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Physik im Alltag und Naturphänomene

Nun schweben sie wieder…

Die Löwenzahnwiese blieb die ganze Blühsaison über unberührt und durfte in Ehren fast einheitlich ergrauen. Das Gelb der Jugend wich dem weisen Weiß des Alters. Die zu „Haaren“ umgebildeten Kelchblätter von Korbblütlern (Asteraceae) heißen Pappus im in Anlehnung an das griechische Wort für Großvater „pappos“ (πάππος). Da sage noch einer die Wissenschaftler hätten keinen Sinn für anschauliche Begriffe.
Nach den trockenen Tagen verlieren die Großvaterköpfe ihre Haarpracht und die Haare schweben als kleine Minifallschirme durch den Wind entfacht vor meinem Fenster dahin. Die erste Assoziation: es schneit. Nein, es sind die Papusse, die von einer Zufallskette gelenkt zu einer möglichen neuen Heimat reisen. Zurück bleiben zahlreich kleine Glatzköpfe.
Der Zufall wird auch darüber entscheiden, wo sie schließlich landen und ob sie eine Chance haben, zu einer neuen Pflanze heranzuwachsen. Die Natur bedient sich eines einfachen Prinzips: Keine komplizierten Weginformationen, sondern ohne Rücksicht auf Verluste flächendeckende Ausbreitung. Dabei wird durch eine raffinierte Leichtbauweise und weitere physikalische Tricks erreicht, dass die Sinkgeschwindigkeiten minimal und damit Flugzeiten maximal werden, um auch bei ganz leichten Luftbewegungen voranzukommen.
Der physikalisch optimierte Bau der Gleitflieger geht mit einer eindrucksvollen Ästhetik einher. Ich empfehle Jedem bevor sie oder er mit einem leichten Blasen in die weiße Haarpracht die Gleitschirme auf Reisen schickt, die noch unversehrten Köpfchen gegen das Licht zu halten und den durchschimmernden Innenbau in Augenschein zu nehmen.

Diskussionen

22 Gedanken zu “Nun schweben sie wieder…

  1. Josef Weinheber
    Löwenzahn

    Keine Vase will dich. Keine
    Liebe wird durch dich erhellt.
    Aber deines Samens reine
    weiße Kugel träumt wie eine
    Wolke, wie der Keim der Welt.

    Lächle! Fühl dich gut gedeutet!
    Blüh! So wird aus Schweigen Huld.
    Bittre Milch und Flaum, der gleitet:
    O, nicht Haß – den Himmel weitet
    Weisheit. Stillesein. Geduld.

    Wärst du auf der Höh geboren,
    ferne, selten, früh empor:
    teilnahmslosem Gang der Horen
    blühtest ruhmvoll, unverloren,
    groß, dein Wunder vor.

    Verfasst von gkazakou | 2. Mai 2020, 00:44
    • Vielen Dank für den lyrischen Kommentar. In ihm kommt die zwiespältige Rolle des Löwenzahns sehr schön zum Ausdruck. Wusstest du, dass Weinheber seinem Namen alle Ehre machte und alkoholkrank war? Außerdem war er ein glühender Nazi, was Reich-Ranicki nicht hinderte, ihn in seinem Lyrikkanon aufzunehmen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 2. Mai 2020, 09:10
      • Nein, das wusste ich nicht. Erst wollte ich noch recherchieren, war dann aber zu müde.

        Verfasst von gkazakou | 2. Mai 2020, 10:12
      • Das kann ich verstehen. Müdigkeit hat andererseits den Vorteil, dass man einige Exkurse vermeidet und sich auf das Wesentliche beschränkt.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 2. Mai 2020, 11:52
  2. An den verlinkten Beitrag erinnere ich mich gerne.
    Solche Beiträge verdienen wiederholtes Lesen, was ich wohl auch heute nochmals tun tun werde.

    Verfasst von kopfundgestalt | 2. Mai 2020, 00:46
    • Das freut mich natürlich, weil auf diese Weise eine Vernetzung der Beiträge entsteht.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 2. Mai 2020, 09:12
      • Für die Vernetzung sorgst ja primär du. Aber es stimmt, daß, wenn man Beiträge über bestimmte Themen immer wieder liest so wie ich über etwa neurowissenschaftliches oder biologisches, dann bildet sich eine Art Substrat. Ein Bodensatz.
        Man muß sich allerdings zumindest etwas genauer mit den Dingen beschäftigen.
        35000 Stunden Schachspielen etwa bildet weniger als 350 Stunden Schachstudium.
        Entschuldigung, daß ich Schach wieder mal anführte.

        Verfasst von kopfundgestalt | 2. Mai 2020, 10:05
      • Da stimme ich mit dir überein. Und auch das Beispiel des dir vertrauten Schachs überzeugt. Der Faktor 100 zwischen Spielen uns Studieren wird aber dadurch relativiert, dass man beim Spielen mehr Spaß hat. Würde mir jedenfalls so gehen.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 2. Mai 2020, 20:33
  3. Dieses Foto ist unglaublich, Joachim, Chapeau!
    Liebe Grüße
    Ulli

    Verfasst von Ulli | 2. Mai 2020, 01:41
  4. Klasse Pusteblumenfoto! 👏
    Herzliche Morgengrüße vom Lu

    Verfasst von finbarsgift | 2. Mai 2020, 08:11
  5. Ich finde, auf dem Foto, sehen die Enden wie feiner Flaumfedern aus. Ganz zart und so zerbrechlich.

    Verfasst von das Licht | 2. Mai 2020, 10:38
  6. Was für ein brillantes Foto…. da bekomme ich gleich Lust, mit der Schere das Thema Löwenzahn nochmals anzugehen. Vor ca. vierzig Jahren schrieb ich ein Märchen über das „Tausendgoldblöttchen“ , wie ich den Löwenzahn nannte. Ich werde es nochmals lesen. Ich liebe den Löwenzahn. Ich hab ihn buchstäblich zum Fressen gern. Es ist eine unglaublich wertvolle Heilpflanze. Alle Pflanzenteile sind essbar. Danke

    Verfasst von mmandarin | 4. Mai 2020, 05:20
    • Vielen Dank! Der Löwenzahn gehört seit Kindheitstagen auch zu meinen Favoriten und ich freue mich über jede:n, der meine Liebe teilt. Dennoch habe ich mein Leben lang erfahren müssen, dass er wohl von der überwiegenden Zahl unserer Zeitgenossen als hartnäckiges Unkraut angesehen wird. Dein Märchen solltest du mal in deinem Blog publizieren.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 4. Mai 2020, 08:42

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  1. Pingback: Pusteblume (Montags ist Fototermin) | GERDA KAZAKOU - 4. Mai 2020

  2. Pingback: Warum sind Löwenzahnblüten gelb? | Die Welt physikalisch gesehen - 29. April 2021

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