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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Optische Täuschungen 4: Mehr Schein als Sein

Schaut man sich den Säulengang eines Teil des Palazzo Spada in Rom unvoreingenommen an, so wird man nichts Ungewöhnliches entdecken. Erst wenn man eine Person den Gang betretend nach hinten hindurch gehen sieht, wird es merkwürdig (linkes Foto). Zum einen sieht es so aus, als würde die Person wachsen. Zum anderen hat man den Eindruck, sie würde schneller sein, als es den Beinbewegungen entspricht. Am Ende erscheint sie fast so groß wie der Gang hoch ist.
Wir haben es hier gleich mit mehreren miteinander zusammenhängenden Illusionen zu tun: Überzeugt von der Größenkonstanz der durch den Säulengang hindurch gehenden Person muss man aus den Beobachtungen schließen, dass die Säulen nicht nur perspektivisch kürzer zu werden scheinen, sondern auch tatsächlich kürzer werden. Aber das auch zu sehen, war mir nicht möglich.
Der Erbauer dieser eigenwilligen Spielerei wollte durch die kürzer werdenden Säulen beim Betrachter die Illusion hervorrufen, dass der Gang viel länger und damit das Gebäude entsprechend imposanter erscheint, als es in Wirklichkeit ist.
Geht man selbst durch den Gang hindurch, bleibt man von einem merkwürdig irritierenden Gefühl des Schwankens zwischen Wirklichkeit und Illusion nicht ganz verschont. Wer ist auch schon vertraut mit normal aussehenden, aber kleiner werdenden Säulengängen?
Der Palazzo Spada wurde von einem der größten italienischen Renaissancearchitekten des 17. Jahrhunderts, Francesco Borromini (1599 bis 1667), im Jahre 1652 für den Kardinal Spada errichtet. Der in den Palast integrierte, säulengeschmückte Korridor ist tatsächlich nur zehn Meter lang. Borromini führte die beiden Seiten konvergierend unter Abnahme der Höhe der Säulen aus (unteres Foto), so dass die oben genannten Effekte zu beobachten und zu erleben sind. Vergleichbare Illusionsräume findet man heute allenfalls in Science Centern.

Diskussionen

18 Gedanken zu “Optische Täuschungen 4: Mehr Schein als Sein

  1. Faszinierend ! Erinnert mich an den Scheinriesen von „Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer“

    Verfasst von Myriade | 5. Dezember 2019, 00:09
  2. Gerade heute einen Vortrag von Wolf Singer gehört, in dem es um Bewusstsein ging und darin auch um Täuschungen der Wahrnehmung.
    Er zitierte in diesem Audiovortrag einen Fall, in dem man die Täuschung nicht aufheben kann trotz besseren Wissens.Das Gehirn rechnet nämlich eins ums andere Mal etwas aus, das für es logisch erscheint. Z.B. ist evolutionär eine Lichtquelle von oben kommend anzusehen. So gesehen kann das Gehirn nicht anders, als das Licht von oben hereinbrechend in der Berechnung wahrzunehmen und erzeugt eine Lösung, die in dem Falle in die Irre führt.

    Schönes Beispiel dein Beispiel hier.

    Etwas anderes leuchtete auch in dem Viortrag auf:
    „Das Messen wird zunehmend unanschaulicher, wenn es präziser wird.“
    Um die Gehirnaktivitäten zu verstehen, noch näher hinzuschauen, müsste man multidimensional rechnen, was zwar „uns“ näher kommen lässt, aber auf diesem Wege kaum mehr mitteilbar/anschaulich wird. D.h. man verliert dadurch wieder.
    Irgendwie ist das der Quantenphysik ähnlich.

    Verfasst von kopfundgestalt | 5. Dezember 2019, 00:20
    • Normalerweise sind Täuschungen ja etwas Negatives. Bei der Spada-Konstruktion erfüllt sie den positiven Zweck, fehlenden Platz und Baumaterial einzusparen. Und in der Hirnforschung dienen die Täuschungen dazu, Erkenntnisse über die „Mechanismen“ der Wahrnehmung und ihre Verarbeitung zu erlangen. Dabei trickst das Gehirn sich paradoxerweise auf mehrfache Weise selber aus: Es lässt sich täuschen, erkennt die Täuschung, nutzt die Täuschung um zu täuschen und aus der Reaktion auf die Täuschung Erkenntnisse über das „Funktionieren“ des Gehirns, also über sich selbst, zu erlangen. Wo ist hier Objektebene und wo Metaebene?

