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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie, Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Er ist nur halb zu sehen

  1. Der Mond ist aufgegangen
    Die gold’nen Sternlein prangen
    Am Himmel hell und klar
    Der Wald steht schwarz und schweiget
    Und aus den Wiesen steiget
    Der weiße Nebel wunderbar
  2. Wie ist die Welt so stille
    Und in der Dämmerung Hülle
    So traulich und so hold
    Gleich einer stillen Kammer
    Wo ihr des Tages Jammer
    Verschlafen und vergessen sollt
  3. Seht ihr den Mond dort stehen
    Er ist nur halb zu sehen
    Und ist doch rund und schön
    So sind wohl manche Sachen
    Die wir getrost verlachen
    Weil unsere Augen sie nicht seh’n
  4. Wir stolzen Menschenkinder
    Sind eitel arme Sünder
    Und wissen gar nicht viel;
    Wir spinnen Luftgespinste
    Und suchen viele Künste
    Und kommen weiter von dem Ziel

An diesem schönen Gedicht Matthias Claudius‘ (1740 – 1815), von dem ich hier nur die ersten vier Strophen abdrucke, haben sich schon einige „Philister“ abgearbeitet, indem sie meinten dem Claudius eine Inkorrektheit nachweisen zu können. Denn in der dritten Strophe des Gedichts heißt es: „Er ist nur halb zu sehen / Und ist doch rund und schön“. Dies könne nicht sein. Denn wenn der Mond in der Dämmerung, also bei Sonnenuntergang aufgeht, dann handelt es sich um den der Sonne gegenüberliegenden Vollmond. Der (abnehmende) Halbmond geht hingegen gegen Mitternacht auf und da hat man dann keine Dämmerung mehr. Es gibt harsche Kritik und auch Hinweise im günstigsten Fall Entschuldigungen mit der dichterischen Freiheit usw. Ich will das hier nicht weiter ausführen. Aber wer sagt denn, dass Claudius vom Halbmond spricht. Er sagt, der Mond sei nur halb zu sehen. Vielleicht ist er ja wegen teilweiser Bewölkung u. Ä. teilweise bedeckt? (siehe Foto). Denn es kommt häufig vor, dass sich eine Wolke vor den Mond schiebt und ihn halb abdeckt. Und wenn man einen Halbmond rund und schön finden kann, dann doch wohl auch einen halben Vollmond. Wie dem auch sei, ich halte diese vermeintliche Inkorrektheit weder geeignet für einen Unterrichtseinstieg in die Mondphasen noch für eine oberlehrerhafte Kritik an einem großen Dichter.

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Diskussionen

10 Gedanken zu “Er ist nur halb zu sehen

  1. Meine Frau hält sich sehr an den Mond.
    Bei Vollmond schläft sie schlecht. Aber andererseits haben wir uns an einem Vollmondtag erstmals getroffen.
    Soweit ich weiß, ist der Mond ja entstanden, als ein großer himmelskörper schräg die Erde traf.Seine Existenz jetzt ist jedenfalls ganz fruchtbar für die Menschheit.
    Mal schauen, durch welche Phasen wir jetzt gehen?!

    Verfasst von kopfundgestalt | 7. Mai 2020, 00:23
  2. Ich lächle über deine Rechtfertigung des Dichters.:) Philister sind sie freilich, denn sie gehen davon aus, Claudius wolle einen Mondaufgang physikalisch-astronomisch korrekt beschreiben – und kritisieren ihn auf der Grundlage ihrer eigenen einschränkenden Annahme. . Sein Gedicht wendet sich aber gerade gegen solche „naturwissenschaftliche“ Engstirnigkeit, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufkam und seit dem 19. Jh das westliche denken beherrscht. (So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost verlachen, Weil unsere Augen sie nicht seh’n)

    Verfasst von gkazakou | 7. Mai 2020, 12:19
  3. Ich stimme da sogar dem Arno Schmidt zu, auch ich mag es nicht, wenn Sonne und Mond literarisch falsch auf- oder untergehen. Wir hatten das auch mal mit Schatten und Spiegelungen in der Malerei. trotzdem würde ich Claudius in Schutz nehmen, denn sein Gedicht ist keine Momentaufnahme, sondern greift aus ins Weite und sehr Weite.Warum da nicht auch zeitlich ausgreifen und Erlebnisse verschiedener Zeiten in einem gedanklichen Bild zusammenfassen??

    Verfasst von gkazakou | 7. Mai 2020, 22:29
    • Ok, da bist du rigoroser als ich es wäre. Und wie realistisch die Literatur sein sollte, hängt sehr stark von der Gattung ab. Wer sich darüber aufregt, dass Grass‘ Oskar Matzerath Gläser zersingen kann, sollte gar nicht erst weiterlesen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 8. Mai 2020, 08:30
  4. Claudius sieht den Vollmond und beschreibt korrekt, dass man diesen (Vollmond) nur halb, nämlich als Scheibe, sieht. Dass der Mond eine Kugel ist und wir immer nur die selbe Hälfte sehen, war zu seiner Zeit bekannt.

    Verfasst von Robby | 21. Januar 2022, 16:47

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