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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Physik und Literatur

Kann man das Theaterstück „Das Leben des Galilei“ von Bert Brecht (1898 – 1956) verstehen, wenn man den physikalischen Hintergrund der folgenden Passage nicht versteht? Ich kann mich an meinen eigenen Deutschunterricht erinnern, in dem das Theaterstück durchgenommen wurde. Der Sachverhalt des aschfahlen Lichts, das an einer zentralen Stelle thematisiert wird, ist mir jedoch als eine eher mystische Angelegenheit im Gedächtnis geblieben, obwohl Bert Brecht die Situation ziemlich deutlich beschreibt. Offenbar wurden wir damals gar nicht angehalten, die Situation physikalisch zu verstehen. Brecht möchte in diesem Dialog demonstrieren (siehe Foto), welche Probleme die Wissenschaftler an der Schwelle der Neuzeit bewegten: Ausgangspunkt ist Galileis Bemühen, gegen die vor allem von kirchlicher Seite vertretene Ansicht, dass die Erde als Mittelpunkt der Welt unbeweglich ist, dem heliozentrischen Weltbild, in dem sich die Erde um die Sonne dreht, durch „Beweise“ Geltung zu verschaffen. Einen solchen Beweis glaubt er mit dem Blick durch das neuartige Fernrohr auf den Mond gefunden zu haben. Er zeigt ihm nämlich, dass der Mond nicht perfekt glatt ist, sondern wie die Erde über Berge, Täler etc. verfügt. Daraus zieht er den Schluss, dass wenn der Himmelskörper Mond wie die Erde aussieht, dann ist die Erde wie der Mond ein Himmelskörper. Der münsteraner Philosoph Hans Blumenberg hat diese Situation in folgende Worte gefasst: „Galilei ist ein Mann von einer vertrackt reflektierten Optik. Er richtet das Fernrohr auf den Mond, und was er sieht, ist die Erde als Stern im Weltall“.

Sagredo: Aber das widerspricht aller Astronomie von zwei Jahrtausenden.
Galilei: So ist es. Was du siehst, hat noch kein Mensch gesehen, außer mir. Du bist der zweite.
Sagredo: Aber der Mond kann keine Erde sein mit Bergen und Tälern, so wenig die Erde ein Stern sein kann.
Galilei: Der Mond kann eine Erde sein mit Bergen und Tälern, und die Erde kann ein Stern sein. Ein gewöhnlicher Himmelskörper, einer unter Tausenden. Sieh noch einmal hinein. Siehst du den verdunkelten Teil des Mondes ganz dunkel?
Sagredo: Nein. Jetzt, wo ich darauf achtgebe, sehe ich ein schwaches, aschfarbenes Licht darauf ruhen.
Galilei: Was kann das für ein Licht sein?
Sagredo: ?
Galilei: Das ist von der Erde.
Sagredo: Das ist Unsinn. Wie soll die Erde leuchten, mit ihren Gebirgen und Wäldern und Gewässern, ein kalter Körper?
Galilei: So wie der Mond leuchtet. Weil die beiden Sterne angeleuchtet sind von der Sonne, darum leuchten sie. Was der Mond uns ist, das sind wir dem Mond. Und er sieht uns einmal als Sichel, einmal als Halbkreis, einmal voll und einmal nicht.
Sagredo: So wäre kein Unterschied zwischen Mond und Erde?
Galilei: Offenbar nein.
Sagredo: Vor noch nicht zehn Jahren ist ein Mensch in Rom verbrannt worden. Er hieß Giordano Bruno und hatte eben das behauptet.
Galilei: Gewiß. Und wir sehen es. Laß dein Auge am Rohr, Sagredo. Was du siehst, ist, daß es keinen Unterschied zwischen Himmel und Erde gibt. Heute ist der 10. Januar 1610. Die Menschheit trägt in ihr Journal ein: Himmel abgeschafft.*

Interessanterweise hat Leonardo da Vinci (1446 – 1519) bereits mehr als hundert Jahre vorher die Situation des aschgrauen Lichts mit einer Präzision beschrieben, die kaum an Deutlichkeit überboten werden kann, wenn er sagt: „Der Mond hat kein Licht von sich aus, und soviel die Sonne von ihm sieht, soviel beleuchtet sie; und von dieser Beleuchtung sehen wir soviel, wieviel davon uns sieht.“ Und im folgenden Satz, liefert er dann die Erklärung des aschgrauen Lichts: Und seine Nacht empfängt so viel Helligkeit, wie unsere Gewässer ihm spenden, indem sie das Bild der Sonne widerspiegeln, die sich in allen jenen (Gewässern) spiegelt, welche die Sonne und den Mond sehen**“.

Wer Näheres zum physikalischen Inhalt wissen möchte, sei auf einen früheren Beitrag verwiesen.


* Bertolt Brecht: Das Leben des Galilei
** z.n.: Leonardo da Vinci: Philosophische Tagebücher. Reinbek 1958, S. 69

Diskussionen

12 Gedanken zu “Physik und Literatur

  1. Ui! das Leonardo-Zitat kannte ich nicht. „Und seine Nacht empfängt so viel Helligkeit, wie unsere Gewässer ihm spenden,…..“ Diese wechselseitige Bezogenheit der Himmelskörper ist reine Magie! Schade, dass ich den neuen Mond nicht sehen kann, zu viele Wolken.
    Übrigens wird das Bild des Sichermondes mit dem darin ruhenden Erdschatten auch gedeutet als Heiliger Gral (sonnenhaft) mit der Oblate (irdisch).

    Verfasst von gkazakou | 27. März 2020, 00:22
    • Leonardo war wirklich seiner Zeit voraus. Vieles wurde erst viel später noch einmal entdeckt. Ich würde nicht von Magie sprechen, denn der Satz beschreibt nur die Reflexion der Reflexion von Licht. Allerdings klingt das selbst in deutscher Übersetzung geradezu poetisch. Bei uns war der Sichelmond gestern sehr gut zu sehen, das aschfahle Licht allerdings nur sehr schwach weil die Bewölkung auf der dem Mond zugewandten Seite der Erde nicht besonders stark ausgeprägt war. Die Deutung als der Sichel als Heiliger Gral war mir übrigens nicht geläufig, obwohl es rein visuell natürlich gut nachzuvollziehen ist.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 27. März 2020, 09:25
  2. Physik in der Literatur – das könnte sicherlich ein spannendes Semester-Thema für einen Deutschkurs der gymnasialen Oberstufe sein, wären nur die Unterrichtenden in der Thematik sicher genug.

    Verfasst von puzzleblume | 27. März 2020, 00:30
  3. Geborgte Helligkeit sozusagen, der Mond ist dankbar 😉

    Verfasst von kopfundgestalt | 27. März 2020, 12:09
  4. Das ist ein sehr interessanter Ansatz. Gerade diese Intertextualität macht das Werk Brechts ja aus. Ich muss dieses Semester noch eine Hausarbeit über Brecht schreiben und Sie haben mir einen sehr interessanten Ansatzpunkt für die Intertextualität gegeben. Vielen Dank!

    Verfasst von Jezabel Botanica | 29. April 2020, 10:21

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