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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur, Strukturbildung, Selbstorganisation & Chaos

Eisblumen am Fenster

„Die Welt ist versteint zu Kristall. Kein Windhauch stört die Toten. Die Pappeln vor dem Fenster starren regungslos. Über allen Grüften liegt Schnee. Aber wenn mein Atemhauch gegen das Fensterglas streicht, welche Wunder brechen hervor in klirrendem Eise! Da ist der ganze Garten wiedererstanden, alle Wälder der Erde. Ähren, Rispen, Farne, Trauben, Schlingpflanzen erscheinen und Blumengesichte wie aus einem Traum. Andeutungen aller unter dem Schnee begrabenen Gestalten.
Und ein wunderlicher Gedanke läßt mich nicht los: Dieses ist das Zwischenreich zwischen Blumenwelt und Welt der Kristalle.
Ist denn nicht alles Sichtbarwerden von Erscheinungen nur ein zeitweises Festgerinnen oder langsames Gefrieren von Bildern? Und wenn nun hier auf den Anhauch meines Mundes Bilder von Blumen im Fensterglase erscheinen, ist das nicht im Grunde derselbe schöpferische Vorgang, den wir in gedehnterem Zeitmaß und in gewaltigerem Raummaß erleben, wenn das Sonnenlicht die im Erdenstoff steckenden Gebilde zu Sichtbarkeiten gerinnen läßt? Müssen sie nicht alle im wachsenden Weltfrost mählich zu Eis gestarren? Ist nicht dieser Absterbe- oder Verstarrungsvorgang aus dem bildsam Flüssigen zum Festgeronnenen der Lebensvorgang selber?
Wie aber steht das Gestaltgewordene zu dem Vorgang, der zur Gestaltung führt? Oder anders gefragt: Wie steht der Rhythmus, die Musik der Lebensbewegung zu der Formenschöne und Ausgeglichenheit der für das Auge sichtbar gewordenen starren Gebilde?
Wir kennen das Geheimnis der Tonfiguren! Wir wissen, daß Melodie und Harmonie übersetzt werden können in bauliche Gebilde des Auges. Wir wissen, daß jede Farbenstimmung einer Tonstimmung entspricht; jedem Zahlenverhältnis von Farben ein Verhältnis von Tönen. Schon Kepler hat es gelehrt: Die Sternenabstände unseres Planetensystems entsprechen den Klangabständen unserer Tonleiter, und diese wiederum entsprechen den Zahlen der Farbenakkorde in dem für uns sichtbaren Farbenkreis. Die Welt der Formen wäre somit eine geronnene, sichtbar gewordene Welt der Musik …
Was ich hier am Fensterglase erblicke: die Eisblumengefilde, das sind Vorentwürfe oder Erinnerungen aller wirklichen Landschaften; so wie nächtlich geträumte Träume Vorentwürfe oder Erinnerungen aller „wirklich“ genannten Tagesbilder sind. Jede dieser Gestalten, die mein Odem erschafft, kommt auch irgendwo „wirklich“ vor in fernen Zonen oder in der Tiefe eines Meeres. Jede dieser Gestalten aber liegt auch als dunkles Erbwissen oder Erberinnern durchlaufener Lebensläufe, durchtauchter Lebenstiefen in meiner eigenen Seele. Im Fensterglase wird sichtbar alles, was ist, aber auch alles, was ich bin. Es kommt aus mir wie Musik aus der Saite. Es kann sich hineinerlösen in Gestalten der Kunst oder auch in Begriffsgefüge und philosophische Gedanken.
So wäre ich also Musiker und Instrument zugleich? Schöpfer dieser Eisblumenwelt am Fenster und doch nur eines unter Milliarden von Geschöpfen , durch welche Bilderflut und Schöpferhauch rastlos werdend und entwerdend, hindurchströmt. Und auch ich bin nur Bild unter Bildern, für eine Weile festgeronnen, wie hier im Fensterglase die silberne Liane oder der gezackte Tannenwald. Hauche ich heiß gegen die Bilder, so lösen sie sich auf und gerinnen neu, oder Wasser tropft von der Scheibe …
Der tolle Hund hat mich gebissen: die Lebensabkehr, der Weltabwendungsgedanke.
Ich kehre mich ab, lege Holz auf die Flamme im Kamin, träume ins Spiel der Flamme. Und wieder scheint es mir, daß die Bilder alles Lebens feuergewoben vorüberziehen: das brâhma-vidya, die Gestaltenwandelschau!

