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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Verwirrende Transparenz

Als ich diese höchst reale Szenerie eines Straßenrestaurants in Florenz erblickte, empfand ich sie in ihrer Undurchschaubarkeit als Manifestation von Transparenz, so wie sie uns in realen und metaphorischen Zusammenhängen begegnet. Man meint durchzublicken und die Situation zu durchschauen, weil es hier um real agierende Personen an einem Tisch plaudernd, trinkend und rauchend geht. Allerdings mischen sich auf einer an sich transparenten Plexiglas-„Sicht“blende im oberen Bereich spiegelnde Reflexionen der im Sonnenlicht liegenden Umgebung ein, wodurch die das Gehirn beherbergenden Köpfe der Personen in einen ganz anderen Kontext eingebunden erscheinen, während sie im unteren Bereich durch ein engmaschiges Drahtgitter auf eine ansonsten unverfälschte Weise sichtbar sind.

Spielt nicht diese Überlagerung materieller und immaterieller Transparenz im gesellschaftlichen Alltag eine zunehmende Rolle? Wir können zwar im Prinzip alles was uns umgibt auf eine bestimmte Weise durchschauen, aber wir verkennen viele uns beeinflussende Dinge sowohl in ihren Details als auch in ihrem Zusammenhang, weil die Kontexte immer komplexer werden und ihre Durchschaubarkeit mit wachsender Anstrengung verbunden ist. Damit nimmt aber auch das Interesse daran ab und gewöhnen uns an Anblicke wie diesen.

Diskussionen

12 Gedanken zu “Verwirrende Transparenz

  1. Vielleicht geht die Analogie noch viel weiter als von dir angedeutet? Soo komplex sind die wirklichen Dinge vielleicht gar nicht, wie sie uns gewöhnlich dargestellt werden. Mir kommen die Verlautbarungen des politischen Personals nicht selten wie eine Plexiglasscheibe vor, die an sich klare offensichtliche Dinge absichtlich halbtransparent und verzerrt darstellen, damit man sie nicht versteht. Aktuelles Beispiel: Aufstockung des deutschen Wehretats. Wo sind die Köpfe, wo die Füße?

    Verfasst von gkazakou | 29. November 2019, 11:25
    • Da hast du Recht. Da ich bei mir immer mehr die Tendenz entdecke, negative Dinge zu verdrängen, ist mir der Politikbereich gar nicht sofort in den Sinn gekommen. Allein die weitgehend austauschbaren Sprechblasen vieler Politiker, die man tagtäglich (Tagesschau und Co.) über sich ergehen lassen muss, sind äußerst schlichte Passepartouts, die wie auf Knopfdruck abgespult werden. Bei Interviews fangen die Gefragten oft schon mit der Antwort an, bevor die Frage in Gänze gestellt ist.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 29. November 2019, 11:40
      • Den Politikbereich verdrängen? Das kann tödlich ausgehen.

        Verfasst von gkazakou | 29. November 2019, 13:12
      • Klingt ein wenig wie die Zigarrettenherstellung hierzulande 😉 . Nein, natürlich kann und will ich den ganzen „Politikbereich“ nicht verdrängen. Was ich meine, lässt sich mutatis mutandis mit einem Wort von Christa Wolf etwa folgendermaßen umschreiben: „Sich den wirklichen Zustand der Welt vor Augen zu halten, ist psychisch unerträglich.“ Pschychische Gesundheit ist aber eine wesentliche Voraussetzung für eine „gesunde“ politische Urteilsfähigkeit.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 29. November 2019, 13:30
      • Man ist von sehr vielem Negativen umgeben. Wo sind die oft zitierten 10 % an spirituellen Menschen, die die Welt zu einer anderen machen könnten?

        Mit Politik und Geschichte beschäftige ich mich zusehends, auch aus einer gewissen Reue, das alles lange von mir ferngehalten zu haben. Aber allzuviel Negatives kann ich auch nicht an mir ranlassen. Es gibt ja sukzessive Portale mir nur positiven, aufbauenden Nachrichten. Doch selbst ich lese sie nicht, weil doch das Negative zu offensichtlich und zu zahlreich ist.

        Verfasst von kopfundgestalt | 29. November 2019, 22:23
  2. „Wir können zwar im Prinzip alles was uns umgibt auf eine bestimmte Weise durchschauen“

    Ich sah mir heute eine Vorlesung von Frau Birkenbiehl zur Quantenphysik an. Sie war an den Normalo gerichtet.
    Sie gebrauchte irgendwann den Vergleich, daß, wenn 2 zusammenstehen, A und B, und diskutieren, A nicht wissen kann, was alles in die Argumentation des anderen, B, eingeflossen ist. Was für A unschlüssig ist, kann bei B Sinn machen, aus seiner vollen Existenz heraus.
    Wie immer ist da ein gewisses Körnchen Wahrheit dahinter.

    Verfasst von kopfundgestalt | 29. November 2019, 22:13
    • Die Birkenbihl war wirklich eine faszinierende Persönlichkeit. Als Nichtphysikerin kann sie sich der Quantenmechanik natürlich nur mit Hilfe solcher (oft sehr einleuchtenden, aber nicht unbedingt spezifisch physikalischen ) Bilder annähern.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 29. November 2019, 23:01
      • Lesch gebrauchte bei einem Video ein Bild von einer Gitarrenseite, das das Elektron als Welle zwischen Kern und Aussen des Atoms einspanne. Irgendwie versagte das bei mir. Irgendetwas klang nicht so an, daß ich damit etwas anfangen konnte.

        Verfasst von kopfundgestalt | 30. November 2019, 10:30
      • Die schwingende Saite gehört zu den Archetypen der Physikausbildung. Denn Schwingungen sind in der Physik allgegenwärtig. Wer diese „Vorgeschichte“ nicht kennt, kann mit dieser Visualisierung meist kaum etwas anfangen. Es fehlt einfach die Resonanz im doppelten Wortsinn.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 30. November 2019, 10:40
      • Ich hatte mir die Stelle zweimal angehört, wurde nicht schlau draus, leider…

        Verfasst von kopfundgestalt | 30. November 2019, 10:46
      • Wie gesagt, kann ich sehr gut nachvollziehen… Darin zeigt sich einer der typischen didaktischen Fehler bei Popularisierungen, die fehlende Berücksichtigung der eigenen stillschweigenden Voraussetzungen. Von Laien wird daher die Physik auch oft als Geheimwissenschaft angesehen.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 30. November 2019, 11:05

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