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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie, Marginalia, Physik und Kultur

Zum Drängeln von Engeln auf der Nadelspitze

Scholastikerproblem

Wieviel Engel sitzen können
auf der Spitze einer Nadel –
wolle dem dein Denken gönnen,
Leser sonder Furcht und Tadel!

»Alle!« wird’s dein Hirn durchblitzen.
»Denn die Engel sind doch Geister!
und ein ob auch noch so feister
Geist bedarf schier nichts zum Sitzen.«

Ich hingegen stell den Satz auf
Keiner! – Denn die nie Erspähten
können einzig nehmen Platz auf
geistlichen Lokalitäten.*

Als ich den Versuch von Vögeln beobachte, wie sie darum ringen auf die Nadelbaumspitze zu gelangen, wurde ich an die den Scholastikern zugeschriebene Frage erinnert, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz haben. Im Fall der gewissermaßen materiell beflügelten Wesen, vulgo Vögel, kann die Antwort durch bloßes Hinsehen gegeben werden (siehe Foto). Bei den immateriell beflügelten Geistwesen der Engel, die an keine Lokalitäten gebunden sind, dürfte die Frage Christian Morgenstern zufolge ähnlich einfach zu beantworten sein: keiner.
Vermutlich haben sich die Scholastiker gar nicht mit dieser Frage beschäftigt und es handelt sich um eine auf die (Nadel-)Spitze getriebene Übertreibung ihrer Gegner, um die Spitzfindigkeiten der Scholastiker zu karikieren bzw. diskreditieren. Sie ist bis heute nicht verstummt und hat meines Erachtens durchaus ein didaktisches Potenzial, wenn man beispielsweise an die Untersuchung von subatomaren Objekten mit Hilfe des Rastertunnelmikroskops (REM) denkt. Die Frage, wie viele Elektronen (jene hybriden Wesen zwischen materiellem Teilchen und immaterieller Welle) auf der Spitze des REM Platz haben, kann durchaus zu kreativen Diskussionen führen.


*Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Diskussionen

17 Gedanken zu “Zum Drängeln von Engeln auf der Nadelspitze

  1. … wohingegen die Frage, wieviele der hybriden Wesen zwischen Lebewesen und Informationsträger, die wir Viren nennen, auf einer Fingerspitze Platz haben, grad die Welt bewegt. Morgenstern, wo bist du, um uns die Frage zu beantworten!
    Lieber Joachim, schau doch mal bei mir vorbei und sag mir, warum diese Kondensstreifen so dick sind und uns den Himmel zugemacht haben, so dass wir jetzt fast erfrieren?

    Verfasst von gkazakou | 17. März 2020, 00:07
    • Die Corona-Viecher sind offenbar derart pathogen, dass schon eine Nadelspitze voll ausreichen würde… Ich frage mich, ob es jemanden wie Morgenstern gibt oder geben wird, der diese Krise poetisch aufs Korn nimmt.
      Was die Dicke der Kondensstreifen betrifft, so ist das ein Zeichen dafür, dass die Wasserdampfkonzentration in den Höhen um 10000 m sehr groß sein muss, sodass die Rußpartikel der Abgase als Kristallisationskeime die Kristallisation der Wasserteilchen geradezu beflügeln. Die Kondensstreifen sind nichts anderes als Wolken und tragen zu einer Intensivierung der Cirrusbewölkung bei. Da diese Wolken den Treibhauseffekt verstärken, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie zu einer temporären Abkühlung wie du sie beschreibst beitragen. Solche Abkühlungen sind meist durch kalte Luftströmungen bedingt, was allerdings im Widerspruch zu dem steht, was du über die Saharaluft schreibst… Vielleicht erübrigt sich ja inzwischen die Analyse, weil es wieder warm geworden ist (?)

      Verfasst von Joachim Schlichting | 17. März 2020, 09:34
      • Danke, Joachim, für deinen sachkundigen Kommentar. Tatsache ist, dass die Temperatur in Windeseile abstürzte. Die Sonne, die zuvor sehr stark gestrahlt hatte, so dass es unangenehm heiß wurde, verlor ihre Kraft, als ob man einen Stecker aus einem Heizkissen rausgezogen hätte, bis es richtig eisig und sehr windig wurde. Zwei Tage hielt diese Kälte an. Im griechischen Norden fielen die Temperaturen nachts teilweise auf Null, bei uns war es nur ein paar Grad wärmer. Heute ist es kühl, klar und sonnig mit ein wenig Wind.
        Meine Bronchien jammern noch. Nun, wie auch immer. Einen angenehmen Tag wünsche ich dir! Gerda

        Verfasst von gkazakou | 17. März 2020, 13:29
      • Das spricht sehr deutlich für einen Einbruch kalter Luft. Genauso wie wir hier im Norden manchmal Sahara-Temperaturen haben, kriegt ihr auch mal was Kaltes ab. Das ist natürlich bitter, wenn man dabei ist, sich auf den Frühling einzustellen. Ich habe gerade Pflücksalat gepflanzt und hoffe auf Milde. Mit dem herzlichen Wunsch, dass deinen Bronchien wieder besser zumute ist, wünsche auch ich dir einen schönen Tag. LG, Joachim.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 17. März 2020, 13:40
      • Dankeschön! Geht schon.

        Verfasst von gkazakou | 17. März 2020, 16:58
  2. Ist eigentlich jeder Gedanke schon mal gedacht worden?! 😉

    Verfasst von kopfundgestalt | 17. März 2020, 01:59
  3. Ich denke, alle schon mal gedachten Gedanken passen auf eine Nadelspitze, sodass das Universum noch Platz hat für einige weitere Fragen. 😉

    Verfasst von kopfundgestalt | 17. März 2020, 10:55
  4. Ich habe schon wieder Bilder im Kopf und nehme diese auf meiner Liste, was ich in nächster Zeit zeichnen werde.
    Danke, Joachim.

    Verfasst von Susanne Haun | 19. März 2020, 09:02

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  1. Pingback: Wieviele Engel passen auf die Nadelspitze? – Zeichnung von Susanne Haun | Susanne Haun - 26. März 2020

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