Ich zünde meine Pfeife an und blicke nach den blauen Wolkenschwaden, und mich durchzuckt ein tröstender Gedanke: „Ich bin jetzt Weltenschöpfer. Ich rauche hier in meinem Stübchen Weltgeschichte.“ Diese graublaue Karawane, das sind die Scharen Alexanders. Und jetzt kommt die Völkerwanderung. Jetzt jagen die Hunnen. Und dieser dicke Schwaden sind die Hohenstaufen.
Und ich blase Napoleons Heere und Völkerkriege und Revolution. Rauch alles; verwehender Rauch! Er wird sich niederschlagen am Fensterglas. Und morgen, wenn mein Feuer ausgebrannt ist und Asche den Ofen deckt, dann trösten mich wieder am Fensterglase die Runendenkmale der Eisblumen und die kristallenen Wälder.“ *


*Aus Theodor Lessing. Blumen. Berlin 2004, S. 159ff

Diskussionen

9 Gedanken zu “Eisblumen am Fenster

  1. Lessings Tiriaden sind zwischen zwei Buchdeckeln hineingeronnen, wo sie fest wurden wie die Eisblumen an der Scheibe. Berauchte Gedanken , Jahrhunderte im schnellen Schritt.
    Was ist Zeit, könnte man fragen?

    Verfasst von kopfundgestalt | 21. Januar 2020, 00:16
    • Als Tirade würde ich den Text nicht empfinden. Lessing schafft es m.E. mit fast expressionistischer Wortgewalt dem Naturphänomen seine über die rein Physik hinausgehenden Aspekte anschaulich in Worte zu fassen und in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 21. Januar 2020, 09:38
      • Ok, Du hattest es ja eingestellt. Also hat es Dich beeindruckt.
        Dann sollte ich den langen Text nochmal lesen.

        In diesem Zusammenhang: Den Gehalt eines Textes kann man offenbar nur nahekommen, wenn man Zusatzinformationen hat.
        Lese ich etwa Aussagen eines Zen-Meisters, muß ich die Gedankenwelt dieser Richtung kennen, ich muß vertraut sein mit der Sprache und darf sie nicht messen mit den Kriterien, die ich etwa Artikeln in anderen Sparten menschlichen Denkens und Formulierens anlege.

        Verfasst von kopfundgestalt | 21. Januar 2020, 09:47
      • Letzteres stimmt natürlich. Außer Angelesenem weiß ich auch nicht viel über Zen-Meister. Aber muss man alles genau kennen, um einen Text in seinen Grundaussagen zu verstehen?

        Verfasst von Joachim Schlichting | 21. Januar 2020, 10:08
      • Das glaube ich gewiss!
        Ich kann z.B. die meiste Kunst nicht ohne den gesellschaftlichen Hintergrund adäquat verstehen.
        Ich kann zwar ein Kunstwerk ästhetisch ansprechend finden, vieles dessen, was alte Meister schufen, aber Duchamps oder die Surrealisten versteht man wohl doch am besten, wenn man die Bewegung ein wenig studiert hat.

        Verfasst von kopfundgestalt | 21. Januar 2020, 10:47
      • Das gilt in der Tat für einen Großteil der modernen Kunst.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 21. Januar 2020, 13:14
      • Wichtig in dem Zusammenhang (was meine Kritik an Lessing betrifft):
        Meine Kenntnisse in Kunst, Literatur und Poesie:
        Poesie: Nahe an 0.
        Romane: Einige wenige.
        Psychologische Sachbücher: 1985 – 1995.
        Sachbücher (Physik, Astronomie, Biologie, Geschichte,…) : Seit 6 Jahren erst wirklich, um die 20 Bücher pro Jahr.
        Schriften im Netz: Seit 6 Jahren recht viel.
        Kunst: Sehr intensive Auseinandersetzung mit Kunst ab Impressionismus in den 90ern. Dazu zählt ozeanische, afrikanische und Kunst des alten Mexiko.

        Wieso ich das ÜBERHAUPT schreibe? Um klarzumachen, daß meine Kenntnisse z. Teil rudimentär sind, sein müssen.
        Du kannst das im übrigen löschen, hat ja nichts mit Lessing zu tun. 🙂

        Verfasst von kopfundgestalt | 21. Januar 2020, 13:27
  2. Schön. 🙂

    Verfasst von Ariana | 21. Januar 2020, 09:13

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