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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Die Stille gibt keine Ruhe

Physikalisch gesehen ist Stille die Abwesenheit von Schall. Die uns umgebende Luft ist in völliger Ruhe. Nichts schwingt, was das Trommelfell zum Mitschwingen anregen könnte. Doch wie „hört“ sich Stille an? Kann man absolute Stille überhaupt erleben?
Undine Gruenter (1952 – 2002) sagt: Hier ist die Stille so übermächtig, daß sie in den Ohren, in den Adern zu rauschen beginnt. Nach einer Stunde konnte ich es nicht mehr aushalten, ich setzte mich im Bett auf und knipste die Nachttischlampe an*. Der eigene Körper beginnt zu lärmen, sobald die akustischen Signale von außen ausbleiben. Es müssen nicht einmal konkrete physiologische Ursachen sein, die uns von innen bedrängen. Das Schlimmste aber ist, wenn die Stille, die aus der inneren Leere hervorbricht, nicht mehr zu überhören ist, wie in dem kurzen Dialog aus Georg Büchners (1813 – 1837) Lenz beschrieben: „Sehn Sie, Herr Pfarrer, wenn ich das nur nicht mehr hören müßte, mir wäre geholfen“ – „Was denn, mein Lieber?“ – „Hören Sie denn nichts? Hören Sie denn nicht die entsetzliche Stimme die um den ganzen Horizont schreit und die man gewöhnlich die Stille heißt?“**
Auch Philippe Jaccottet (*1925) weiß der Stille nicht anders als in Metaphern des puren Gegenteils beizukommen, wenn er vernehmen lässt: „…der Gongschlag dieser nächtlichen Stille verkündigte keine wahrere Wahrheit als die hellen Klänge irgendeiner Morgenfrühe; alles, was der Mensch solchen banalen Anfällen des Grauens entgegensetzen kann, ist mir durchaus gegenwärtig, denn ich habe nicht vergessen, daß ich… eingangs eine kleine Lobrede auf die fliegenden Samen und noch schmächtigere Dinge gehalten habe“.***
Je mehr ich mich in die Literatur vertiefe, in der die Stille thematisiert wird, umso mehr bin ich überzeugt, dass Stille, die man nicht in irgendeiner Weise „hört“ keine ist.

Weitere Beiträge zu „Stille“ findet man hier und hier und hier.


* Undine Gruenter. Das gläserne Café. S. 162
** Georg Büchner. Lenz. In: Werke und Briefe. Wiesbaden 1958, S. 110
*** Philippe Jaccottet. Der Spaziergang unter den Bäumen. Zürich, Köln; 1981, S.: 103

 

 

Diskussionen

7 Gedanken zu “Die Stille gibt keine Ruhe

  1. Unser Organismus muss Stille ein Gesicht geben – ist es nicht so?!

    Verfasst von kopfundgestalt | 29. März 2020, 00:42
  2. Ich schrieb einmal: Stille ist auch ein Geräusch …
    herzliche Sonntagsgrüße an dich
    Ulli

    Verfasst von Ulli | 29. März 2020, 11:27
  3. Nach längerer stiller Blog-Absdinenz, hier mein unerhörter Kommentar-Hinweis ;- )
    4′33″ (Four minutes, thirty-three seconds) von John Cage. u.a in Wikipedia zu finden.

    Verfasst von Malabar | 29. März 2020, 18:36

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