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Marginalia

Nicht nur auf der Mauer auf der Lauer…

Der Frühling ist im vollen Gange. Die ersten Frühblüher, wie hier der Huflattich, haben bereits ihr Greisenstadium erreicht und sind weißhaarig geworden. Dieses grazil strukturierte Weiß bildet einen schönen Hintergrund für die Beerenwanze, die sich ohne eine Spur zu hinterlassen über die filigranen Haare hinweg bewegt.
Das an sich graubraune Tierchen beeindruckt durch ihre rötlich violetten Deckflügel und ihr helles Schildchen. Vor dem hellen Hintergrund kamen mir die Fühler im ersten Moment wie zwei gestrichelte Linien vor. Alles in allem ein schöner Anblick. Anders als ihre grüne Artgenossin, die grüne Stinkwanze, stänkert sie nicht herum.
Wanzen in ihrer großen Vielfalt sind zwiespältige Geschöpfe. Zwischen äußerer und äußerster Schönheit – und sei es nur durch ein goldschimmerndes Schild – und geradezu vampirartigem Verhalten – man denke nur an die berühmt berüchtigte Bettwanze – sind sie immer wieder zu Überraschungen gut. Schon als Kind lernte ich die Wanze in einem merkwürdigen Lied kennen, das erst dann zuende gesungen war, wenn man die W-A-N-Z-E Buchstabe für Buchstabe getilgt hatte. Damals war ich froh, dass Wanze nur aus fünf Buchstaben besteht. Nimmt man schließlich noch ihre elektronischen Abkömmlinge hinzu, so zeigt sie sich von einer weiteren unangenehmen Seite.

Diskussionen

24 Gedanken zu “Nicht nur auf der Mauer auf der Lauer…

  1. Heute habe ich den Stolperkäfer erstmals kennengelernt, ausgerechnet auf deinem Huflattich.
    Das Spannende daran war, daß seine Flügel ein Rechteck bildeten und so einen unwirschen Kontrast zum Kreisrund des Huflattichs bildeten.
    Solche Kuriositäten lernt man nur kennen, wenn man sich häufig in der Natur aufhält.

    Verfasst von kopfundgestalt | 9. Mai 2020, 00:07
    • … und der Blick für die „Kleinigkeiten“, die man üblicherweise keines Blickes würdigt. Damit will ich große Dinge, den gestrigen Supermond beispielsweise, nicht gering schätzen, aber die drängen sich dank ihrer Größe eh auf. 🙂

      Verfasst von Joachim Schlichting | 9. Mai 2020, 07:31
  2. Das Kinderlied habe ich sehr gern gehabt, es war, zusammen mit den „Entchen“ eines der ersten, die ich kannte, obwohl ich von Wanzen damals noch gar keine Vorstellung hatte.
    Die habe ich auch erst sehr spät mit Interesse zu betrachten gelernt, daher ist die Bezeichnung für die technische Lauschhilfe in der arglosen Welt um so passender.

    Erst mit dem eigenen Garten und der Kamera kamen mir diese Insekten mit den komliziert vielen und immer sehr ansehnlichen Larvenstadien plötzlich ins Bewusstsein.

    Seit sich die Bettwanzen wieder verbreiten, steht für mich einmal mehr fest, dass ich, sollten die Reisemöglichkeiten wieder einfach werden, ganz sicher keine von genügsamen Vielreisenden hochfrequentierten Hostels als Unterkunft wählen werde.

    Verfasst von puzzleblume | 9. Mai 2020, 08:16
    • Ja, die Kinderlieder. Ich bin immer wieder erstaunt über ihre Langzeitwirkung. Erstaunlich finde ich auch, dass ich die Texte oft noch in Erinnerung habe, während viele andere Dinge aus der Zeit dem Vergessen anheimgefallen sind.
      Als ich begann die zahlreichen harmlosen Wanzen in der Natur zu entdecken, wollte ich es ursprünglich nicht wahrhaben, dass sie etwas mit den Peinigern zu tun haben, die ich auf einer meiner ersten Auslandsreisen kennenlernen musste. Zu Glück habe ich keine von ihnen als blinden Passagier mit nach Hause gebracht.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 9. Mai 2020, 08:50
      • Früh gelernte Lieder verankern sich besonders tief und haben wahrscheinlich einen grossen Beitrag am späteren guten Gedächtnis, ganz allgemein,, weil auf verschiedene Weise gemerkt und vernetzt, vor allem, wenn man mitsingt.
        Meine Mutter hat abends mit mir immer gesungen, bis ins frühe Schulalter hinein, und das Repertoire war riesig.

        Verfasst von puzzleblume | 9. Mai 2020, 08:55
      • Die mehrperspektivische Vernetzung durch emotionale Wärme, Klang, eigene Aktivität wird wohl ausschlaggebend sein.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 9. Mai 2020, 11:34
      • Ja, das wird es im Wesentlichen sein. Bei mir kommt noch eine Verknüpfung mit visuellen „Momentaufnahmen“ hinzu. Oft erscheinen mir dann fotografiehafte Bilder von Dingen, die ich dabei angesehen habe, von denen es aber keine Fotos gibt. Ich habe damit später oft meine Mutter verblüfft, die zum Glück ein ähnlich visuelles Gedächtnis hatte und dem folgen konnte, was mir einfiel.

        Verfasst von puzzleblume | 9. Mai 2020, 13:30
      • Da bist du ganz schön priviligiert. 🙂

        Verfasst von Joachim Schlichting | 9. Mai 2020, 16:23
      • Wie das so ist mit Privilegien: nicht jeder kann akzeptieren, dass jemand etwas hat, dass er persönlich nicht kennt. „Glaube ich nicht“ und „Kann ja gar nicht sein“ habe ich oft gehört.

        Verfasst von puzzleblume | 9. Mai 2020, 18:45
      • Ich finde es sehr bereichernd und faszinierend, dass die Menschen unterschiedliche Fähigkeiten, Fertigkeiten, Gewohnheiten… haben. Anderenfalls wäre es doch sehr eintönig…. 😉

        Verfasst von Joachim Schlichting | 9. Mai 2020, 18:57
      • Das sehe ich ganz genauso 🙂

        Verfasst von puzzleblume | 9. Mai 2020, 19:04
  3. Hat die Wanze bei dir nur vier Buchstaben? Oder ist das ein Trick, um zu prüfen, ob wir auch sorgfältig lesen, was du schreibst? 😉 Wie auch immer, natürlich kenne ich das Wanzen-Liedchen. Die Feuerwanze habe ich vorm Jahr abkonterfeit und dadurch besser kennengelernt. https://gerdakazakou.com/2019/11/04/taegliche-zeichnung-feuerwanze-auf-aster-nach-foto-von-almuth-pflanzwas/ LiebeGrüße zum Wochenende!

    Verfasst von gkazakou | 9. Mai 2020, 11:16
  4. Was für eine Momentaufnahme!

    Verfasst von das Licht | 9. Mai 2020, 12:53
  5. Stimmt, die ergänzen sich.

    Verfasst von Joachim Schlichting | 9. Mai 2020, 11:27

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  1. Pingback: Stolperkäfer (Quadrat im Rund) – Kopf und Gestalt - 9. Mai 2020

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