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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Das Licht und die Dinge

Als er erwachte, schien die Sonne auf sein Bett: Er schüttelte die Decke zurecht, legte sich zurück und blickte in die Welt der Sonnenstäubchen, die er aufgewirbelt hatte. Lichtenberg fiel ihm ein: «Was man so prächtig Sonnenstäubchen nennt, sind doch eigentlich Dreckstäubchen.» Ihr glänzendes Treiben vor dem Hintergrund des dunklen Schrankes erinnerte ihn an die Bewegungen von Schwärmen aufgescheuchter Fische. Nach und nach werden sie ruhiger und einig in einem ganz langsamen Herniedersinken, er wundert sich, wie langsam. Manche flimmerten dabei, im Wechsel hell aufblitzend und erlöschend, und er dachte gleich an die Art, wie manche Blätter drehend fallen, so dass einmal eine glänzende Breitseite, dann wieder eine unscheinbare Kante in den Blick kommt. So verrieten diese Stäubchen ihre winzige Schuppengestalt ohne doch ihren Umriss sehen zu lassen.
Allmählich wurde sein Blick aber nicht mehr von den einzelnen Sternchen angezogen, sondern vom Ganzen ihrer Wolke, deren Grenzen er freilich nicht überschauen konnte: Er klopfte wieder auf die Decke, und aus dem Hellen trieben die Stäubchen verlöschend ins Finstere. Anderswo strömten dafür aus der Dunkelheit neue ein in den auserwählten Bereich, der aus grauem Staub silberne Sterne machte. Das ganze Zimmer musste voll von diesen Stäubchen schweben, aber leuchten durften sie nur in dem Lichtbalken, der starr und wie gleichgültig im Raume stand, während sie ihn durchspielten. Nicht gerade frei, aber doch anmutig ihrer Führung folgend: zwei Führungen: der immer neu gestalteten Strömung – fächerig oder wirbelnd – die eines ans nächste band, und der eintönigen allen gemeinsamen Nötigung des Fallens. Aber der Lichtbalken stand unbewegt.
Solange die Sonne schien! Eine Wolke trat vor sie, und alles erlosch. Der starre Balken und sein lockeres Sterngetriebe, zugleich mussten sie vergehen. Denn sie waren gar nicht zweierlei, das sah er jetzt. Ohne Lichtbalken gab es die Stäubchen nicht zu sehen, und ohne die Sternchen war kein Lichtbalken da. So also, sagte er sich, ist das Licht: An sich selber ist es nicht zu sehen, nur an den Dingen; und auch die Dinge sind aus sich selber nicht zu sehen, sondern nur im Licht.“*

So beschreibt der Wissenschaftspädagoge Martin Wagenschein (1896 – 1988) die Sonnenstrahlen, die sich inzwischen wieder vermehrt in den Wäldern zeigen. In Wirklichkeit sehen wir die Strahlen nicht, denn die sich rosenfingrig durch Baumlücken streckenden Lichtbündel treffen ja nicht in unserer Augen. Und man sieht bekanntlich nur Licht, das auf unsere Netzhäute auftrifft. Wagenschein erzählt eine ähnliche Situation sehr anschaulich, ohne die dahinter stehende Physik dozierend in den Vordergrund zu stellen.


* aus: Martin Wagenschein. Naturphänonomene sehen und verstehen. Stuttgart 1980

Diskussionen

8 Gedanken zu “Das Licht und die Dinge

  1. Gefällt mir.

    „und auch die Dinge sind aus sich selber nicht zu sehen, sondern nur im Licht“.
    Die Dinge können wir ja witzigerweise eh nicht sehen, sondern nur ein Konstrukt, das das Gehirn aus den eingehenden Informationen und einer biologischen Gestimmtheit flechtet.

    Licht ist wesentlich fürs Leben, aber meines Wissens gab und gibt es Lebensformen, die sich der Energie des Lichts nicht bedienen.

    Die Strahlen im Foto erinnern mich an den senkrechten Lichtdom, den Du kürzlich gezeigt hast.

    Verfasst von kopfundgestalt | 2. März 2020, 12:21
    • Das freut mich. Mit dem Sehen ist es so eine Sache. Manche Menschen tendieren dazu die Lichtstrahlen selbst zum Gegenstand des sehens zu machen. Dabei vergessen sie offenbar, dass Lichtstrahlen das Medium des Sehens sind. Das führt dann – auch in Physikbüchern zu findenden Äußerungen wie: Licht kann man nicht sehen.
      In der Tat gibt es Lebensformen, die ohne Licht auszukommen scheinen. Aber es gibt auch viele Lebensformen, in denen subtile und ausgeklügelte Techniken ausgenutzt werden, um doch noch an ein wenig Licht zu kommen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 3. März 2020, 12:38
  2. was für eine schöne Beschreibung!

    Verfasst von docvogel | 2. März 2020, 13:49

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