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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Licht hat Gewicht

Ich löste die wächserne Schnur, und das Buch fiel in Falten aus Licht über meine Hände. Meine Hände zitterten unter dem Gewicht des Lichts. Die schweren gelben Rechtecke tränkten meine Handflächen und flossen über meine Hosenbeine. Meine Kleider waren von Licht durchtränkt. Ich fühlte mich wie ein Apostel. Ich fühlte mich wie ein Heiliger, nicht wie ein schmutziger müder Reisender in einem schmutzigen müden Zug. Es war natürlich ein Trick, ein Spiel der blassen Sonne, die durch das dicke Glas verstärkt wurde. Und doch machte mein Herz einen Sprung. Im Augenblick des bewegten Tümpels machte mein Herz einen Sprung. Ich legte meine Hand auf das Buch, es war warm es mußte in der Sonne gelegen haben. Ich lachte; ein paar Zeilen Physik waren in eine Wunder verwandelt worden. Oder: Ein Wunder war in ein paar Zeilen Physik verwandelt worden?
Ich drehte mich um und erblickte mein Spiegelbild im schwarzen Fenster…*

Physikalisch gesehen besteht Licht aus kleinen Teilchen, Photonen, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen. Und die Photonen haben aufgrund ihrer (Licht-) Geschwindigkeit eine Masse. Die ist zwar unvorstellbar klein, aber man kann sie daran erkennen, dass Licht zum Beispiel von Himmelkörpern angezogen wird. Diese Anziehung ist jedoch so klein, dass sie nur unter ganz bestimmten Bedingungen beobachtet werden kann. Eine Sonnenfinsternis ist dafür eine gute Gelegenheit. Betrachtet man einen Fixstern dicht neben der vom Mond abgedunkelten Sonne, so erscheint er geringfügig verschoben im Vergleich zur Position, die man normalerweise ermittelt – angezogen von der Sonne. Licht ist zwar „licht“ (= leicht), sodass man keine Angst haben muss, dass die Lichtteilchen zur Erde purzeln wie ein losgelassener Stein. Aber es hat eine Schwere aufgrund derer es durch die Gravitation von Himmelkörpern ein wenig aus seiner Bahn abgelenkt wird.


  • Winterson, Jeanette: Kunst und Lügen. Berlin: Berlin Verlag 1995, S. 16

Diskussionen

9 Gedanken zu “Licht hat Gewicht

  1. Dieses Bild …!!!
    Und gutes Gedankenfutter dazu. Licht = leicht, daran habe ich auch schon oft gedacht.
    Danke, Joachim und liebe Grüße
    Ulli

    Verfasst von Ulli | 29. April 2020, 00:39
    • Danke, liebe Ulli! Ich bin als Kind teilweise in plattdeutscher Sprache aufgewachsen und da heißt „licht“ schlichtweg „leicht“, im Englischen ist das ja auch so. Irgenwie ja auch einleuchtend (sic!).
      Liebe Grüße, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 29. April 2020, 08:39
  2. Wieso gibt es eigentlich diese Grenze Lichtgeschwindigkeit? Ich weiß, darauf gibt es keine Antwort. Auch wahrscheinlich darauf, daß diese immer konstant ist. Oder kann Licht auch gebremst werden?

    Vorhin fiel mir „verbrämen“ ein.
    Du verbrämst Lyrik mit Physik, so scheint ein Gebiet das andere zu erwärmen und in der Durchdringung zu begünstigen. Zumindest gefällt mir der Gedanke, wenn er auch nicht stimmen mag.

    Verfasst von kopfundgestalt | 29. April 2020, 10:59
    • Zur ersten Frage kann ich nur sagen: Die Relativitätstheorie, die u.a. auf dieser Grundlage beruht, ist die zurzeit beste, weil allgemein in der Scientific Community anerkannte und empirisch bestätigte Theorie.
      Verbrämen hat einen etwas negativen Unterton, der vielleicht ja auch berechtigt ist. Obwohl Lyrik oder allgemeiner Literatur und Physik an sich unvereinbar sind, suche ich nach Verbindungen oder und „Übersetzungsmöglichkeiten“, denn ich lebe in beiden Welten. Ähnliches gilt übrigens auch für die Kunst und Musik.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 29. April 2020, 13:44
  3. Das ist ein Foto !!!

    Verfasst von Myriade | 29. April 2020, 12:49
  4. Danke! Es ist wirklich ein Foto, ohne irgendeine Manipulation. Manchmal habe ich nach einiger Zeit selbst Schwierigkeiten, die Originalsituation gedanklich zu rekonstruieren. Das ist eine Art Rechtfertigung dafür, dass ich es nicht nur bei dem visuellen Originalerlebnis belasse, sondern mir per Foto Gedankenstützen zulege. Am Anfang waren fast ausschließlich naturwissenschaftliche Aspekte bestimmend. Inzwischen ist meine Motivauswahl wesentlich allgemeiner.

    Verfasst von Joachim Schlichting | 29. April 2020, 13:52
  5. Phontonen haben keine Masse, sonst könnten sie sich nicht mit Lichtgeschwindigkeit bewegen. Die Ablenkung erfolgt aufgrund der gekrümmten Raumzeit durch die Sonne im obigen Text.

    Verfasst von Thomas | 2. Mai 2020, 14:31
    • Photonen haben keine Ruhemasse, was allerdings nach derzeitigem Stand umstritten ist.
      (J. Heeck: How Stable is the Photon? Physical Review Letters 111, 021801, 2013). Aber darum ging es mir nicht, sondern darum, dass gemäß der Äquivalenz von Masse und Energie eine Gravitationswirkung besteht. Auf die gekrümmte Raumzeit einzugehen wäre für die Adressaten meines Blogs nicht angemessen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 2. Mai 2020, 15:19

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