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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Fundstück 5 – Rippelpferd

In manchen chaotisch strukturierten Rippelfeldern in der Wüste findet man zuweilen Muster, die oft der Sache nicht angemessene aber hartnäckige Assoziationen auslösen. Als ich dieses Foto einordnete fand ich es ganz normal, es mit Rippelpferd zu bezeichnen, genau durch diese Assoziation wurde es aus dem Einerlei des chaotischen Kontexts herausgehoben. Solche Pareidolien kennt man zur Genüge aus anderen Bereichen. Man denke nur an den Erlkönig.
Gerda Kazakou hat mich vor einiger Zeit angesichts eines ähnlichen Fotos auf eine tiefere Metaphorik aufmerksam gemacht, mit der Novalis seine „Lehrlinge zu Sais“ beginnt:

Mannigfache Wege gehen die Menschen. Wer sie verfolgt und vergleicht, wird wunderliche Figuren entstehen sehn; Figuren, die zu jener großen Chiffernschrift zu gehören scheinen, die man überall, auf Flügeln, Eierschalen, in Wolken, im Schnee, in Kristallen und in Steinbildungen, auf gefrierenden Wassern, im Innern und Äußern der Gebirge, der Pflanzen, der Tiere, der Menschen, in den Lichtern des Himmels, auf berührten und gestrichenen Scheiben von Pech und Glas, in den Feilspänen um den Magnet her, und sonderbaren Konjunkturen des Zufalls, erblickt. In ihnen ahndet man den Schlüssel dieser Wunderschrift, die Sprachlehre derselben, allein die Ahndung will sich selbst in keine feste Formen fügen, und scheint kein höherer Schlüssel werden zu wollen. Ein Alkahest scheint über die Sinne der Menschen ausgegossen zu sein. Nur augenblicklich scheinen ihre Wünsche, ihre Gedanken sich zu verdichten. So entstehen ihre Ahndungen, aber nach kurzen Zeiten schwimmt alles wieder, wie vorher, vor ihren Blicken*.


Novalis: Dichtungen und Fragmente. Leipzig 1989, S. 162

Diskussionen

12 Gedanken zu “Fundstück 5 – Rippelpferd

  1. fantastisch, das Rippelpferd! Danke auch für das Zitieren dieses magischen Textes. Irgendwie scheint er mir grad sehr tröstlich. Vielleicht wegen des Alkahest, das über unsere Sinne ausgegossen ist, so dass wir zwar immer mal einen kurzen klaren Moment haben, wo sich eine Ahnung bildet, wohin es mit uns und unserer Welt geht, aber dann wieder Nachtschwärze sich ausbreitet. Schwierige Zeiten.

    Verfasst von gkazakou | 19. März 2020, 00:13
  2. Ich kann mich nur Gerda anschließen, verzichte auf Wiederholungen, sage aber von Herzen Danke.
    Liebe Grüße
    Ulli

    Verfasst von Ulli | 19. März 2020, 13:43
  3. Der Alkahest ist eine Art Revision des Erblickten(/Gesehenen/Wahrgenommenen.

    Dein Sandbild hat schon eine ordentliche Form, so was kann kein Zufall sein. Aber der Sand muss schon solche Formen gestaltet haben, als es noch keine Pferde gab!?
    Wie erklärt sich das? 😉

    Verfasst von kopfundgestalt | 19. März 2020, 15:41
    • Und auch auf dem Mars kommen im Prinzip derartige, einmalige Strukturen vor, wie Fotos der Marsmission zeigen. Das führt zu der alten Frage: Sind die Strukturen auch da, wenn keine hinguckt? Über Pareidolien könnte man lange philosophieren, insbesondere über ihre Einmaligkeit…

      Verfasst von Joachim Schlichting | 19. März 2020, 16:42
      • Wir hatten das ja mal schon.
        Um ein Pferd erkennen zu können, muß man eines kennen.
        Wenn kein Wesen mit Sehleistung existiert, gibt es keine Strukturen. Sehen heißt ja interpretieren.
        Zu kurz gedacht?!

        Verfasst von kopfundgestalt | 19. März 2020, 16:48
      • Sehe ich auch so. Sehen heißt auch vergleichen mit einem schier unerschöpflichen Vorrat an Mustern, wobei man mit einer Art fuzzy logic auch mehr oder weniger große Abweichungen zu tolerieren vermag.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 19. März 2020, 17:01
      • Dehaene hat in seinem Buch „Lesen“ auch gezeigt, wie das Erkennen von Mustern zur Entwicklung von Sprache und Lesen anhand der entspr. Muster-Areale geführt hat, quasi als Sekundärnutzung..

        Verfasst von kopfundgestalt | 19. März 2020, 17:55
      • Da in jedem Fall (unabhängig von der Bedeutung) Lichtmuster zu interpretieren sind ist diese „Sekundärnutzung“ gleichsam zwangsläufig.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 19. März 2020, 18:10

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