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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Optische Täuschungen 3: Perspektivische Täuschung

Im Anschluss an die vorausgegangenen Beiträge (hier und hier) möchte ich hier auf die perspektivischen Täuschungen hinweisen. Sie werden insbesondere in der Zeit der Wiederentdeckung der Perspektive durch Filippo Brunelleschi (1377 – 1446) in der Malerei und später in den nachfolgenden Darstellungstechniken wie Fotografie und Film intensiv genutzt und bestimmen unseren durch Bilder geprägten Alltag in ungeahnter Weise. In den meisten Fällen ist uns die Täuschung bewusst. So würde kaum einer davon ausgehen, dass dreidimensionale Darstellungen auf dem Papier wirklich dreidimensional wären. In geringen Entfernungen haben der Mensch und viele Tiere durch das binokulare Sehen eine Möglichkeit, echte Räumlichkeit von nur perspektivisch erzeugter Räumlichkeit zu unterscheiden. Dabei spielt insbesondere die Parallaxe eine wichtige Rolle. Denn wenn wir den Blick nur etwas verändern, scheinen sich die im Raum gesehenen Gegenstände umso weniger zu verschieben, je weiter sie entfernt sind.
Trotzdem ist man vor Täuschungen nicht sicher. Hier einige Beispiele: In der Kirche San Ignatio in Rom ist ein aufwändiges Deckengewölbe aufgrund von Geldmangel durch eine perspektivische Malerei ersetzt worden (oberes Foto).
Das Foto gibt nur eine sehr unvollkommene Darstellung des Eindrucks wieder, den man vor Ort gewinnt. Da keiner damit rechnen kann, in einer Kirche bewusst getäuscht zu werden, wird kaum anders können als echte Gewölbe und Skulpturen zu sehen. Und selbst diejenigen, die die Täuschung kennen, werden ihr rein visuell nur dadurch entkommen können, dass sie das Gewölbe aus einem extrem anderen Blickwinkel betrachten als aus dem Eingangsbereich der Kirche heraus. Wer die Täuschung schließlich auf diese Weise entlarvt, sollte nicht enttäuscht sein, sondern sich freuen wenigstens kurzeitig in den Genuss einer schönen Illusion gekommen zu sein.
Sogar eine Kuppel in San Ignatio ist nur gemalt (unteres Foto). Sie wirkt zwar etwas dunkel – weil das Licht, das normalerweise aus den Fenstern in der Kuppel kommend den Raum erhellt, nur gemalt ist. Und die gemalten Flächen können natürlich nur den ihrer Farbe entsprechenden Anteil des spärliche Streulicht des Raumes reflektieren, wobei die Farbe Weiß das Maximum an Helligkeit hervorruft, das unter den gegebenen Lichtbedingungen möglich ist.  Aber dass es sich um eine Illusion handelt, merkt man erst, wenn man die Kuppel nicht vom Standpunkt der Kirchenbesucher aus betrachtet, sondern von der Kanzel aus. Denn Perspektive ist streng genommen immer nur auf einen bestimmten Standpunkt hin entworfen. Von der Kanzel aus wirkt das Ganze unwirklich und verkehrt, was es ja auch ist.
Auch an Stellen, an denen man es kaum merkt, haben kreative Baumeister perspektivisch wirkende Spuren hinterlassen.
Wenn man im Dom von Florenz die trapezförmigen Fliesen des Fußbodens betrachtet, wird man sich kaum etwas dabei denken. Erst wer aus großer Höhe (vom Rundgang am Fuße der Kuppel aus) auf den Fußboden schaut, glaubt seinen Augen nicht zu trauen. Denn die harmlosen ringförmig angeordneten Trapeze scheinen sich nach oben in den Raum zu stülpen und eine achteckige Wand zu errichten. Diese eindrucksvolle Täuschung scheint dem Dom ein zusätzliches Stockwerk zu verleihen.
Dies muss eine optische Spielerei der Baumeister gewesen sein; an einen Zufall mag ich nicht glauben, zumal perspektivische Täuschungen auch an der Außenfassade des Glockenturms bewusst eingesetzt wurden. Da der Vorplatz des Doms verhältnismäßig klein ist, so dass man schon sehr steil hochblicken muss, um den Turm in Gänze zu erfassen, macht sich die perspektivische Verkürzung entsprechend deutlich bemerkbar. Um die einzelnen Stockwerke mit ihrer kunstvollen Außengestaltung nicht in dieser Schrumpfung verschwinden zu lassen, ist der Baumeister dazu übergegangen, die Stockwerke nach oben hin höher zu machen. Vom Vorplatz merkt man davon kaum etwas. Die Stockwerke erscheinen etwa gleich groß. Lediglich von einem anderen Standpunkt aus, z.B. von der Laterne des Doms, kann man die unterschiedliche Höhe der Stockwerke sehen und den Augentrug entlarven.

 

Diskussionen

2 Gedanken zu “Optische Täuschungen 3: Perspektivische Täuschung

  1. Interessierte mich sehr. Lese morgen auch die anderen Einträge dazu. Gute Nacht vorerst.

    Verfasst von gkazakou | 21. November 2019, 00:26
    • Danke für die Wünsche zur Nacht. Ich habe sie erst jetzt zur Kenntnis genommen. Das Spiel mit der Perspektive in den damaligen Zeiten ist merkwürdigerweise ziemlich unbekannt. Auch vor Ort – ich war achtmal in Florenz – erfährt man sehr wenig.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 21. November 2019, 10:26

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