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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie, Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Die Schwellenangst des Physikers

Dass jemand beim Übertreten dieser Türschwelle* (Foto) zumindest ein mulmiges Gefühl haben könnte ist verständlich. Bei Physikern können schon ganz normale Schwellenübertritte angesichts der damit verbundenen Schwierigkeiten für Beklemmungen sorgen. Jendenfalls hat Arthur Eddington (1882 – 1944) die Probleme des Schwellenübertritts in der folgenden Passage anschaulich zusammengefasst:
Ich stehe auf der Türschwelle, im Begriffe, mein Zimmer zu betreten. Das ist ein kompliziertes Unternehmen. Erstens muß ich gegen die Atmosphäre ankämpfen, die mit einer Kraft von 1 Kilogramm auf jeden Quadratzentimeter meines Körpers drückt. Ferner muß ich auf einem Brett zu landen versuchen, das mit einer Geschwindigkeit von 30 Kilometer in der Sekunde um die Sonne fliegt; nur den Bruchteil einer Sekunde Verspätung, und das Brett ist bereits meilenweit entfernt. Und dieses Kunststück muß fertiggebracht werden, während ich an einem kugelförmigen Planeten hänge, mit dem Kopf nach außen in den Raum hinein, und ein Ätherwind von Gott weiß welcher Geschwindigkeit durch alle Poren meines Körpers bläst. Auch hat das Brett keine feste Substanz. Darauftreten heißt auf einen Fliegenschwarm treten. Werde ich nicht hindurchfallen? Nein, denn wenn ich es wage und darauf trete, so trifft mich eine der Fliegen und gibt mir einen Stoß nach oben; ich falle wieder und werde von einer anderen Fliege nach oben geworfen, und so geht es fort. Ich darf also hoffen, das Gesamtresultat werde sein, daß ich dauernd ungefähr auf gleicher Höhe bleibe. Sollte ich aber unglücklicherweise trotzdem durch den Fußboden hindurchfallen oder so heftig emporgestoßen werden, daß ich bis zur Decke fliege, so wurde dieser Unfall keine Verletzung der Naturgesetze sondern nur ein außerordentlich unwahrscheinliches Zusammentreffen von Zufällen sein (…) Wahrlich, es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe denn daß ein Physiker eine Türschwelle überschreite. Handle es sich um ein Scheunentor oder einen Kirchturm, vielleicht wäre es weiser, er fände sich damit ab, nur ein gewöhnlicher Mensch zu sein, und ginge einfach hindurch, anstatt zu warten, bis alle Schwierigkeiten sich gelöst haben, die mit einem wissenschaftlich einwandfreien Eintritt verbunden sind.**


* Beim Übertreten dieser Schwellen in den Felsbauten Kappadokiens kann man auch aus anderen Gründen ein mulmiges Gefühl haben.

** Arthur Eddington. Das Weltbild der Physik. Braunschweig 1931. Eddington leitete die Sonnenfinsternis-Expedition (am 29. Mai 1919) während der die durch die Allgemeine Relativitätstheorie vorausgesagte gravitationale Ablenkung des Lichts bestätigt wurde, indem eine Verschiebung der scheinbaren Position der Sterne nahe der Sonne gemessen und damit ein  Hinweis auf eine Krümmung des Raums gegeben werden konnte.

Diskussionen

11 Gedanken zu “Die Schwellenangst des Physikers

  1. Oh ja, diese Eingänge muten sehr unheimlich an. Traumtüren in gewisse Seelendunkelheiten. Es könnten fuchsteufelswilde Fänger warten…Hilfe!!

    Verfasst von wildgans | 7. Januar 2020, 00:05
  2. Ein wirklich netter Artikel.
    Vermutlich muss man bis zum Ende aller Bewegung im Universum warten, bis alle fliegen den durchschreitenden durchfallen lassen. Bloss ist dann keine Materie mehr da und das Experiment macht keinen Sinn mehr.

    Wie haben sich eigentlich die Schwellenübertreter in der physik gefühlt? In der Regel wohl sehr ungemütlich.

    Verfasst von kopfundgestalt | 7. Januar 2020, 00:18
  3. Schmunzel … 🤗

    Verfasst von finbarsgift | 7. Januar 2020, 07:40
  4. Die Welt wurde von den Menschen seit eh als unheimlicher Ort empfunden – drum bauten sie ihre Häuser in festem Gestein. Sie rodeten, zähmten, bewaffneten sich, bildeten Staaten … und schließlich begannen sie die Gesetze der Natur und des Weltalls systematisch zu ergründen. Mit welchem Ergebnis? Dass sie nicht mal mehr ihre Wohnung betreten können, ohne dem Illingus zu verfallen. Außer sie folgen meinem Leitspruch: „Mut hat auch der kleine Muck“.:)

    Verfasst von gkazakou | 7. Januar 2020, 10:48

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