Tode kommen, fallen auf die Spiegelwelt herein. Man versucht, sie vor dieser Täuschung mit einer anderen Täuschung zu bewahren, indem auffällige Aufkleber in der Form von Raubvögeln auf die Scheiben geklebt werden. Dadurch wird zwar die Spiegeltäuschung nicht aufgehoben, aber – so die allerdings wohl unberechtigte Hoffnung –  neutralisiert.
In vielen Fällen muss nicht einmal ein perfekter Spiegel vorhanden sein, eine glatte Wasseroberfläche bei passender Beleuchtung tut es auch. Als ich vor einiger Zeit bei der Besichtigung einer Grotte mit großem Schrecken vor einem tiefen Abgrund zu stehen vermeinte (siehe oberes Foto in: Eine abgrundtiefe Illusion) und dann kurz darauf zur Kenntnis nehmen musste, dass dieser Abgrund nicht real sondern virtuell war und sich als das in einer 3 cm hohen Wasserlache gespiegelte Gewölbe der Grotte entpuppte, war ich fasziniert und blamiert zugleich. Fasziniert, weil die Differenz zwischen körperlich empfundenem Schrecken und der Harmlosigkeit des Anlasses der Täuschung eine gewisse Erlebnistiefe gab. Blamiert war ich, weil es auch in dieser Situation bei etwas mehr Aufmerksamkeit möglich gewesen wäre, die Täuschung zu erkennen. Denn die Spiegelwelt in der dünnen Wasserschicht gab nur das Gewölbe, unter dem wir uns befanden, auf dem Kopf stehend wieder. Bei einer normalen Zimmerdecke hätte man dies sofort durchschaut. Bei einem so unvertrauten komplexen Ambiente lagen die Wiedererkennungsmerkmale aber zumindest nicht auf der Hand.
Schaut man sich eine ganz ähnliche Situation an (ebd. unteres Foto), so würde wohl kaum einer auf die Idee kommen, hier einen Turm tief unter dem Pflaster auf dem Kopf stehend vor sich zu haben. Der im Unterschied zur Grotte vertraute Kontext ließe eine solche Einschätzung gar nicht erst aufkommen. Der Vergleich beider rein optisch gleichen Situationen zeigt, wie stark und unmittelbar die vorgängige Erfahrung hilft, sich vor Täuschungen zu wappnen.
Getäuscht werden kann man sogar durch einen glatten Fußboden, der bei geeignetem Lichteinfall wie ein Spiegel wirken kann. Über einen dunklen glatten Fliesenboden etwas gedankenversunken auf eine Treppe zugehend, blieb ich plötzlich etwas erschreckt stehen, weil ich für einen Moment glaubte, der Boden würde sich unter meinen Füßen auftun und unversehens eine Treppe in ein tieferes Stockwerk freilegen (siehe Foto). Dunkle und glänzende Böden sind für derartige Täuschungen prädestiniert, weil sie nur wenig Licht diffus reflektieren. Die diffuse Reflexion ist aber neben der Absorption von Licht der einzige optische Hinweis auf die Anwesenheit eines Gegenstands, hier: des Fußbodens. Ohne dies bliebe die bloße Spiegelung und die damit verbundene Täuschung. Wenn in einem solchen Fall, die Spiegelverkehrung auch noch Sinn zu machen scheint – in der abgebildeten Situation wird aus einer realen Treppe nach oben, eine virtuelle dunkle Kellertreppe nach unten – dann besteht die echte Gefahr getäuscht zu werden (ausführlichere Diskussion spiegelnder Fußböden siehe [1]). Optische Klippen, wie sie von spiegelnden Reflexionen auf Fußböden ausgehen, erinnern vielleicht an Untersuchungen von Eleonor Gibbson und Richard Walk [2]. Sie zeigten, dass nicht nur Kinder, sondern auch Tiere virtuelle Tiefen durchaus als Herausforderung des Wirklichkeitssinns ansehen. Auch wenn man tastend feststellen kann, dass hier keine Gefahr besteht, sind teilweise starke Irritationen selbst bei Erwachsenen zu beobachten.


[1] Schlichting, H. J. (2006): Spiegelbild, Schatten und gespiegelter Schatten. MNU 59/4, S. 196-202
[2] Gibbson, E. J.; Walk, R. D. (1960): The «Visual Cliff». In: Scientific American 202, S. 64

Diskussionen

4 Gedanken zu “Optische Täuschungen 2: Spiegeltäuschung

  1. Täuschungen können durchaus gefährlich sein.
    Ich bin einmal abends über eine Brücke gegangen und meinte plötzlich, aus einem Busch am Rand des Gehwegs bewege sich etwas schnell auf mich zu. Ad hoc sprang ich auf die Strasse.

    Verfasst von kopfundgestalt | 5. November 2019, 22:35
    • Die auf der Straße lauernden größeren Gefahren sind in unseren Stammhirnen noch nicht „einprogrammiert“. Solche spontanen Reaktionen durchlaufen ja gewöhnlich nicht der Kontrolle des abwägenden Bewusstseins.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 6. November 2019, 08:14
      • Ich hatte damals an diesem Abend wässerige Augen, die mir eine Bewegung vorgaukelten.

        Ich würde gerne wissen, wie oft das Gehirn Bilder ermittelt, um sie dann im letzten Moment zu korrigieren und geläutert ans Bewusstsein zu schicken. Dieses Errechnen des zu Sehenden muß ja was Spannendes sein.

        Verfasst von kopfundgestalt | 6. November 2019, 11:01
  2. Das zu durchschauen bemühen sich die Wissenschaftler schon seit längerem, um eine optimale Reaktionstrategie auf Eindrücke zu entwickeln, die zunächst nicht eindeutig sind.

    Verfasst von Joachim Schlichting | 7. November 2019, 10:51

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