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Physik im Alltag und Naturphänomene

Eine kleine physikalische Nachtgeschichte

Der frühe Frühling in diesem Jahr, der sich gefühlt ja bereits durch den ganzen Winter hindurchzog bringt in diesen Tagen einige botanische Eisblumen hervor. Nachdem vorgestern noch der Löwenzahn seine Blüte in der prallen Sonne entfalten konnte, musste er in der gestrigen Nacht einige kristalline Gäste auf seinen Blütenblättern dulden. In der Nacht sanken die Temperaturen unter Null Grad, sodass der Taupunkt unterschritten wurde: Überschüssiger Wasserdampf kondensierte und/oder resublimierte an feinen Strukturen, so auch an der Löwenzahnblüte.
Wenn man Blütenblätter des Löwenzahns in die Hand nimmt kann man feststellen, dass sie sehr dünn und substanzarm sind. Damit ist aber auch ihre Wärmekapazität sehr klein. Es muss also nur wenig Energie durch Wärme an die Umgebung abzugegeben, um eine relativ große Temperaturerniedrigung zu bewirken und damit den „Nährboden“ für Eiskristalle zu bereiten.
Wenn man genau hinschaut kann man an den Grashalmen gefrorene Tropfen erkennen. Damit deutet sich das folgende Szenario der letzten Nacht an: Infolge der Abnahme der Temperatur wurde zunächst der Taupunkt unterschritten, sodass Wasserdampf an den glatten, dem kalten, weil wolkenlosen Himmel ausgesetzten Grashalmen zu Tropfen kondensierte. Die Blüte des Löwenzahns kühlte sich etwas langsamer ab, weil die isolierende Luft zwischen den buschigen Blütenblättern die Wärmeabgabe hinauszögerte. Als dann aber die Außentemperaturen unter den Gefrierpunkt gesunken waren, ging dann an den äußeren Stellen der Blütenblätterdiesen der Wasserdampf ohne flüssige Zwischenstufe direkt in Eiskristalle über. Gleichzeit erstarrten die Tautropfen an den Gräsern.
Auf diese Weise ist der fotografierte Anblick auf der Wiese mehr als der Eindruck eines Augenblicks, er kann uns eine kleine Geschichte über eine aufregende Nacht erzählen.

Diskussionen

12 Gedanken zu “Eine kleine physikalische Nachtgeschichte

  1. ein kleines warm-kaltes Eisblumenwunder.

    Verfasst von gkazakou | 26. März 2020, 01:15
  2. Ein wirklich schönes Foto, Joachim!
    Obwohl ich das Foto sehr schön finde, habe ich meine Balkonkästen doch lieber in meinen Galerieraum genommen, damit ich weiter etwas von den Blumen habe.
    Komme gut durch den Tag,
    Susanne

    Verfasst von Susanne Haun | 26. März 2020, 07:27
    • Vielen Dank, liebe Susanne! Alle Blüten machen so etwas natürlich nicht ohne Schaden zu nehmen mit und insofern ist deine Maßnahme natürlich sehr angebracht. Aber manche Pflanzen sind eben resilienter, so auch dieser Löwenzahn, der dann tagsüber in der Sonne wieder seine Blüte unversehrt ausbreitete.
      Auch dir einen schönen Tag und liebe Grüße,
      Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 26. März 2020, 09:39
      • Löwenzahn gilt ja auch als „Unkraut“, oder? Ich mag diese Blume sehr. Natürlich verbinde ich sie auch immer mit Peter Lustig 🙂
        Einen schönen Samstag von Susanne

        Verfasst von Susanne Haun | 28. März 2020, 13:28
      • Ja, leider hat der Mensch seine Einteilung in Oberschicht, Mittelschicht und Unterschicht nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf die Pflanzen und Tiere übertragen. Für mich gehört der Löwenzahn zu den interessantesten Blumen und zwar in allen Stadien seines Wachstums. Schön ist auch wenn er schließlich ergraut und seine „Haare“ mit der Grazie der Langsamkeit die Reise ins Unbekannte antreten.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 28. März 2020, 19:39
      • Wie schön du das ausgedrückt hast, Joachim, ich sehe die ergrauten Haare von dannen fliegen um sich ansiedeln und neu zu wachsen.

        Verfasst von Susanne Haun | 28. März 2020, 20:47
      • Danke, lieb Susanne!

        Verfasst von Joachim Schlichting | 28. März 2020, 21:16
  3. Ich bin immer wieder begeistert wie Du bei mir, bei uns in ganz selbstverständlichen und schönen Dingen eine poetisch physikalische Seite abgewinnen kannst, toll!
    Liebe Grüße
    Juergen

    Verfasst von juergenkuester | 26. März 2020, 08:56
    • Vielen Dank, lieber Jürgen, wenn mir ein wenig gelingt, die künstlerisch-poetische und die wissenschaftliche Seite als etwas Komplementäres und nicht einander Widersprechendes zu zeigen, freue ich mich natürlich.
      Liebe Grüße, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 26. März 2020, 09:44
  4. Nachdem wir nicht mehr ins Theater können,
    führst Du uns als Ersatz schon liebgewonnene Schauspieler der physikalischen Sphäre vor:
    Den Taupunkt und die Kondensation, die Wärmekapazität (dunkle Hummeln haben eine geringe) und die verzögert auftretende Kristallisation nach Überschreiten des Gefrierpunkts vor.
    Ritter Löwenzahn lässt das alles über sich ergehen, weiß er doch, daß Frau Sonne ihn wieder aus dem Zustand hinaus führt, indem sie eiligst am nächsten Tag die Bühne betreten wird.

    Verfasst von kopfundgestalt | 26. März 2020, 21:22
    • Ja, es sind eigentlich nur wenige Protagonisten – du hast einige thermodynamische genannt – die immer wieder neue physikalische Dramen hervorbringen. Wenn man die verinnerlicht hat, werden viele Phänomene auch physikalisch verständlich…

      Verfasst von Joachim Schlichting | 26. März 2020, 21:45

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