      Verfasst von Joachim Schlichting | 5. Dezember 2019, 09:54
      • Ich habe den Eindruck, unabhängig von Singer jetzt (!!), daß viele Forscher deshalb so präsent sind in den Medien, weil sie Geld generieren wollen für ihre Gruppe und nicht, weil ihre Theorien so besonders und einzigartig sind.
        Hat eine „ruhige“ , etwas unspektakuläre Theorie eine Chance?

        Verfasst von kopfundgestalt | 5. Dezember 2019, 23:25
      • Die Jagd um Drittmittel ist in der Tat ein wichtiger Aspekt in der aktuellen Forschung. Die Präsenz in Medien mag damit zusammenhängen. Wie heißt es doch so schön: Klappern gehört zum Geschäft. Aber ich glaube nicht, dass – zumindest in der Physik – spektakuläre aber unproduktive Theorien eine langfristige Überlebenschance haben. In der Physik hängt eben alles miteinander zusammen: Konsistenz, Widerspruchsfreiheit … muss gewährleistet sein.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 6. Dezember 2019, 10:32
      • Spektakuläre Theorien müssen ja auch einen Benefit zeitigen, also praktische Bedeutung gewinnen. So weit ich informiert bin, und Ferreira hat es ja auch m.E. so dargestellt, war Einsteins spezielle Relavitätstheorie für 2, 3 Jahrzehnte aus dem Fokus, weil es wenig praktische Anwendung dafür gab. Dann geriet sie wieder in Fahrt, weil man u.a. die schwarzen Löcher entdeckte, eine konsequenz aus seinen Gleichungen.

        Verfasst von kopfundgestalt | 6. Dezember 2019, 11:22
      • Auch in moderner Technik (z.B. Navis, Funkuhren etc.) spielt die Relativitätstheorie eine wichtige Rolle. Die heutige Welt wäre eine andere ohne RT.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 6. Dezember 2019, 12:16
      • Das hatte ich ja nicht gemeint. Mir ist das ja bewusst.

        Verfasst von kopfundgestalt | 6. Dezember 2019, 13:25
  3. Den umgekehrten Effekt, nämlich dass ein Mensch (oder Hund) beim Sich-Entfernen mit rasanter Geschwindigkeit kleiner wird, kann man in einer großen Höhle des Pentelikon beobachten. Der Hund lief voran in die Höhle und wurde sofort winzig. Erstaunt probierten wir Spaziergänger den Effekt wieder und wieder, und wurden uns nicht schlüssig. Lag es an dem abfallenden Grund der Höhle?

    Verfasst von gkazakou | 5. Dezember 2019, 10:43
    • Das ist ja interessant. Natürlich müsste es auch den umgekehrten Effekt geben. Wenn der Abstand zwischen Boden und „Decke“ in der Pentilikon-Höhle in Blickrichtung zunimmt, werdet ihr genau diesen Effekt beobachtet haben. Wirklich toll!

      Verfasst von Joachim Schlichting | 5. Dezember 2019, 12:20
      • Ha, ja, natürlich vergrößert sich der Abstand zwischen Boden und Decke rasant in Blickrichtung, weil der Boden abfällt und sich zugleich die Decke stark hebt. Die Öffnung nach draußen ist breit, so dass man, wenn man sich nähert, aber noch nicht drin ist, einen anderen Menschen oder einen Hund in der Höhle „verschwinden“ sehen kann: er schrumpft in ganz erstaunlichem Tempo zusammen.
        Diese und andere Abnormalitäten haben der Höhle übigens bei Satanisten einen Ruf eingebracht….

        Verfasst von gkazakou | 5. Dezember 2019, 12:46
      • Ja, dann ist der Fall eindeutig. Und ich erlaube mir zu bemerken, dass die Physik, die dieses Phänomen eindeutig als natürlich erklärt, einmal mehr ein aufklärerischen Potenzial hat gegen Satanismus und andere Obscurantismen. Den Ort muss ich in diesem Leben unbedingt noch einmal besuchen 😉

        Verfasst von Joachim Schlichting | 5. Dezember 2019, 14:29
      • Ich habe gerade mal nachgeschaut und gesehen, dass es für dich gar nicht so weit ist. Und euren Hund müsst ihr dann auch mitnehmen… 🙂

        Verfasst von Joachim Schlichting | 5. Dezember 2019, 18:49
      • ich auch! Bin gespannt, wie sich die Erfahrung anfühlt, wenn man die Erklärung dazu hat.

        Verfasst von gkazakou | 5. Dezember 2019, 18:08

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